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Mordfall Brunner : Mordanklage wird durch neue Details nicht erschüttert

Der Bahnsteig des S-Bahnhof Solln im September 2009 Bild: ddp

Ob er nun an Herzversagen starb oder nicht, ob er ein vergrößertes Herz hatte oder nicht - Dominik Brunner, so der gleichlautende Vorwurf der Staatsanwaltschaft, wurde ermordet.

          3 Min.

          An diesem Dienstag wird der Münchner Prozess gegen die mutmaßlichen Mörder Dominik Brunners fortgesetzt. Unter anderem ist die Aussage des S-Bahn-Fahrers vorgesehen, der sich nach Angaben von Zeugen nicht um den eskalierenden Streit auf dem Bahnsteig der Haltestelle Solln kümmerte, sondern weiterfuhr. Wahrscheinlich steht die Aussage aber im Schatten eines Disputs zwischen Anklage und Verteidigung, der am Wochenende ausbrach, ohne dass er in den ersten drei Prozesstagen der vergangenen Woche eine Rolle gespielt hätte.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Am Freitag abend erfuhr die Berichterstatterin des „Spiegel“ von Prozessbeteiligten, dass Brunner an Herzversagen gestorben sei, nicht unmittelbar an den Schlägen und Tritten, die Sebastian L. (heute 18) und Markus S. (19) dem 50 Jahre alten Geschäftsmann nach eigenem Geständnis beibrachten. Oberstaatsanwältin Barbara Stockinger, die Sprecherin der Anklagebehörde, bestätigte den Herzstillstand am Samstag, blieb aber der Auffassung, dass Brunner „infolge der Schläge und Tritte“ gestorben sei. In einer Presseerklärung teilte daraufhin am Sonntag die Kanzlei Ringler mit, deren Anwälte Roland Autenrieth und Jochen Ringler Sebastian L. verteidigen, die Staatsanwaltschaft habe die Öffentlichkeit in dem Glauben gelassen, Brunner sei zu Tode getreten worden. Durch die Schläge oder Tritte seien ihm jedoch keine Verletzungen zugefügt worden, die zum Tode geführt hätten. Es sei „empörend“, dass die Staatsanwaltschaft behaupte, sie habe die Todesursache gekannt und trotzdem die Öffentlichkeit im Glauben gelassen, die Angeklagten hätten ihn tot getreten.

          „Die Kausalität ist ganz klar gegeben“

          Unerwähnt lassen die Anwälte in ihrer Erklärung allerdings, dass nach neuen kriminologischen und rechtsmedizinischen Untersuchungen mit Tötungsvorsatz handelt, wer gegen den Kopf eines Menschen tritt. Damit werde man sich natürlich noch eingehend auseinandersetzen, heißt es dazu aus der Kanzlei. Unerwähnt bleibt auch, warum die Verteidiger dann nicht schon viel früher diesen für ihren Mandanten so entscheidenden Unterschied der Öffentlichkeit mitgeteilt haben.

          Die Staatsanwaltschaft bleibt daher bei ihrer Version, nach der die Ursache für den Tod Brunners in der massiven Gewalteinwirkung der beiden Angeklagten zu sehen ist. Dominik Brunner würde, so die Ansicht, ob er nun an einem vergrößerten Herzen litt oder nicht, noch leben, hätten die beiden Angeklagten ihn nicht geschlagen und getreten. „Die Kausalität ist ganz klar gegeben“, sagte Sprecherin Barbara Stockinger am Montag. Das sei auch das Ergebnis der rechtsmedizinischen Untersuchung, die unter anderem zur Anklageerhebung führte. Ein abschließendes Gutachten werde der Sachverständige zum Schluss abgeben, wenn alle Zeugen gehört worden seien.

          An den Folgen des Angriffs gestorben?

          Auch die Behauptung, die Staatsanwaltschaft habe die Öffentlichkeit bewusst in dem Glauben gelassen, Brunner sei totgetreten worden, muss in Frage gestellt werden. In der Anklageschrift heißt es, Brunner sei an den Folgen des Angriffs gestorben. Nichts anderes wäre zum Beispiel ein Herzstillstand aufgrund schwerer innerer Blutungen oder eines Organversagens. Auch hatte am zweiten Prozesstag der Polizeikommissar, der seinerzeit die Ermittlungen leitete, nichts zu schwerwiegenden Vorerkrankungen Brunners ausgesagt. Er hatte sich nach Brunners Tod mit der Krankheitsgeschichte und der Fitness des Opfers befasst. Dabei war ihm auf Nachfrage nichts Wesentliches aufgefallen. Wäre Brunner herzkrank oder auf Medikamente angewiesen gewesen, hätte sich das sicher in den Krankenakten niedergeschlagen.

          Die Staatsanwältin befragte ihn dabei auch zu dem Medikament Lidocain, das als Lokalanästhetikum auch in der Notfallmedizin unter anderem beim Legen eines Endotrachealtubus verwendet wird. Dieses Medikament war offenbar bei Brunner nachgewiesen worden. Auch als Mittel gegen Herzrhythmusstörungen kommt es zum Einsatz. Die Notärzte am S-Bahnhof und im Krankenhaus konnten aber nicht mehr mit Bestimmtheit sagen, dass sie es verwendet hatten. Allerdings gab das Klinikum Großhadern, wo Brunner bis zu seinem Tode noch notfallmedizinisch behandelt wurde, nach Ermittlungen der Polizei an, dass Lidocain dort als gängiges Mittel regelmäßig verwendet wird.

          Auch Brunners Lebensgefährtin wurde von dem Kommissar zur Krankheitsgeschichte befragt. Auch sie hatte offensichtlich nichts von einer „schweren Herzerkrankung“ oder regelmäßiger Medikamenteneinnahme erwähnt. Vielmehr gab der Polizist vor Gericht an, Brunner sei nach seinen Ermittlungen körperlich sehr fit gewesen. Mitte der neunziger Jahre hat er für etwa anderthalb Jahre Boxtraining gehabt. Auch Selbstverteidigungskurse soll er belegt haben. Oft sei er zum Schwimmen gefahren. Auch an dem verhängnisvollen 12. September 2009 kam Brunner gerade vom Schwimmen, als er in der S-Bahn auf die nun Angeklagten traf.

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