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Mordanklage nach 30 Jahren : Lolita und Josef

Ein paar Hundert Meter weiter, im Haus von Lolitas Familie, wurde es immer einsamer. Lolitas Geschwister zogen nacheinander aus. Ihr Vater erlitt 1996 auf einer Baustelle einen Herzinfarkt und starb. Die Mutter saß immer öfter allein in ihrem Wohnzimmersessel oder auf dem Bänkchen vor der Haustür. Was ihr blieb, war ein einziger Wunsch: Vor dem eigenen Tod noch zu erfahren, was mit ihrer Tochter geschehen war.

Bei der Polizei in Trier staubten unterdessen die Akten ein, geschlossen wurden sie nie. Und so bekam im Jahr 2002 Kriminalhauptkommissar Wolfgang Schu, ein erfahrener Ermittler, aber ein Neuling in der Mordkommission, den Fall auf den Schreibtisch. Tagelang las er sich ein, mal ging er die Akten chronologisch durch, mal rückwärts, mal kreuz und quer. Er fuhr nach Frauenkron, sprach mit Lolitas Familie und mit Zeugen. Er ließ Lolitas Brief und ihren Schlüssel auf DNA-Spuren untersuchen.

Zwischendurch schob Schu die Akten für Monate auf die Ablage an seinem Tisch, weil er aktuelle Mordfälle und eine Bankraubserie aufklären musste. So dauerte es bis ins Jahr 2011, ehe er noch einmal zum großen Schlag ansetzte.

Für „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ wurde der Fall nachgespielt

Schu ließ ein halbes Dutzend Telefone in Frauenkron anzapfen. Dann wandte er sich an die Redaktion von „Aktenzeichen XY ... ungelöst“. Der Vermisstenfall wurde in einem Film nachgespielt; am 24. August 2011, dem Abend der Ausstrahlung, war Schu bei Moderator Rudi Cerne im Studio. Er schaute direkt in die Kamera und appellierte an Täter und mögliche Mitwisser. Er hoffte, so möglichst viel Unruhe in das kleine Dorf zu bringen.

Kurz darauf packte Michael aus. Josefs Jugendfreund war inzwischen verheiratet, er hatte drei Kinder und arbeitete bei einer Genossenschaft nicht weit von Frauenkron. Nach der XY-Sendung wurde er aufs Polizeipräsidium bestellt und von Kommissar Schu vernommen. Er wisse von nichts, sagte Michael mürrisch. Wortkarg und ausweichend antwortete er auf die Fragen. Doch Schu hatte die alten Vernehmungsprotokolle und konnte Michael immer mehr Widersprüche vorhalten. Und schließlich forderte Schu Michael auf, die Augen zu schließen, den Namen Lolita zu streichen und den der eigenen Tochter einzusetzen, die gerade 18 Jahre alt geworden war. Nach gut einer Stunde begann Michael zu erzählen.

Damals, im November 1982, habe er auf einer Wiese gearbeitet, an einem Wasserfass, als Josef angefahren kam. Ich habe Lolita erwürgt, sagte Josef, du musst mir helfen. Als es am Abend dunkel war, sei er mit Josef zu einem Schuppen nicht weit vom Hof der Eltern gefahren. Dort habe sie auf dem Boden gelegen, eingewickelt in Folie. Zu zweit hätten sie das Bündel in den Kofferraum gelegt. Besonders schwer sei es nicht gewesen. Unter der Folie habe er deutlich die Beine gespürt. Sie seien zur Müllkippe gefahren und hätten das Bündel dort hingeworfen. Josef habe noch etwas Müll aufgetürmt. Dann hätten sie nie wieder über den Vorfall gesprochen.

Am nächsten Tag ließ der Kommissar Josef verhaften. Auf der ehemaligen Müllkippe in Frauenkron suchten die Polizisten zwölf Tage lang mit Bagger und Hunden, bis sie zwischen Bauschutt und Hausmüll einen großen, grünen Plastiksack fanden. Schu riss ihn an der Seite auf, und beim ersten Blick wusste er, dass sie Lolita endlich gefunden hatten. In dem Sack lag ein Skelett, die Knochen steckten in einer karierten Hose und einem dunklen Pullover. Am Kragen hingen verrostete Drahtstücke.

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