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Mord in Idar-Oberstein : Corona-Leugner mit „sehr kurzer Zündschnur“

Am Morgen nach der Tat sicherten Polizisten die Tankstelle, deren Kassierer erschossen worden war. Bild: dpa

Nach dem tödlichen Angriff auf einen Kassierer in Folge eines Streits um die Maskenpflicht dauern die Ermittlungen an. Nachbarn beschreiben den mutmaßlichen Täter als Corona-Leugner und hoch aggressiven Einzelgänger.

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          Vor der Aral-Tankstelle in Idar-Oberstein liegen am Mittwoch Kerzen, Blumen, Stofftiere und Grußkarten, dazwischen sind immer wieder Fotos eines lebensfrohen jungen Mannes zu sehen, der offenbar viele Freunde hatte. Auf einer Karte steht: „Was dir passiert ist, ist für uns nur schwer zu fassen. Man möchte nur noch weinen.“ Der 20 Jahre alte Student, der auf den Bildern zu sehen ist, hatte in der Tankstelle gearbeitet. Dort wurde er am Samstagabend erschossen – nach aktuellem Ermittlungsstand hatte er zuvor einen Mann, der keine Mund-Nasen-Bedeckung trug, auf die Maskenpflicht hingewiesen.

          Sebastian Eder
          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
          Julian Staib
          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Zum Haus des mutmaßlichen Täters Mario N., der wegen dringenden Mordverdachts in Untersuchungshaft sitzt, dauert es von der Tankstelle mit dem Auto sieben Minuten. Es befindet sich im Stadtteil Enzweiler vor einer hohen Mauer, hinter der eine Bundesstraße vorbeiführt. Aus dem Haus blickt man in ein malerisches Tal. Ringsherum einige Einfamilienhäuser, die Nachbarn kennen sich.

          Direkt gegenüber des Beschuldigten wohnt Pia K., die zum Gespräch in ihr Kosmetikgeschäft bittet. „Mich stört es, dass er von der Polizei als unbeschriebenes Blatt bezeichnet wird“, sagt sie. Die Staatsanwaltschaft hatte am Dienstag mitgeteilt, dass der Beschuldigte bisher nicht polizeibekannt sei. Pia K. sagt, dass sie seit Jahren Ärger mit Mario N. gehabt habe, er habe sie mehrmals beschimpft, etwa, wenn vor seinem Haus ein Auto geparkt habe. Ein anderes Mal habe er sie auf der Straße vor der Polizei als „dreckige Fotze“ beschimpft, die Beamten seien wegen Ruhestörung bei einem anderen Nachbarn dagewesen und N. habe sie verdächtigt, die Polizei gerufen zu haben. „Der war hoch aggressiv und hatte eine sehr kurze Zündschnur.“ Sie habe ihn aber nie angezeigt. „Sonst hätte er mir noch mehr die Hölle heiß gemacht.“

          Er habe sich in Kleinigkeiten reingesteigert

          Mehrere Nachbarn geben an, Mario N. habe zuvor in Ostdeutschland gelebt. Vor rund zehn Jahren soll der 49 Jahre alte Beschuldigte das zweistöckige Haus gekauft haben und mit seiner Frau eingezogen sein, mit der es offenbar zum Streit kam. Zuletzt habe N. mit einer anderen Frau zusammengelebt, sagen mehrere Nachbarn. Sein Vater soll im 13 Kilometer entfernten Herrstein gelebt haben. Er soll sich nach den Angaben mehrerer Nachbarn im vorigen Jahr mit einer Schusswaffe das Leben genommen haben. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft wollte das am Mittwoch nicht bestätigen.

          Angehörige des Opfers und Anwohner haben Blumen, Kerzen und Bilder am Tatort abgelegt.
          Angehörige des Opfers und Anwohner haben Blumen, Kerzen und Bilder am Tatort abgelegt. : Bild: dpa

          In der Nacht auf Sonntag erkannte Pia K. ihren Nachbarn auf einem Fahndungsplakat. „Ich habe mich erst mal nicht getraut, die Polizei zu rufen.“ Am Sonntagmorgen um fünf Uhr habe sie einem Kriminalpolizisten, den sie persönlich kennt, per Facebook geschrieben mit der Bitte um Anonymität. Als der Polizist das später las, war Mario N. aber schon festgenommen worden, er hatte sich vor der Polizeiinspektion in Idar-Oberstein selbst gestellt. Bei seiner Vernehmung soll er laut Polizei angegeben haben, er lehne die Anti-Corona-Maßnahmen insgesamt ab. Laut Staatsanwaltschaft soll der Beschuldigte gesagt haben, er habe sich in die Ecke gedrängt gefühlt und keinen anderen Ausweg gesehen, als ein Zeichen zu setzen. Das Opfer erschien ihm „verantwortlich für die Gesamtsituation, da es die Regeln durchgesetzt“ habe.

          „Ich glaube, dass Corona nur das i-Tüpfelchen war“, sagt Pia K. „Der stand viermal wegen Banalitäten bei mir im Laden und hat mich angeschrien. Beim fünften Mal hätte ich vielleicht den Kopfschuss bekommen.“ N. habe sich „in Kleinigkeiten reingesteigert und ist dann immer wütender geworden.“

          Andere Nachbarn schildern N. als Corona-Leugner. Eine Frau, die direkt neben seinem Haus wohnt, erzählt am Mittwoch, dass sie ihm nach ihrer Impfung stolz das Pflaster gezeigt habe, Mario N. sei außer sich gewesen. „Du stirbst an der Scheiße“, habe er gerufen und von Hunderttausenden Impftoten gesprochen. „Davon war er hundertprozentig überzeugt.“ Ein anderer Nachbar sagte der Bild-Zeitung: „Für ihn waren wir bekloppt, weil wir Masken trugen.“ Corona habe Mario N. für eine Lüge gehalten.

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