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Mordfall Dominik Brunner : „Ich muss einen Blackout gehabt haben“

„Du Spasti, was mischt Du Dich ein!“

Drei Minuten später fährt die S 7 Richtung Wolfratshausen ein. Die vier Jugendlichen steigen ein, suchen sich ein Viererabteil. Markus S. und Sebastian L. setzen sich direkt in das Viererabteil daneben. Dort sitzt am Fenster schon „ein älterer Mann“, wie Markus S. später sagen wird. Dominik Brunner, Jurist, Vorstandsmitglied einer Ziegelfabrik in Niederbayern. Während Brunner aus dem Fenster schaut, hören seine Sitznachbarn nicht auf, die Jugendlichen anzupöbeln. „Wir wollten die ärgern, die haben immer rübergeschaut und über uns gelästert“, sagt Markus S. in seiner Erklärung dazu. Er habe dann Sachen gesagt wie: „Wenn ihr nicht aufhört mit dem Grinsen, dann gibt's eins.“ Aber das habe er natürlich nicht ernsthaft vorgehabt. Er habe nur nicht als „Depp“ dastehen wollen.

Die andere Version bietet die Staatsanwaltschaft: Beide hätten „mehrfach lautstark angekündigt“, die Kinder zu überfallen und „abzuziehen“. Brunner wird es zu viel. Er kündigt an, die Polizei anzurufen und sich auch als Zeuge zur Verfügung zu stellen, wenn sie nicht aufhörten. Einen „Scheißdreck“ gehe es ihn an, ist die Antwort. „Du Spasti, was mischt Du Dich ein!“ Brunner steht auf und verständigt die Polizei. Er kündigt in ruhigem Ton an, mit den vier Kindern später am Bahnhof Solln auszusteigen. Markus S. und Sebastian L. seien, so die Anklage, „schon zu diesem Zeitpunkt über das Einschreiten des später Getöteten sehr verärgert“. Auch sie bleiben in der Bahn, obwohl sie schon zwei Stationen vorher aussteigen müssten. Verpasst hätten sie ihre Haltestelle wegen des Streits, sagen die beiden. Absichtlich seien sie geblieben, um an ihrem Plan, die Kinder auszurauben, festzuhalten, sagt die Staatsanwaltschaft.

„Hatten Sie denn Geld dabei?“, fragt der Richter Sebastian L. „Nein, wir wollten ja zu mir in die Wohngemeinschaft ,Easy Contact' fahren, um welches zu holen.“ Fünf Euro bekomme er dort jeden Tag, am Wochenende 20 Euro - zur freien Verfügung. „Wofür wollten Sie das Geld denn haben?“ - „Zum Feiern.“ - „Warum denn noch Geld abziehen, wenn man es in der Einrichtung so bekommt“, fragt der Richter. Doch Sebastian L. sagt nur, er wisse es nicht und zupft an seinem Ohrläppchen.

Dann schlägt Brunner zu

Schmalbrüstig und verhuscht sitzen die beiden Angeklagten, die sich seit Dienstag wegen Mordes an Dominik Brunner vor der Jugendkammer des Münchner Landgerichts verantworten müssen, auf der Anklagebank. Sebastian L., braun gebrannt, in weißem Hemd und Turnschuhen, lässt den Blick auf seinen Füßen ruhen. Markus S. verfolgt im dunklen Hemd mit halbgeschlossenen Augen die Anklageverlesung. Keiner sucht den Blick Oskar Brunners, des Vaters des Opfers, der als Nebenkläger ihnen gegenüber sitzt. Sebastian L. wird später sagen, dass es ihm leid tut. „Ich weiß, dass es da keine Entschuldigung gibt, dass ein Mensch ums Leben gekommen ist. Das wollte ich nie.“ Und Markus S., dass er Verantwortung übernehmen will. Er habe „absolut falsch reagiert“. „Mir tut es so unendlich leid, ich kann es nicht beschreiben.“ Markus S. wird hinzufügen, strafrechtlich relevant, dass er „zu keinem Zeitpunkt mit dem Tod von Herrn Brunner gerechnet noch ihn gewollt“ habe.

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