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Mordanklage nach 30 Jahren : Lolita und Josef

Eifrig begann Lolita, Babykleidung zu stricken

Im Sommer 1982, noch vor ihrem 18. Geburtstag, zog Lolita von zu Hause aus. In Jünkerath, einem Örtchen dreizehn Kilometer von Frauenkron, hatte sie eine Näherei gefunden, bei der sie auch ohne Lehre eine Anstellung bekam. Im Haus einer älteren Frau mietete sie zwei möblierte Zimmer. Josef kam nun wieder fast jeden Abend angefahren. So weit vom Hof seiner Eltern glaubte er, die Beziehung verheimlichen zu können. Frau Berger, Lolitas Vermieterin, bat Josef, das Haus spätestens um zehn Uhr zu verlassen. Doch er hielt sich nicht daran und blieb oft bis spät in die Nacht.

Irgendwann im Herbst fühlte Lolita, dass sich in ihr etwas veränderte. Zuerst traute sie sich nicht, doch als sie Josef endlich sagte, dass sie schwanger war, schien es, als könne auch er sich damit anfreunden. Er fuhr Lolita zum Frauenarzt nach Prüm. Und als er einmal keine Zeit hatte, bezahlte er Michael für die Fahrt. Lolita blätterte mit Josef und ihrer Freundin Angelika in einem Katalog für Kindersachen. Eifrig begann sie, Schühchen zu nähen und Babykleidung zu stricken.

Mit ihrer Familie hatte Lolita kaum noch Kontakt, seit sie ausgezogen war. Ihre Mutter erfuhr über eine von Lolitas Arbeitskolleginnen, dass ihre Tochter schwanger war. Wenig später wurde die Neuigkeit überall in Frauenkron erzählt. Und so hörte auch Josefs Vater, dass Lolita ein Kind von seinem Sohn erwartete.

Lolita saß schluchzend auf ihrem Bett

Wieder tobte er. Wieder setzte er seinen Sohn unter Druck. Im Dorf erzählten sie sich später, dass der alte Jupp versucht habe, Lolita mit einer Abfindung, von mehreren Tausend Mark zu einer Abtreibung zu überreden.

Josef und Lolita zofften sich immer heftiger - bis die Streitereien am Abend des 3.Novembers 1982 eskalierten. Die beiden schrien sich so laut an, dass Frau Berger gegen zehn Uhr ins Zimmer kam und sie aufforderte, endlich Ruhe zu geben. Lolita saß schluchzend auf ihrem Bett. Josef stand wortlos daneben. Dann ging er.

Am nächsten Tag bat Lolita ihre Kollegin Hildegard, die aus der Nähe von Frauenkron stammte, sie mitzunehmen. Um kurz nach eins fuhren die beiden in Jünkerath los. Sie wolle zu Jüppchen, erzählte Lolita, sie müsse mit dessen Familie etwas bereden. Am Edeka-Markt in Hallschlag stieg sie aus, zwei Kilometer waren es von dort noch zu Josefs Hof. Hildegard sah, wie Lolita die Straße hochging. Sie trug ihre selbstgenähte, karierte Schwangerschaftshose, einen blauen Pullover und darüber einen türkisfarbenen Parka. Der 4. November 1982 war kalt und diesig. Es war der Tag, an dem Lolita verschwand.

Wortkarge Zeugen: die Straße zur Nachbargemeinde

Zwei Tage später, an einem Samstag, erhielt Lolitas Mutter einen Anruf von Frau Berger: Lolita sei weder in ihrem Zimmer noch bei der Arbeit aufgetaucht. Erst machte sich die Mutter kaum Sorgen. Eine von Lolitas jugendlichen Dummheiten, dachte sie. Dann schickte sie doch eine von Lolitas Schwestern nach Jünkerath. Dort fand die Schwester in einer Schublade zwei Briefe.

„Es grüßt dich dein letztes Stück Dreck“

Der eine schien ein Entwurf zu sein, der andere die Reinschrift, eine ganze Seite lang: „Es tut mir leid, aber was du gestern abend gesagt hast, hat mir ganz schön weh getan. Du mußt entschuldigen, aber ich habe mir eingeredet du würdest mich genau so lieben wie ich dich. ... All deine Sorgen wären gelöst wenn ich tot wäre. Ich wünsche dir daher für deinen neuen Anfang viel Glück, aber vergiß mich und dein Kind nicht ... Ich liebe dich! Es grüßt dich dein letztes Stück Dreck.“

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