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Mordfall Brunner : „Ich bring dich um, ich bring dich um!“

Auf der Anklagebank im Landgericht München I: Sebastian L Bild: dpa

Traten sie gegen den Kopf? Oder gegen den Oberkörper? Alle beide? Im Brunner-Prozess haben die Richter viele Fragen an die Augenzeugen - nur weichen die allesamt von ihren ursprünglichen Aussagen ab.

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          Für Matthias B. war die Sache schnell geklärt. Aus dem Fenster schauen, alles klar auf dem Bahnsteig, Türenfreigabe zurücknehmen und wieder losfahren. Ein paar Sekunden dauerte das, was er sah. In ein paar Sekunden hatte sich der Lokführer der S-Bahn, die am 12. September 2009 in Solln hielt, ein Bild gemacht von der Situation auf dem Bahnsteig. Er hielt sie für so harmlos, dass er weiterfuhr. So schildert er es zumindest am Dienstag in München vor dem Landgericht München I.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Er habe zunächst Dominik Brunner aussteigen sehen, dann die Jugendlichen, sagt er, und zuletzt Markus S. und Sebastian L. „Jetzt gibt's hier hinten Ärger“, habe Brunner dann in seine Richtung gesagt, gibt B. am Dienstag vor Gericht an. Dann habe Brunner Jacke und Rucksack abgelegt. Die beiden Angeklagten dagegen seien „ganz normal“ an ihm vorbeigegangen. „Herr Brunner ist auf sie zugegangen und hat dem einen ins Gesicht geschlagen.“ Dann habe Brunner gesagt: „Das klären wir jetzt mit der Polizei.“ Danach habe es nur eine wilde „Diskutiererei“ gegeben. Für ihn indes war klar: Die Situation ist geklärt. „Ich dachte, der Druck ist weg, ich fahre weiter.“ Sie hätten einfach nur weitergehen müssen, alle Beteiligten, dann wäre nichts passiert.

          Ob es denn stimme, dass eine Zeugin auf ihn zugerannt sei, ihn gebeten habe, die Polizei zu rufen? „Nein, zu mir ist keiner gekommen.“ Er habe über den Fahrdienstleiter die Polizei rufen lassen.

          Vor Gericht: Dutzende Zuschauer warten am Dienstag auf Einlass

          Dann hielt sie ihrem Bruder die Augen zu

          Eine ganz andere Sicht der Dinge hat die 16 Jahre alte Französin Vera B. Die beiden Angeklagten hätten Brunner nach dem Aussteigen von links und rechts attackiert, sagt Vera B. am Dienstag vor Gericht. Geschlagen und gestoßen hätten sie ihn, bis er hingefallen sei. Sie war mit ihrem 13 Jahre alten Bruder Rafael auf dem Weg zum Kino und wartete auf die S-Bahn. Plötzlich hörten sie Schreie. „Ich sah, wie zwei junge Männer auf einen älteren Mann eintraten“, sagt Vera B. Dann hielt sie ihrem Bruder instinktiv die Augen zu. Doch Rafael schob die Hände immer wieder weg und sah - wie er später vor Gericht ebenfalls sagen wird - genug, was er auch nach einem Jahr noch nicht vergessen kann. Immer wieder hätten die Männer ganz schnell auf den älteren Mann eingetreten, sagt Vera B. Sie spricht zögernd, leise, immer wieder muss eine Dolmetscherin übersetzen. Doch der Vorsitzende Richter kann es ihr nicht ersparen. Die Fragen kommen unerbittlich, um ihre Erinnerung in handliche Portionen einzuteilen: Wer hat zugetreten? Was trug der junge Mann? Wie oft trat er? Wo haben sie gestanden? Traten sie gegen den Kopf? Oder gegen den Oberkörper? Alle beide? War einer aktiver als der andere? Wie oft traten sie? Jeder gleich oft? Wie schnell? Was machte der ältere Mann? Hat er sich gewehrt? Hat er seinen Kopf geschützt? Lag er am Boden? Wie lange? Hat der eine Mann etwas geschrien?

          „Kack, fuck, motherfucker“, habe er geschrien. „Bei der Polizei sagten Sie, er habe auch ,Ich bring dich um, ich bring dich um' geschrien. Können Sie sich daran erinnern?“ - „Ja, daran kann ich mich gut erinnern.“ Widersprüchlich werden ihre Angaben allerdings, wer wie oft, wie stark getreten hat. Bei der Polizei sagte Vera B., beide hätten auf Brunner eingetreten, so etwa zwanzig Mal. Vor Gericht nun gibt sie an, nur „der Größere“, der mit der Mütze und der Tätowierung, habe getreten. „So fünf, sechs oder sieben Mal.“ Der andere habe nur anfangs mit zugeschlagen, als Brunner das erste Mal zu Boden ging. „Sind Sie sicher, dass es beide waren, die getreten haben“, fragt der Vorsitzende noch mal und noch mal. „Ja, ich kann mich erinnern, dass es beide waren.“ Ob sie gesehen habe, dass die Männer Brunner gegen den Kopf getreten hätten? Nein, das kann sie nicht mehr sagen. „Da waren doch viele Büsche vor Ihnen?“, fragt die Verteidigung. „Konnten Sie überhaupt gut sehen?“ - Nein, aber sie habe viel gesehen. - „Viel heißt, Sie haben nicht alles gesehen.“

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