https://www.faz.net/-gum-zz6b

Mord in Schweden : Motiv ja, Indizien ja, Beweise nein

Das Gericht hält Christine S. für schuldig Bild: REUTERS

In Schweden steht eine Deutsche vor Gericht, die aus Eifersucht zwei kleine Kinder ermordet haben soll. Die Verteidigung plädiert auf Freispruch, die Anklage auf lebenslänglich - im Gefängnis oder in der geschlossen Psychiatrie.

          5 Min.

          Das Gesicht von Christine S. verrät keine Gefühle, als die Staatsanwältin Frieda Gummesson von den Morden berichtet, die ihr vorgeworfen werden. Halb versunken im Stuhl, starrt sie auf die Tischkante, in den Händen tanzt ein Kugelschreiber, ihr Mund ist ein Strich. Christine S. sei am 17. März in das Haus von Emma im schwedischen Arboga eingedrungen, beginnt Gumesson vom vermeintlichen Ablauf der Tatnacht zu berichten.

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Kaum sei Christine S. im Flur gewesen, habe sie einen Hammer gezogen und auf Emma und ihre beiden Kinder Max und Saga eingeschlagen. 45 Mal in weniger als 20 Minuten. Der drei Jahre alte Max und die einjährige Saga sterben, ihre Mutter überlebt schwer verletzt. Gummesson lässt ein Bild der Kinder an die Wand projizieren. Sie macht eine Pause, die Augen der Angeklagten bleiben am Tisch haften. Sie sei sicher, beendet Gummesson ihr Plädoyer, das Christine S. schuldig ist. Es gebe ein Motiv und viele Indizien. Einen klaren Beweis aber gibt es nicht.

          „Es wird eine Verurteilung geben.“

          Mit den Schlussplädoyers am Montag tritt der Mordprozess gegen Christine S. nach zehn Verhandlungstagen und mehr als 50 Zeugenaussagen in die Schlussphase ein. Seit Mitte Juli steht die deutsche Studentin in Schweden vor Gericht, angeklagt des zweifachen Mordes und des versuchten Mordes. Der Prozess begann in Köping und wird in Västerås beschlossen. Das Gericht musste in ein größeres Gebäude umziehen - das Medieninteresse war gewaltig. Auch an diesem Montag drängen sich mehr Journalisten in den verglasten Zuschauerraum, als es Stühle gibt. Wer zu spät kommt, kann im Nebenraum auf Großbildleinwand verfolgen, wie Gummesson versucht, die einzelnen Puzzleteile in ein schlüssiges Gesamtbild von der Schuld der Angeklagten einzufügen.

          Schnell war die 32 Jahre alte Studentin in den Fokus der Ermittler geraten. Schon wenige Tage nach der Tat wurde Christine S. in Hannover festgenommen und im April an Schweden ausgeliefert. Sie bestreitet die Tat. Gummesson aber gab sich vor der Verhandlung sicher: „Es wird eine Verurteilung geben.“ Christine habe als einzige ein klares Motiv gehabt: Eifersucht.

          Alle Vorwürfe zurückgewiesen

          Torgny H., der Lebensgefährte Emmas, hatte die Deutsche einst verlassen. Die beiden hatten sich im Sommer 2006 auf Kreta kennengelernt. Es war eine heftige und zum Schluss wohl einseitige Liebe. Nachdem Christine ihn mehrmals in Schweden besucht hatte, trennte sich Torgny von ihr. Christine wollte den Kontakt aber nicht abreißen lassen, zog nach Schweden und immatrikulierte sich an der Stockholmer Universität. Doch Torgny hatte längst Emma kennengelernt und war zu ihr und den Kindern gezogen. „Das hat Christine nicht verkraftet“, sagt Gummesson.

          Sie zeichnet in ihrem Plädoyer das Bild einer gekränkten, psychisch labilen Frau. Regelmäßig habe sie ihm geschrieben oder versucht anzurufen. Auch habe sie die Geburt eines gemeinsamen Sohnes vorgetäuscht, um Torgny zurückzugewinnen. Gummesson berichtet von den Selbstmordversuchen Christines, und sie liest aus ihrem Tagebuch vor. Da schreibt Christine, kurz nach der angeblichen Geburt des Kindes im Oktober 2007, an Torgny gerichtet: „Du hast das Leben, das ich führen wollte.“ Sie habe das Familienglück Torgnys nicht ertragen können, sagt Gummesson. Das alles füge sich zu einem eindeutigen Motiv. Christine S. wies im Zeugenstand alle Vorwürfe zurück. „Alle, die mich kennen, wissen, dass ich so etwas nie tun könnte“, sagte sie aus.

          „Technischer Beweis“ fehlt

          Die anderen Puzzleteile, über die Gummesson neben dem Motiv verfügt, sind Indizien, die zwar in ihrer Fülle erdrückend wirken, jedoch nicht reibungslos ineinander greifen wollen. So war Christine S. am Tatabend in Arboga, angeblich um eine Ausgrabungsstätte zu besuchen. Sie habe Fotos gemacht und diese dann wieder gelöscht. Kriminaltechniker konnten aber nachweisen, dass es solche Fotos auf ihrer Kamera nie gegeben hat. Dafür wurden auf einem Laptop, der in Hannover sichergestellt wurde, Fotos von Emmas Haus gefunden. Damit aber habe sie nichts zu tun, sagte Christine aus. Auch die angeblich plötzliche Abreise am Tag nach der Tat - nach Hannover - ist laut Staatsanwaltschaft verdächtig. Christines Verteidigung spricht hingegen von einem lange geplanten Osterausflug zur kranken Mutter. Den Hammer, den man ihr am Flughafen abnahm, den habe sie dabei gehabt um ein Fahrrad zu reparieren. Blutspuren konnten an dem Werkzeug nicht gefunden werden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Kevin Kühnert spricht beim SPD-Bundesparteitag

          Debatte um Thierse-Gastbeitrag : Worauf will die SPD verzichten?

          Wolfgang Thierses Beitrag in dieser Zeitung ist für Saskia Esken ein Grund, sich zu schämen. Das ist also das vorwärtsgewandte Bild der SPD, das die beiden offenbaren wollten?
          Zwei Über-80-Jährige erhalten ihre erste Corona-Schutzimpfung in Nordwestmecklenburg

          Schutz besser verteilen : Unsere ungerechte Impftriage

          Zwei Menschen ertrinken, zwei Rettungsringe liegen am Ufer. Soll man beide einer einzigen Person zuwerfen? So sieht die deutsche Impfstrategie aus. Ein Gastbeitrag von vier Ethikern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.