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Mord im Jobcenter Neuss : Bilder einer Aufwallung

  • -Aktualisiert am

Angst vor Fotos: Ahmed S. im Gerichtssaal in Düsseldorf Bild: dpa

Ahmed S. hat im Jobcenter Neuss die Arbeitsvermittlerin Irene N. erstochen. Warum, kann er selbst nicht erklären. Seine Anwälte setzen auf verminderte Schuldfähigkeit. Doch zwei Gutachten kommen zu einem anderen Ergebnis.

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          Kein Bild. Nur kein Bild zulassen. Die Fotografen sollen nicht einmal ein Stück seines Gesichts vor ihre Objektive bekommen. Deshalb hat Ahmed S. nicht einfach eine Sonnenbrille und eine Baseballmütze aufgesetzt. Deshalb hat er seine graue Jacke bis weit über die Stirn gezogen, hat sich einen roten Papphefter gegriffen, die Akten des Mordprozesses gegen ihn, hinter denen er sich verschanzt, bis die Fotografen den Saal verlassen müssen.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Dann kommt ein hagerer Mann mit einem sehr langen Gesicht und großen, traurigen Kinderaugen zum Vorschein. S. ist 52 Jahre alt, seine dichten, schwarzen Haare beginnen erst zögerlich grau zu werden. S. wirkt harmlos. Was er gestanden hat, scheint nicht zu ihm zu passen. Viermal hat S. am 26. September 2012 mit einem Fleischermesser im Jobcenter Neuss auf die 32 Jahre alte Arbeitsvermittlerin Irene N. eingestochen.

          Unfassbar heftiges Gemetzel

          Warum? Auch seine Anwälte Gerd Meister und Horst Ruthmann tun sich schwer. Schon vor der Hauptverhandlung haben sie immer wieder gesagt, dass die Sache „normalpsychologisch“ nicht zu erklären sei. In der polizeilichen Vernehmung sagte S., er habe sich über eine kurz zuvor von ihm unterschriebene Datenschutzerklärung aufgeregt.

          Das Jobcenter hatte sich die Erlaubnis geben lassen, persönliche Daten des Kunden Ahmed S. innerhalb der Behörde weiterzuleiten und auch potentiellen Arbeitgebern zur Verfügung zu stellen. Doch S. verstand alles falsch. Er befürchtete, dass mit seinen Daten Geschäfte gemacht würden. Immer weiter steigerte er sich in seine Angst hinein, dass irgendjemand sein Bild für Werbezwecke verwenden könnte, viel Geld verdient mit seinem Bild.

          Im Saal E 122 des Düsseldorfer Landgerichts lässt der Vorsitzende Richter Rainer Drees Bilder aus den Ermittlungsakten an die Wand projizieren. Das erste zeigt ein Küchenmesser. Es hat einen schwarzen Griff. Beinahe bis zum Messerheft ist seine Klinge mit frischem Blut verschmiert. Das zweite Foto zeigt die blaue Strickjacke, die Irene N. am 26. September getragen hat. Die Beamten von der Spurensicherung haben die Jacke aufgeschnitten, um sie besser ausbreiten zu können. Mit Pfeilen sind die Einstichlöcher markiert.

          Es war ein kurzes, unfassbar heftiges Gemetzel, das im kleinen Büroraum im vierten Stock des Jobcenters stattfand. Zuerst ging S. mit einem kleineren Messer auf Irene N. los. Doch das Messer brach ab, weil S. statt der Arbeitsvermittlerin den Fensterrahmen hinter ihr traf. Dann zog S. das größere Messer hervor, das er in einem aus Zeitungspapier gebastelten Schaft in seinem Hosenbund trug. Viermal stach S. auf die Brust, den Bauch und den rechten Oberschenkel seines Opfers ein.

          Kein gutes Leben in Marokko

          So wütend stieß S. in seinem Furor zu, dass er mit dem Bauchstich den Körper der Frau komplett durchfuhr. Binnen kürzester Zeit verblutete das Opfer. „Mein Herz blutete, weil ich betrogen worden war, deshalb musste das Herz meines Gegenübers bluten“, gab S. in der ersten Vernehmung kurz nach der Tat zu Protokoll. Der Polizist notierte: „Es zeigt sich ein schlichter Charakter, eine einfache Persönlichkeit.“ S. habe einen „gläsernen Ehrbegriff“, der kleinste Anlass verletzt ihn.

          Von der Wand leuchtet nun ein Bild der Wunde, die sich S. zufügte, als das kleine Küchenmesser abbrach, zu sehen sind die Knie des Angeklagten, weil er über Knieschmerzen klagte. Zu sehen ist schließlich S., wie er in einem viel zu großen Hemd und blauen Plastiküberziehern an den Füßen dasteht. Der Rechtsmediziner, der die Bilder zur Spurensicherung angefertigt hat, wundert sich noch immer, dass es S. ganz wichtig war, dass die Bilder nicht an die Öffentlichkeit gelangten.

