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Mordanklage nach 30 Jahren : Lolita und Josef

Am Montagabend gegen elf meldete die Mutter Lolita als vermisst. Die Polizei in Daun begann zu ermitteln, und zwei Tage später leitete sie eine großangelegte Suche ein. Mit der Feuerwehr Frauenkron, der Dorfjugend und anderen Freiwilligen durchkämmten sie Wiesen, Wälder, Steinbrüche und Bäche. Nur Michael, der Freund von Josef, stand wie unbeteiligt vor dem Haus seiner Eltern und schaute zu. Am Nachmittag wurde die Suche eingestellt, weil ein Schulbusfahrer der Polizei sagte, er habe Lolita noch am Montag, den 8. November, lebend gesehen. „Sie ist jetzt 18 Jahre und kann hingehen, wo sie will“, sagte ein Polizist.

Lolitas Familie aber suchte weiter. Wenn der Vater nachts wachlag und ihm eine Stelle einfiel, die sie womöglich ausgelassen hatten, nahm er eine Taschenlampe und stapfte los. Er wandte sich an einen Wahrsager in Belgien. Der Lokalzeitung sagte er drei Wochen nach dem Verschwinden: „Schreiben Sie, sie braucht keine Angst zu haben, ich hole sie sofort nach Hause, egal wo sie ist.“

An Lolitas Wohnungsschlüssel hing ein Foto von Josef

Immer wieder meldeten sich Zeugen, die Lolita gesehen hatten. Eine Frau aus Euskirchen sagte, das schwangere Mädchen habe dort in einem Geschäft Pfeffernüsse gekauft. Nach einem anderen Hinweis fuhren die Eltern nach Kerpen und zogen drei Tage lang durch kleine Nähereien. Im Februar 1983 wurde Lolitas Wohnungsschlüssel an einem Friedhof bei Stadtkyll gefunden; daran hing ein Foto von Josef. Eine junge Frau im Dorf erzählte Lolitas Mutter, dass Michael ihr gesagt habe, Lolita gehe es gut und er wisse, wo sie lebe. Darauf angesprochen, stritt Michael alles ab.

So vergingen die Wochen. Dann die Monate, die Jahre. Lolita blieb verschwunden. Und die Ungewissheit brannte ihre Eltern aus. Ende 1985 sichtete die Staatsanwaltschaft in Trier routinemäßig noch einmal die Akten. Anders als zuvor die Polizei kam sie zu dem Schluss, dass Lolita wahrscheinlich nicht abgehauen, sondern getötet worden war. Bei der Kripo Trier wurde eine Sonderkommission einberufen. Ehemalige Zeugen wurden neu vernommen, darunter der Busfahrer, der plötzlich einräumte, sich bei seiner ersten Aussage geirrt zu haben. Er sei sich sicher, Lolita nicht am 8. November, sondern zuvor, am 4., dem Tag ihres Verschwindens, beim Bauernhof auf dem Hügel gesehen zu haben.

Auch die Gerüchte im Dorf und andere Hinweise bestärkten die Soko darin, sich näher mit Josef und seinem Vater zu beschäftigen. Die Polizisten durchkämmten mit Spürhunden ein Waldstück in der Nähe des Hofes. Dann durchsuchten sie das Anwesen der Familie - und nahmen Josef fest.

Der Chef der Sonderkommission vernahm Josef gut vier Stunden lang. Mit dem Verschwinden seiner ehemaligen Freundin habe er nichts zu tun, wiederholte Josef beharrlich. Lolita habe er am 4. November 1982 überhaupt nicht gesehen. Er habe an diesem Abend zusammen mit seinem Vater in der Gaststätte „Reifferscheid“ in Jünkerath vergeblich auf Lolita gewartet. Dort habe man mit ihr über die Schwangerschaft sprechen wollen - von der er selbst erst kurz zuvor erfahren habe.

Im Haus von Lolitas Familie wurde es immer einsamer

Weil Josef nicht nur seinen eigenen Aussagen von 1982, sondern auch anderen Zeugen widersprach, sah sich die Kripo in ihrem „dringenden Tatverdacht“ bestätigt. Doch von Lolita hatte sie weiter keine Spur. Und ohne Leiche, entschied die Staatsanwaltschaft, reichten die Indizien nicht für eine Anklage. Josef kehrte zurück auf den Hof seiner Eltern.

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