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Prozess gegen Taghi : Morden, um Angst zu verbreiten

Angeklagt: Ridouan Taghi auf einer Zeichnung aus dem Gerichtsbunker in Amsterdam Bild: picture alliance / ANP

Der bekannteste mutmaßliche Kriminelle der Niederlande soll lebenslang hinter Gitter – das fordert die Staatsanwaltschaft. Sie hält ihn für den Auftraggeber von sechs Morden und für einen Mann, der ein Menschenleben als Wegwerfartikel ansieht.

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          Lebenslang – die Forderung der Staats­anwaltschaft im Verfahren gegen den bekanntesten mutmaßlichen Kriminellen der Niederlande war am Dienstag keine Überraschung mehr. Am wenigsten für Ridouan Taghi selbst. Der Drogenboss, dem mehrere Morde zur Last gelegt werden, hatte schon vor drei Wochen im Gerichtssaal zum Besten gegeben, dass er mit der Höchststrafe rechne. „Sie können mir den Strafbefehl ins Gefängnis schicken“, sagte Taghi dem Richter. Das Urteil habe von Anfang an festgestanden, es handle sich um einen „Scheinprozess“.

          Thomas Gutschker
          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.

          Das war das Verfahren im Hochsicherheitsgebäude von Amsterdam-Osdorp mit Sicherheit nicht. Allerdings sind die Beweise, die die Staatsanwaltschaft gegen Taghi gesammelt hatte, erdrückend. Mehr als 50.000 Seiten umfasst seine Ermittlungs­akte, darin finden sich 900.000 Chat-Nachrichten, die die Ermittler entschlüsseln konnten. Texte, in denen der Angeklagte Mordaufträge erteilte, sich über die Vor­bereitung von Liquidationen berichten ließ und begeistert deren Ausführung feierte. Außerdem können die Ermittler einen Kronzeugen aufbieten, der Taghi schwer belastete und das Bild bestätigte, das sich aus den Nachrichten ergab.

          „Morde waren ein Mittel für ihn, um Angst zu verbreiten“

          „Er ist der Urheber aller Morde und Mordversuche und war eng in die Vor­bereitungen eingebunden. Bei Taghi laufen alle Linien zusammen. Er ist derjenige, der alle Entscheidungen trifft“, sagte der Staatsanwalt, der am Dienstag die Verlesung der Anklageschrift im so­genannten Marengo-Prozess abschloss. Allein das dauerte neun Verhandlungs­tage lang, es waren 800 Seiten Papier. In niederländischen Strafprozessen erfolgt dieser Schritt erst nach der Beweisaufnahme, am Ende der Hauptverhandlung. Die hatte vor 15 Monaten begonnen.

          Um insgesamt sechs Morde geht es, außerdem um vier versuchte Morde und Vorbereitungen für drei weitere – und das alles in einem Zeitraum von nur 16 Monaten, zwischen September 2015 und Januar 2017. Taghi ist der Haupt­angeklagte, mit ihm stehen 16 weitere Personen in diesem wohl bisher größten Strafverfahren des Landes vor Gericht. Sie sollen Opfer ausgekundschaftet, Killer angeheuert, Waffen und verschlüsselte Telefone besorgt haben. Die Männer, die dann die Taten ausführten, wurden zuvor schon in einem separaten Verfahren zu langen Haftstrafen verurteilt. Es laufen noch weitere Prozesse, in denen Taghi als Drahtzieher von Auftrags­morden vermutet wird. Dieses Verfahren ist jedoch das einzige, in dem er bisher angeklagt und vor Gericht gestellt worden ist.

          Über Leben und Tod entscheiden

          „Morde waren ein Mittel für ihn, um Angst zu verbreiten und seine Position im kriminellen Umfeld zu sichern“, so erklärte die Staatsanwaltschaft am Dienstag das Motiv des Mannes, der 1977 in Marokko geboren wurde und als Dreijähriger mit seiner Familie in die Niederlande kam. Meistens ging es bei den Taten um Rache und Einschüchterung im Rauschgift­milieu. Taghi gab nach Überzeugung der Anklage nicht nur den Auftrag, er bestimmte auch, wie ein Opfer zu töten sei. In vier der sechs Fälle geschah das durch Kopfschuss, wie bei einer Hinrichtung. Ein Mann wurde von Kugeln in seinem Auto durchsiebt, während seine sieben Jahre alte Tochter auf dem Rücksitz saß; sie wurde nicht verletzt.

          Taghi und seine Helfer hätten geglaubt, so die Anklage, „über Leben und Tod entscheiden zu können“. Die Taten seien „auf kalte Art, ohne jedes Gefühl“ begangen worden. „Es ist schockierend, wie sie ihre Freude über einen Mord mit Worten wie Whoop Whoop teilten“. Ein Menschen­leben sei „als Wegwerfartikel“ gesehen worden. Neben Taghi forderte die Staatsanwaltschaft lebenslange Freiheitsstrafen gegen vier weitere Angeklagte. Im niederländischen Recht bedeutet das eine Freiheitsstrafe von 30 Jahren. Gegen die anderen Angeklagten wurden Haftstrafen zwischen fünf und 27 Jahren gefordert.

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