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Mordfall Dominik Brunner : „Ich muss einen Blackout gehabt haben“

„Mir tut der Tod von Herrn Brunner unendlich leid”: der Angeklagte Markus S. Bild: REUTERS

Nach seinem Tod wurde er als Held geehrt: Der Manager Dominik Brunner wollte mehrere Schüler beschützen und wurde deshalb von Jugendlichen erschlagen. Zum Prozessauftakt vor dem Landgericht in München haben die beiden Angeklagten die Tat gestanden, aber jede Tötungsabsicht verneint.

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          Der Markus, ein schüchterner Junge, zurückhaltend, eher in sich gekehrt. So beschreibt ihn sein Verteidiger in einer Erklärung. Um es amtlich zu machen: „Davon konnten wir uns als Verteidiger überzeugen.“ Hier sitze er nun, „der Markus“, und hoffe auf ein faires Verfahren - was so schwierig sei, angesichts der großen Emotionalität, die diesen Fall begleite. Das Ganze habe diesen jungen Menschen tief betroffen gemacht. „Vor Ihnen sitzt Markus, der Verantwortung trägt für den Verlust eines Menschen und immer und unumkehrbar daran tragen wird.“ Mit dem jungen Mann unter Mordanklage, „dem Markus“, ist man dann schnell auf Streetworker-Ebene: Wo ist der denn da reingeraten? Das schafft Nähe. Unerwähnt bleibt, dass Markus S. in einem sozialen Netzwerk im Internet als Wunsch, was er in seinem Leben noch machen möchte, angab: „Ein Bullenrevier in die Luft sprengen.“ Auf dem Profilbild dazu hatte er eine Pistole in der Hand. Mensch, der Markus.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          „Markus S.“ ließe an einen erwachsenen Menschen denken, der genau wusste, was er tat. „Der Markus“ nicht. Bei seiner ersten Vernehmung, so sein Verteidiger, sei die ganze Tragik offenbar geworden, da habe er gesagt: „Ganz ehrlich, ich kann es mir nicht erklären, wie es dazu kam.“

          Die Staatsanwaltschaft schon. Aus Rache hätten der 18 Jahre alte Markus S. und der zum Tatzeitpunkt noch 17 Jahre alte Sebastian L. am 12. September 2009 den 50 Jahre alten Dominik Brunner zusammengetreten und geschlagen, da er sie daran hindern wollte, vier Kinder auszurauben. In dem Töten aus Rache sieht sie das Mordmerkmal des niederen Beweggrunds gegeben. Markus S. sagt dazu am Dienstag vor Gericht, allerdings nur in einer zweiten Erklärung, die sein Verteidiger in seinem Namen verliest: „Ich muss wohl voll einen Blackout gehabt haben.“

          Auf dem Weg zur Oma, mit der Faust ins Gesicht

          Mit Wodka fängt alles an. Am Abend vor dem 12. September hängen Markus S., Sebastian L. und Christoph L. in einem Park in München rum. Wodka, Bier, der eine oder andere Joint. Um drei Uhr morgens ist die Nacht vorbei. Die drei legen sich in der Wohnung von Markus S. schlafen. Am nächsten Morgen gibt es zum Frühstück Wodka mit Orangensaft, später noch eine Semmel vom „Netto“. Danach, auf dem Spielplatz eines Parks, wieder Bier und Wodka. Dann will Christoph T. zu seiner Großmutter fahren, die beiden anderen in die Wohngemeinschaft der Suchthilfeeinrichtung Condrobs, wo Sebastian L. wohnt.

          An der S-Bahn-Station Donnersbergerbrücke treffen die drei auf zwei Jungen und zwei Mädchen im Alter von 13 bis 15 Jahren. Christoph habe die Idee gehabt, sie zu bedrohen und Geld von ihnen zu fordern, sagen Sebastian L. und Markus S. Laut Anklage schlägt T. einen der Jungen mit der Faust ins Gesicht. Die Staatsanwaltschaft erkennt schon hier einen gemeinsamen Tatplan der drei, 15 Euro von den Jugendlichen zu erpressen. Von Beleidigungen der Kinder ist die Rede, „Hurensöhne“ habe man wohl gesagt, gibt Sebastian L. zu.

