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Mordfall Lena : Schweigeminute im Gerichtssaal

Der 18 Jahre alte Angeklagte vor Beginn des Prozesses im Landgericht Aurich Bild: dpa

Im März wurde die elfjährige Lena in Emden vergewaltigt und ermordet. Nun steht ein junger Mann vor Gericht, der schon Monate vor der Tat seine pädophile Neigung angezeigt hatte. Die Öffentlichkeit wurde aus dem Verfahren ausgeschlossen.

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          Im Gerichtssaal wurde zunächst mit einer Schweigeminute des Opfers gedacht – so etwas kommt selbst in Mordprozessen selten vor. In dem Prozess, der am Montag im ostfriesischen Aurich begann, einer 40.000-Einwohner-Stadt im äußersten Nordwesten Niedersachsens, geht es um die Vergewaltigung und Ermordung der elf Jahre alten Lena aus Emden.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Weniger ungewöhnlich hingegen war, dass bald darauf die Öffentlichkeit aus dem Verfahren vor der Jugendkammer ausgeschlossen wurde. Denn der groß gewachsene, kräftige Angeklagte, der sein Gesicht mit einem Aktenordner versteckte, solange noch Fotografen und Kameraleute im Saal waren, war zur Tatzeit – am 24. März dieses Jahres – erst 18 Jahre alt. Er gehört damit zur Gruppe der „Heranwachsenden“.

          Bei Angeklagten zwischen 18 und 21 Jahren prüft die Kammer, ob das Jugendstrafrecht anzuwenden ist; maßgeblich ist, ob der Angeklagte „zur Zeit der Tat nach seiner sittlichen und geistigen Entwicklung noch einem Jugendlichen gleichstand“ oder „es sich nach der Art, den Umständen oder den Beweggründen der Tat um eine Jugendverfehlung handelt“. Diese Fragen entscheiden auch über die Höchststrafe: zehn Jahre oder lebenslang. Sehr wahrscheinlich wird die Kammer ihr Urteil nach Jugendstrafrecht fällen.

          Der Vorsitzende Richter, Werner Brederlow, begründete den Ausschluss der Öffentlichkeit, den der Verteidiger des Angeklagten beantragt hatte, sowohl mit dessen Schutzinteressen als auch mit denen des Opfers und der Hinterbliebenen. „Die öffentliche Erörterung könnte seine weitere Entwicklung negativ beeinflussen“, sagte Brederlow über den Angeklagten. Eine sinnvolle Trennung der Verhandlung in öffentliche und nichtöffentliche Teile sei nicht möglich. Bis Anfang November hat das Gericht zehn weitere Verhandlungstage terminiert.

          17 Zeugen sind insgesamt geladen, außerdem sollen ein Gerichtsmediziner und ein Psychiater aussagen. Lenas Mutter und der Bruder der Ermordeten treten als Nebenkläger auf; Lenas Stiefvater wurde nicht als Nebenkläger zugelassen. Nebenkläger und ihre Vertreter dürfen auch bei nicht-öffentlichen Sitzungen dabei sein und können Anträge und Fragen stellen. Eine weitere Nebenklägerin ist eine junge Frau, die der Angeklagte im November vergangenen Jahres mit dem Ziel überfallen haben soll, sie zu vergewaltigen, als sie gerade joggte. Laut Anklage drückte der Achtzehnjährige der Frau die Luft ab, „um ihren Widerstand zu brechen“, bedrohte sie mit dem Tod, trat ihr in den Rücken, um sie an der Flucht zu hindern – letztlich vergebens.

          Lynch-Aufrufe im Internet

          Doch im Wesentlichen wird es im Prozess um den Mord an Lena gehen. Dabei handelte es sich nach Überzeugung der Ermittler um eine „Verdeckungstat“: Der Angeklagte soll, so die Anklage, Lena erwürgt haben, damit sie niemandem erzählen könne, dass er sie zuvor vergewaltigt hatte. Direkt nach der Tat wurde auch über Stichwunden spekuliert, die Polizei suchte nach einer Waffe.

          Lena ging in die vierte Klasse einer Grundschule in der Hafenstadt Emden, die etwa 30 Kilometer von Aurich entfernt ist. An jenem 24. März brach sie mit einem ebenfalls elf Jahre alten Nachbarsjungen von zu Hause auf, um Enten in den Wallanlagen zu füttern. Der Junge kehrte alleine zurück. Lenas Eltern machten sich auf die Suche und fanden schließlich das Fahrrad des Mädchens vor einem Parkhaus. Dort wurde dann am Abend die Leiche des Mädchens in einem Treppenhaus entdeckt.

          Zunächst nahmen die Ermittler einen Siebzehnjährigen fest. Gegen ihn gab es alsbald Lynch-Aufrufe im Internet. Ein 18 Jahre alter Berufsschüler schrieb auf Facebook: „Aufstand. Alle zu den Bullen. Da stürmen wir. Lasst uns das Schwein tot hauen.“ Etwa 50 Jugendliche verlangten daraufhin vor dem Emder Polizeikommissariat, den Festgenommenen herauszugeben. Der Berufsschüler wurde wegen seines Aufrufs Ende Mai zu einer zweiwöchigen Arreststrafe verurteilt.

          Ermittlungen wegen polizeilichen Fehlverhaltens

          Auf den jungen Mann, der nun in Aurich vor Gericht steht, stieß die Polizei durch Zeugen. Nach der Ausstrahlung von Videosequenzen einer Überwachungskamera aus dem Parkhaus gingen mehr als 300 Hinweise ein. Zudem hatten zwei Zeugen den Mann, den sie in einer dunklen Kapuzenjacke gesehen hatten, erkannt und sein Gesicht genau beschrieben. Eine Woche nach der Tat wurde er festgenommen. DNA-Spuren bestätigten den Verdacht. Die Tötung gestand der junge Mann, nicht aber die Vergewaltigung.

          Bald kam heraus, dass er seine Spuren auch bei drei Einbrüchen in Krummhörn nahe Emden hinterlassen hatte. Auch musste die Polizei eingestehen, dass er sich im November 2011, am Tag vor dem Überfall auf die Joggerin, selbst angezeigt hatte, weil er Nacktfotos von einer Siebenjährigen gemacht hatte. Er habe zu Protokoll gegeben, dass er aktiv gegen seine Neigungen vorgehen wolle, sich in fachlicher Betreuung befinde und mit der Selbstanzeige „einen Schlusspunkt setzen“ wolle.

          Das Amtsgericht Hannover ordnete eine Hausdurchsuchung an, die aber unterblieb. Auch wurde bekannt, dass der Stiefvater des jungen Mannes ebenfalls schon im vorigen Jahr eine Festplatte seines Stiefsohns mit kinderpornographischem Material bei der Polizei abgegeben hatte. Die Polizeidirektion Osnabrück nahm interne Ermittlungen wegen polizeilichen Fehlverhaltens gegen mehrere Beamte auf.

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