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Mord in Ludwigsfelde : Mutti ist nicht da

Hoffen auf irgendeine menschliche Reaktion

Und dann ist da auch noch dieses Buch, in dem S. als „Henry Sanders“ seine Liebschaften schildert. Das Werk mit dem Titel „Wachgeküsst“ verteilt er stolz unter Freunden und Bekannten. Gewidmet ist es „Tanja . . . für ein paar Monate, die ich in meinem Leben nicht missen möchte. . . . Immer der Deine.“ Das alles wäre nur peinlich, wenn zwischen all den Sexszenen und Unappetitlichkeiten nicht auch ein Satz stünde, der sich im Nachhinein wie ein Geständnis liest. Ob er mal an Scheidung gedacht habe, fragt da ein Weinhändler, und „Sanders“ sagt: „Vielleicht kann ich mit den Worten einer berühmten italienischen Schauspielerin antworten, die auf die gleiche Frage einmal entgegnete: ,An Scheidung nie, an Mord schon.’“

Gegenüber den Ermittlern bestreitet S. die Tat vehement. Sein Sohn aber versteht nun überhaupt nichts mehr. „Jetzt waren sie auf einmal beide weg, Mutter tot, Vater im Knast, das gibt’s doch gar nicht.“ Der Vater schreibt ihm aus der Untersuchungshaft, dass er „Mutti nichts angetan“ habe, bei Besuchen im Gefängnis jedoch schweigt er dazu, redet stattdessen davon, Handy-, Bahncard- und Versicherungsverträge zu kündigen, nennt Adressen von Secondhand-Läden, wohin Kleider der Mutter gebracht, und ein Auktionshaus, wo ihre Möbel abgegeben werden könnten.

Matthias S. hofft auf irgendeine menschliche Reaktion, mehrmals fragt er den Vater: „Hast du Feinde? Hatte Mutti Feinde? Wer kann so etwas tun?“ Und er fordert ihn auf, doch endlich mal auszuflippen, zu sagen, „dass du’s nicht warst“ oder „Hol mich hier raus“ zu rufen. Vergeblich.

„Wenn Mutti mal was passiert, darfst du mir nicht böse sein“

Der Polizei erzählt Heinrich S., er mache sich schwere Vorwürfe, seine Frau, mit der er seit Ende November wieder zusammengelebt habe, nicht in den Wald begleitet zu haben. Den Hochzeitstag am 28. November hätten sie noch mit Sekt und Rosen gefeiert. Doch für die Tatzeit hat Heinrich S. kein Alibi. Vormittags sei er tanken und einkaufen gewesen, sagt er aus, und mittags in der Therme, um eine Baustelle zu besichtigen, anschließend in seinem neuen Büro und am Nachmittag bei einem Termin in Berlin. Belege finden sich für alles - bis auf die Besuche in der Therme und im Büro. Ausgerechnet in der Tatzeit.

Aus der U-Haft bittet S. per Zeitungsanzeige um Mithilfe: „Hat mich jemand am 29. Dezember 2011 in der Zeit von 12 Uhr bis 13:10 Uhr in oder auf dem Gelände der Therme in Ludwigsfelde gesehen?“ Es meldet sich niemand, stattdessen sammelt die Staatsanwaltschaft Indizien. Das Handy von S. wurde zur Tatzeit im Wald geortet, danach soll er im Auto seiner Frau gesehen worden sein. Aber welches Motiv sollte er haben? Vor einem Jahr wurden Korruptionsvorwürfe gegen ihn bekannt, wusste seine Frau mehr? Oder hat er sie so gehasst, wie es im Buch anklingt?

Richter Frank Tiemann hat bis Februar zunächst 29 Verhandlungstage angesetzt sowie mehr als 70 Zeugen geladen. Matthias S. wohnt dem Verfahren als Nebenkläger bei, um Akteneinsicht zu erlangen. „Ich ziehe nicht in den Krieg gegen meinen Vater“, stellt er vor Gericht klar. „Im Gegenteil, ich habe ihn immer unterstützt.“ Im Nachhinein aber komme ihm vieles komisch vor. „Wenn Mutti mal was passiert, darfst du mir nicht böse sein“, habe der Vater ihm mal beim Bier gesagt. Was aber sollte das heißen? „Du wirst schon noch alles erfahren“, hat ihm der Vater aus der Haft geschrieben. Als Matthias S. diesen Satz im Gerichtssaal zitiert, nickt Heinrich S. heftig.

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