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Mordanklage nach 30 Jahren : Lolita und Josef

Ablenkung gab es in der Dorfkaschemme, Absolution in der Kapelle: die Hauptstraße von Frauenkron. Bild: Marcus Kaufhold

1982. In einem Dorf in Nordrhein-Westfalen verschwindet eine schwangere Achtzehnjährige. Dreißig Jahre später wird ihre Leiche gefunden, und ihr Freund von damals wird des Mordes angeklagt.

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          Fast 30 Jahre lang wartete Lolitas Mutter und ahnte nicht, wie nah sie ihrer verlorenen Tochter dabei war. Die Mutter saß in ihrem Wohnzimmersessel, Tag für Tag, Jahr für Jahr, ihr Herz wurde immer schwerer. Manchmal holte sie den braunen Umschlag hervor, in dem alte Zeitungsausschnitte steckten. „Lolita. Seid dem 4.11.1982 spurlos verschwunden“, hatte sie in kantiger Schrift darauf geschrieben. Und jedes Mal, wenn die Klingel schellte oder jemand die Haustür öffnete, die selten abgeschlossen war, dann flammte das Fünkchen Hoffnung wieder auf, das noch immer glomm. Das sie von innen zerfraß.

          David Klaubert
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Lolita hat sich aus Verzweiflung selbst umgebracht. Lolita ist abgehauen, ihr geht es gut. Lolita lebt in Holland und arbeitet als Hure. Draußen vor der Tür, draußen im Dorf wurden viele Geschichten erzählt. Alle redeten über Lolita. Keiner kam und redete mit ihrer Mutter. Schon gar nicht die, die die Wahrheit kannten, die wussten oder ahnten, dass Lolita niemals heimkommen würde, weil sie 400 Meter vom Haus ihrer Eltern auf einer Müllkippe lag, verscharrt im Dreck, die schwiegen.

          Nur das Bellen der Hofhunde zerriss die Ruhe

          Seit den sechziger Jahren wohnte Lolitas Familie in dem Dorf an der Grenze zu Belgien. Wirklich angekommen waren sie nie. Die Eltern stammten aus Schlesien. Sie lernten sich auf der Flucht kennen, gemeinsam verschlug es sie ins Ruhrgebiet. In Essen arbeitete der Vater als Schachtmeister. Dann machten die Zechen dicht, und er beschloss, sein Glück auf dem Land zu suchen. Er fand Arbeit bei einem Bauunternehmen in Losheim im südwestlichsten Zipfel Nordrhein-Westfalens. Nicht weit davon, in Frauenkron, kaufte er ein Haus.

          Mitten in den grünen Hügeln der Vulkaneifel duckte sich das Dorf in eine Senke. Entlang einer einzigen Straße, der Marienstraße, reihten sich die Häuser und Höfe von etwa 180 Einwohnern aneinander. Wohnräume und Stall lagen meist unter einem Dach, gedeckt mit dunklem Schiefer. Ablenkung gab es in der Dorfkaschemme „Em Backes“, Absolution daneben in der Sankt-Barbara-Kapelle. Das Bellen der Hofhunde zerriss die Ruhe, wenn sich mal ein Fremder näherte.

          Lolita und ihre Familie blieben hier auch nach Jahren Fremde. Zur Kirmes an Christi Himmelfahrt, dem einzigen Fest, gingen Lolitas Eltern nie. Wenn die Mutter mit einem ihrer Kinder im Schulbus mitfuhr, bis nach Stadtkyll, um Einkäufe zu machen, dann marschierte sie mit ihren vollen Taschen zu Fuß nach Haus, neuneinhalb Kilometer, weil unterwegs keiner anhielt, um sie mitzunehmen. Treibt euch nicht mit denen rum, sagten Eltern im Dorf zu ihren Kindern. Und als Lolitas älteste Schwester mit sechzehn schwanger war, sagten sie sich: Das kann ja nur einer Evangelischen passieren.

          Mit 16 hatte Lolita ihren ersten Freund

          Im Haus von Lolitas Familie ging es oft ruppig zu. Der Vater war streng und grob, unter der Woche aber meist auf Montage. Die Mutter, eine einfache, herzensgute Frau, musste allein mit ihren Kindern zurecht kommen, mit einer wilden Bande aus vier Mädchen und zwei Jungs. Auch Lolita, die Drittgeborene, konnte launisch sein. Die meiste Zeit verbrachte sie mit der Ponystute Penny, die sie von ihrem Vater geschenkt bekommen hatte. Stundenlang ritt sie über die Hügel und Wiesen um Frauenkron.

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