          Um 15.56 fährt die S 6 Richtung Tutzing ein, in die Christoph T., auf dem Weg zur Oma, einsteigen muss. „Haut's rein“, habe er seinen Freunden noch zugerufen. Das habe nur soviel bedeutet wie „Macht's gut“, sagen Sebastian L. und Markus S. Er solle es denen „richtig zeigen“ habe Christoph T. gesagt, heißt es dagegen in der Anklage. (Im April wurde Christoph T. wegen räuberischer Erpressung zu 19 Monaten auf Bewährung verurteilt.)

          „Du Spasti, was mischt Du Dich ein!“

          Drei Minuten später fährt die S 7 Richtung Wolfratshausen ein. Die vier Jugendlichen steigen ein, suchen sich ein Viererabteil. Markus S. und Sebastian L. setzen sich direkt in das Viererabteil daneben. Dort sitzt am Fenster schon „ein älterer Mann“, wie Markus S. später sagen wird. Dominik Brunner, Jurist, Vorstandsmitglied einer Ziegelfabrik in Niederbayern. Während Brunner aus dem Fenster schaut, hören seine Sitznachbarn nicht auf, die Jugendlichen anzupöbeln. „Wir wollten die ärgern, die haben immer rübergeschaut und über uns gelästert“, sagt Markus S. in seiner Erklärung dazu. Er habe dann Sachen gesagt wie: „Wenn ihr nicht aufhört mit dem Grinsen, dann gibt's eins.“ Aber das habe er natürlich nicht ernsthaft vorgehabt. Er habe nur nicht als „Depp“ dastehen wollen.

          Die andere Version bietet die Staatsanwaltschaft: Beide hätten „mehrfach lautstark angekündigt“, die Kinder zu überfallen und „abzuziehen“. Brunner wird es zu viel. Er kündigt an, die Polizei anzurufen und sich auch als Zeuge zur Verfügung zu stellen, wenn sie nicht aufhörten. Einen „Scheißdreck“ gehe es ihn an, ist die Antwort. „Du Spasti, was mischt Du Dich ein!“ Brunner steht auf und verständigt die Polizei. Er kündigt in ruhigem Ton an, mit den vier Kindern später am Bahnhof Solln auszusteigen. Markus S. und Sebastian L. seien, so die Anklage, „schon zu diesem Zeitpunkt über das Einschreiten des später Getöteten sehr verärgert“. Auch sie bleiben in der Bahn, obwohl sie schon zwei Stationen vorher aussteigen müssten. Verpasst hätten sie ihre Haltestelle wegen des Streits, sagen die beiden. Absichtlich seien sie geblieben, um an ihrem Plan, die Kinder auszurauben, festzuhalten, sagt die Staatsanwaltschaft.

          „Hatten Sie denn Geld dabei?“, fragt der Richter Sebastian L. „Nein, wir wollten ja zu mir in die Wohngemeinschaft ,Easy Contact' fahren, um welches zu holen.“ Fünf Euro bekomme er dort jeden Tag, am Wochenende 20 Euro - zur freien Verfügung. „Wofür wollten Sie das Geld denn haben?“ - „Zum Feiern.“ - „Warum denn noch Geld abziehen, wenn man es in der Einrichtung so bekommt“, fragt der Richter. Doch Sebastian L. sagt nur, er wisse es nicht und zupft an seinem Ohrläppchen.

          Dann schlägt Brunner zu

          Schmalbrüstig und verhuscht sitzen die beiden Angeklagten, die sich seit Dienstag wegen Mordes an Dominik Brunner vor der Jugendkammer des Münchner Landgerichts verantworten müssen, auf der Anklagebank. Sebastian L., braun gebrannt, in weißem Hemd und Turnschuhen, lässt den Blick auf seinen Füßen ruhen. Markus S. verfolgt im dunklen Hemd mit halbgeschlossenen Augen die Anklageverlesung. Keiner sucht den Blick Oskar Brunners, des Vaters des Opfers, der als Nebenkläger ihnen gegenüber sitzt. Sebastian L. wird später sagen, dass es ihm leid tut. „Ich weiß, dass es da keine Entschuldigung gibt, dass ein Mensch ums Leben gekommen ist. Das wollte ich nie.“ Und Markus S., dass er Verantwortung übernehmen will. Er habe „absolut falsch reagiert“. „Mir tut es so unendlich leid, ich kann es nicht beschreiben.“ Markus S. wird hinzufügen, strafrechtlich relevant, dass er „zu keinem Zeitpunkt mit dem Tod von Herrn Brunner gerechnet noch ihn gewollt“ habe.

