https://www.faz.net/-gum-73xv1

Mord in Ludwigsfelde : Mutti ist nicht da

Holzhaus-Idylle: In dieser Siedlung lebte Familie S.
Holzhaus-Idylle: In dieser Siedlung lebte Familie S. : Bild: Jens Gyarmaty

Zwei Wochen später ist die Beerdigung, ganz so, wie sie die Mutter bereits Jahre zuvor schriftlich festgelegt hat - „falls mir mal was passiert“: Urnenbeisetzung, Efeugrab, Einzelgrabstätte. Ob das heiße, dass er da später nicht mit hinein dürfe, hat sich Heinrich S. zuvor erkundigt. „Ja“, antwortete der Bestatter. „Da war er sehr erschüttert“, sagt Matthias S. Der Vater geht als Erster ans Grab, er weint und zittert, auf seiner Grabschleife steht: „In Liebe - Dein Heiner“. Vier Tage später wird er verhaftet.

Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass Heinrich S. an jenem 29. Dezember zwischen 12:10 und 13:10 Uhr seine Frau heimtückisch ermordet hat. Er soll sie von hinten mit einem Schnürsenkel erdrosselt, ihr anschließend eine Plastiktüte über den Kopf gestülpt und zwei Mal ins Gesicht geschlagen haben. Danach soll er dem Hund das Genick gebrochen und beide Körper unter Laub, Moos und Grasbüscheln versteckt haben.

Ludwigsfelde prosperiert während seiner Ägide

Heinrich S. ist ein kleiner, seriös wirkender Mann, der in seinem grauen Anzug und dem schwarzen Hemd jünger als 69 Jahre aussieht. Auf der Anklagebank sitzt er zusammengesunken, die Hände auf dem Bauch und die Daumen aneinandergepresst. Er schaut viel nach unten, selten in den Saal. Nur ab und an wechselt er ein paar Worte mit seinen Anwälten, die ihn links und rechts flankieren.

S. stammt aus Ludwigsfelde, hier ging er zur Schule, lernte Werkzeugmacher und studierte später in Riesa Ingenieur für Schmiede-, Press- und Ziehtechnik. Als in Ludwigsfelde ein Werk für Lastkraftwagen aufgebaut wird, kehrt er zurück, heiratet Ende 1963 die ein Jahr jüngere Brigitte und adoptiert ihren Sohn Matthias. Er sei ein liebevoller Vater und ein sehr guter Organisator gewesen, freilich immer ein wenig exponiert, berichtet ein Freund, der den Prozess beobachtet. Als Ende der achtziger Jahre ein neuer Lastwagen in Serie geht, projektiert S. Werkhallen, Ausrüstung und Maschinen; 1990 schließt die Treuhand den Betrieb, 10.000 Leute stehen auf der Straße.

Fast tägliche Spaziergänge: Gartentor der Familie S.
Fast tägliche Spaziergänge: Gartentor der Familie S. : Bild: Jens Gyarmaty

S. geht in die Politik, wird Bürgermeister und bleibt es 18 Jahre lang. Er ist ein Macher, der kommunale Star der SPD in Brandenburg, wird drei Mal mit absoluter Mehrheit wiedergewählt, Matthias Platzeck und Gerhard Schröder zeigen sich mit ihm. Die Nähe zu Berlin und zur Autobahn, die den Ort zerschneidet, sowie niedrige Gewerbesteuern verkauft S. geschickt als Standortvorteile. Hunderte Betriebe siedeln sich an, darunter auch große wie Daimler-Benz und MTU, die Autos und Flugzeugmotoren bauen. Ludwigsfelde prosperiert und gewinnt sogar Einwohner hinzu.

Er geht mit einer Thailänderin aus

Der Erfolg aber steigt S. offenbar zu Kopf, er wird eigenmächtiger und selbstherrlicher, berichten Ludwigsfelder. Für den Bau der Kristalltherme, heute Europas größtes FKK-Bad, und der Stadiontribüne lässt er sich angeblich mit Betrügern ein. Und auch seine Ehe ist um die Jahrtausendwende herum kaputt. Einwohner munkeln über eine Liaison mit einer Rathausangestellten, aber das Ehepaar erhält die Fassade aufrecht. Heinrich S. ist ständig unterwegs, seine Frau sorgt daheim für einen vollen Kühlschrank, frische Wäsche und Rotwein im Keller, berichtet der Sohn. „Sie haben nicht mehr miteinander geredet, alles plätscherte so dahin.“

Anfang 2008 wird S. pensioniert, für ihn ist es wie eine Vollbremsung von 180 auf null. Bei der Abschiedsfeier sagt er den merkwürdigen Satz: „Ich muss mich ja fragen: Wird hier heute nur mein besseres Ich verabschiedet?“

Der Lokalzeitung erklärt er, nun endlich Zeit für Sport, Bücher, Reisen und Familie zu haben. Tatsächlich gründet er eine Berater-Firma, mietet für 1000 Euro eine Wohnung in Berlin, geht allein Bergsteigen und mit einer Thailänderin aus, die er auf einer Reise kennenlernt. Die Familie weiß von der Freundin, aber oft nicht, wo er gerade ist. „Er hat die unangenehme Eigenschaft, unangekündigt zu verschwinden und plötzlich wiederaufzutauchen“, erzählt der Sohn, der seinen Vater mal in Warschau, mal in Karlsruhe oder Barcelona erreicht.

Weitere Themen

Topmeldungen

Zucchini, Paprika und angebratene Mehlwürmer auf einem Löffel

Nachhaltige Lebensmittel : Die Zukunft der Ernährung

Algen und Insekten gelten als die große Hoffnung, um das Ernährungsproblem der Welt zu lösen. In anderen Ländern sind sie schon als Nahrungsmittel verbreitet. Müssen wir nun auch in Europa unseren Speiseplan umstellen?
Wer die Zeit und das Geld hatte, hat sich in diesem Sommer gerne im eigenen Pool gesonnt.

Vermögensvergleich : Wie reich sind Sie wirklich?

Neue Zahlen zeigen, wie sich das Vermögen der Deutschen über das Leben entwickelt. Schon mit einem abbezahlten Haus und einer Lebensversicherung können Sie zu den oberen zehn Prozent gehören. Testen Sie selbst, wo Sie in Ihrer Altersgruppe stehen!
Canan Topçu und Krsto Lazarević

Streitgespräch : Gibt es Sprechverbote in Deutschland?

Sie stimmt nicht mit den Menschen überein, die Deutschland einen allgegenwärtigen Rassismus attestieren. Für ihn dagegen ist Rassismus Alltag. Ein Streitgespräch über Identitätspolitik zwischen Canan Topçu und Krsto Lazarević.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.