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Mordanklage nach 30 Jahren : Lolita und Josef

Von den Schwestern war Lolita die hübscheste. Sie war nicht besonders groß, 1,65 vielleicht, und schmächtig. Um ihr sanftes Gesicht fielen helle Locken. Mit 16 hatte Lolita ihren ersten Freund. Alois war zwei Jahre älter, er kam aus Hallschlag, drei Kilometer weiter, und arbeitete als Gas-Wasser-Installateur. Es war eine unbeschwerte erste Liebe, ein Ausprobieren. Doch als Lolitas Vater von der Beziehung erfuhr, rastete er aus. Er wollte seiner Tochter den Umgang verbieten, viel zu jung sei sie. Die beiden stritten, bis der Vater Lolita ins Gesicht schlug.

Doch Lolita war stur. Fast zwei Jahre blieb sie mit Alois zusammen, ertrug die Tobsuchtsanfälle und die Prügel ihres Vaters. Mitte 1981 machte sie Schluss. Es ist vorbei, sagte sie zu Alois. Einen Grund nannte sie ihm nicht.

Wenig später hatte Lolita einen neuen Verehrer: Josef, genannt Juppi, 20 Jahre alt, der Sohn eines Milchbauern. Der Hof seiner Eltern thronte auf einem Hügel über Frauenkron. Im Dorf war auch Josef ein Außenseiter. Sein einziger Freund war Michael, ein schlichter Kerl, der als Betriebshelfer auf verschiedenen Höfen arbeitete. Immer wieder versuchte Josef, Anschluss an eine der beiden Cliquen zu finden, zu denen sich die anderen Halbstarken im Dorf zusammengeschlossen hatten. Er führte ihnen seine Kreidler Florett vor, grün und schnittig, doppelt so schnell wie die Mopeds der anderen. Er kam im Mercedes seines Vaters und bald im eigenen Golf. Wenn sich die anderen bei „Em Backes“ mit Bier volllaufen ließen, trank Josef zwei, drei Gläser Cola, dann fuhr er heim. Für die Jungs war Josef ein Langweiler.

Außenseiter: Lolita circa 1982

Bei Lolita hatte Josef mehr Erfolg. „So baby just call on me, / When you want all of me, / And I’ll be your lover“, sangen die Kuschelrocker von Smokie damals, Ende 1981. „And there’s nothing I won’t do / ’Cause baby I just live for you.“ Lolita liebte diese Schnulzen. Und bald auch Josef. Wenn er sie mit seinem Golf abholte, zu einem Ausflug an den See oder zur Kirmes in Rescheid, dann schien Lolita alles zu vergessen, sogar Penny. Von ihrer Freundin Angelika wollte Lolita Traktor fahren lernen, damit sie Jüppchen, wie sie ihn nannte, auf dem Hof helfen konnte.

Für den alten Jupp war Lolita eine „Dahergelaufene“

Josefs Vater aber hielt nicht viel von Lolita. Der alte Jupp war einer der reichsten Bauern der Gegend. Er hatte um die hundert Morgen Land, einen Stall voller Milchkühe und ein Händchen für die Bullenzucht. Einmal, erzählten sie sich im Dorf, habe er bei einer Auktion 26.000 Mark bekommen - für einen einzigen Bullen. Die Landwirtschaft und das Geschäft waren sein Leben. Mit den Nachbarn zerstritt er sich wegen eines Stücks Wiese.

Lolita war für den alten Jupp eine „Dahergelaufene“. „Die hat nichts an den Füßen“, sagte er und tobte. Als er Lolita einmal dabei erwischte, wie sie Josef beim Heumachen half, jagte er sie von der Wiese. Seinem Sohn drohte er damit, ihn zu enterben. Josef war hin- und hergerissen. Mein Alter kann sich auf’n Kopf stellen, sagte er bei Lolitas Familie in der Küche, ich werde Lolita heiraten. Ein andermal fragte er Angelika, deren Eltern einen Bauernhof hatten, ob nicht sie mit ihm gehen wolle. Damit wäre sein Vater sicher einverstanden.

Dann wollte Josef die Beziehung mit Lolita beenden. Doch als er ihr sagte, dass er den Druck seiner Eltern nicht mehr aushalte, schluckte sie die Herztabletten ihres Vaters. Die Mutter brachte sie ins Krankenhaus. Eine Nacht musste sie auf der Intensivstation bleiben. Einige Wochen später, nach einem weitern Streit, ritzte sie sich mit einem Messer an den Handgelenken die Haut auf.

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