          Gegen 16.10 Uhr hält die S 7 am Bahnhof Solln. Brunner und die Kinder steigen aus. Markus S. und Sebastian L. steigen auch aus. Laut Anklage sprechen sie darüber, die Gruppe angreifen zu wollen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätten sie beschlossen, Brunner für sein Eingreifen zu bestrafen, also zusammenzuschlagen. Zugleich nimmt Brunner Blickkontakt mit dem Lokführer auf und sagt, dass es hier nun gleich wohl „Ärger“ gebe. Er legt - so die Staatsanwaltschaft - Jacke und Rucksack ab, um sich besser verteidigen zu können. S. und L. seien in Angriffstellung mit geballten Fäusten auf ihn zu gekommen. S. habe dabei lauthals angekündigt: „Jetzt schlagen wir euch!“ Brunner bedeutet den Kindern, sich nicht einzumischen. Dann schlägt Brunner zu, mit der Faust in das Gesicht von Markus S. Aus Notwehr, um einen drohenden Angriff S. abzuwehren - so sieht es die Anklage. Auf ihn zugetänzelt sei er, sagt hingegen Markus S. Er habe sich gedacht: „Was will der?“ Der Schlag habe furchtbar weh getan.

          Im Krankenhaus erliegt er seinen 22 schweren Verletzungen

          Nach einer Schrecksekunde bricht der Sturm los. S. und L. beraten sich kurz, während Brunner in „Verteidigungshaltung“ abwartet. Markus S. nimmt sein Schlüsselbund in die Faust, die einzelnen Schlüssel schauen zwischen den Fingern hervorschauen. Dann schlagen und treten die beiden zu, wie es in der Anklage heißt, „in bewusstem und gewolltem Zusammenwirken“, aus Rache für die Einmischung. Sie drängen Brunner gegen das Wartehäuschen. Er fällt. Mit dem Kopf bleibt er unter dem Metallgeländer liegen, während die beiden laut Anklage „vielfach mit äußerster Wucht“ auf den Kopf und den Oberkörper des am Boden liegenden Mannes treten. „Bei dieser Vorgehensweise erkannten die Angeschuldigten die nahe liegende Möglichkeit eines tödlichen Ausgangs und fanden sich damit auch ab.“

          Während sie treten, beschimpfen sie Brunner als „Dreckschwein“, „Sau“, „Bastard“, „Arschloch“, „Motherfucker“. Als einer der Jungen, die Brunner beschützte, versucht, die Angreifer wegzuziehen, tritt Markus S. laut Anklage dem „schwer verletzten und wehrlos am Boden liegenden Brunner noch einmal mit voller Wucht von oben nach unten mit dem Fuß auf den Kopf“. Vor Gericht gibt Markus S. an, sich nicht an Einzelheiten erinnern zu können. Aber geschlagen habe er und auch getreten, einfach aus Wut über den Faustschlag. Und wird dabei von seinem Freund Sebastian L. belastet. Mehrfach habe er versucht, Markus S. von Brunner wegzuziehen. Eine Minute dauert das Zusammenschlagen und Treten, dann laufen S. und L. in ein Gebüsch. Dort hocken sie, bis eine Polizistin sie etwa eine Stunde später stellt.

          Weder die Sanitäter, noch der Notarzt, noch die Ärzte in der Notaufnahme können Dominik Brunners Leben retten. Er erliegt um 18.20 Uhr im Krankenhaus seinen 22 schweren Verletzungen. Schon vor dem 12. September hatten Markus S. und Sebastian L. ihre Schwierigkeiten. Sebastian L., der im November 2008 vom Jugendamt in Obhut genommen worden war, hatte sich immer wieder Therapien und der Schule verweigert. Nach einigen Heimaufenthalten landete er schließlich bei Condrobs. Bei Markus S., der als Beruf Müller angibt, sah es nicht viel besser aus: Marihuanabesitz, Ladendiebstahl, Hass auf die Polizei, die seinen geliebten Bruder ins Gefängnis gebracht hatte. Gute zwei Monate vor Solln dann die erste bekannte gemeinsame Tat: Markus S. und Sebastian L. stehlen aus einem Kiosk Eis im Wert von 100 Euro. „Was haben sie denn mit dem Eis gemacht?“, fragt der Richter. Sebastian L. blickt ihn offen an: „Na, gegessen.“

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