          Ahmed S. kam vor bald 53 Jahren in Marokko zu Welt. An welchem Tag, weiß er selbst nicht so genau. Irgendwann legte ein Gericht den 1. Juli als seinen Geburtstag fest. Es war kein gutes Leben in Marokko. Sein Vater ging schon in den sechziger Jahren nach Deutschland. Die Mutter folgte Anfang der Achtziger. Und während seine jüngeren Geschwister in Deutschland aufwuchsen, blieb der stille Ahmed, der nur die Koran-Schule und erst vom 16. Lebensjahr an ganz kurz eine Volksschule besucht hatte, zurück in Marokko.

          “Von der Hand in den Mund“

          Er lebte mit seiner Frau und seinen fünf Kindern von dem Bisschen, was das Land seiner Eltern abwarf. „Von der Hand in den Mund“, übersetzt die Gerichtsdolmetscherin. S. will lieber seinen Berber-Dialekt sprechen, als in gebrochenem Deutsch Auskunft geben zu müssen. „Auf Deutsch rede ich manchmal ein wenig quer“, sagt er. S. kannte das bessere Leben in Neuss von zwei Aufenthalten. 1990 war er drei Monate mit einem Touristenvisum zu Besuch und 2000, als er sich von seiner marokkanischen Ehefrau scheiden ließ, noch einmal.

          Weil sich dann eine deutsche Frau fand, die ihn heiratete, konnten er und seine Kinder 2001 nach Deutschland übersiedeln. Richter Drees lässt ein Bild vom Aufgang zur Neusser Wohnung von S. an die Wand projizieren. Dann folgen Bilder vom Schlaf- und Wohnzimmer, von der Küche. Es ist ein bescheidener Wohlstand, in dem S. mit seinen Kindern lebte. Arbeit zu finden war für ihn nicht leicht. Wegen der Sprache. Aber er nahm an, was man ihm bot. Erst ging er putzen, dann half er in einem Lager.

          Am besten aber gefiel es ihm in einer Sauerkrautfabrik. Drei oder vier Mal machte S. jeweils sechs bis sieben Monate die Sauerkraut-Saison mit, seine beste Zeit in Deutschland. Immer wieder taucht in seinem arabischen Redefluss vor Gericht wie eine glückliche Insel das Wort „Sauerkraut“ auf. „Es war eine schwere Arbeit, aber das Beste ist, man hat Arbeit. Wenn man Arbeit hat, ist man ruhig“, übersetzt die Dolmetscherin. „Wenn man aufsteht und hat keine Arbeit, ist man durcheinander und hat keinen richtigen Weg.“

          Tagesablauf eines Hausmanns

          Doch seit Dezember 2011 fand S. keine Arbeit mehr. Und auch die zweite Ehe zerbrach, weil es „Missverständnisse“ gab. Mehr kann oder will er dazu nicht sagen. S. suchte Halt im Tagesablauf eines Hausmanns. Er brachte die Kinder zu Schule, kaufte ein. Während er den Haushalt machte, ließ er im Fernsehen immer den Sender N24 laufen. Das sei sein Lieblingssender, weil da nie Bilder von nackten Menschen gezeigt würden und wegen der Nachrichten. „Es gab Sachen, die hab’ ich verstanden, andere hab’ ich falsch verstanden.“

          Beim Jobcenter Neuss nahm Ahmed S. im Programm „Perspektive 50plus“ für ältere Arbeitslose teil. Der freiberufliche Job-Coach Armin K. war sein Ansprechpartner. K. erinnert sich an ein ausführliches Beratungsgespräch. S. sei ein sorgenvoller Mensch gewesen. Als S. sich weigerte, die Datenschutzerklärung zu unterschreiben, habe er seinen Kunden darauf hingewiesen, dass er dann nicht an dem Programm teilnehmen könne. Es sei freilich richtig, vorsichtig mit den eigenen Daten zu sein. S. solle noch einmal darüber schlafen und dann wieder kommen. „Aber er nahm mir dann plötzlich den Zettel aus der Hand und unterschrieb.“

          K. ist derjenige, den Ahmed S. am 26. September eigentlich treffen will. Seit Tagen schon macht sich S. Sorgen wegen der Unterschrift. Bestätigt fühlt er sich durch einen Beitrag auf N24. S. zieht seinen jüngeren Bruder, der perfekt Deutsch spricht, zu Rate. Der Bruder versucht, K. im Jobcenter zu erreichen. Doch K. ist im Urlaub. Nächtelang kann Ahmed S. nicht mehr schlafen.

          IQ von 75, aber voll schuldfähig

          „Plötzlich bin ich wach, es ist, als wenn jemand mir gibt Stich ins Herz.“ S. und sein Bruder verabreden, am 26. September gemeinsam zum Jobcenter zu gehen, um die Sache aufzuklären. Doch gegen 7.30 Uhr ruft S. seinen Bruder an, sagt ihm, er brauche nicht zu kommen.  Statt zum Jobcenter gehe er zum Arzt, um sich wegen seiner Ängste behandeln zu lassen.

          „Ich habe keine Erklärung, wieso ich dann doch zum Jobcenter gegangen bin“, übersetzt die Dolmetscherin. Richter Drees lässt wieder das Bild mit dem blutverschmierten Messer an der Wand hinter sich aufleuchten. S. erkennt das Messer. Drees will wissen, wie und wann S. den feinsäuberlich aus Zeitungspapier gefalteten Schaft hergestellt hat. S. stöhnt leise. Die Dolmetscherin übersetzt: „Ich weiß es nicht, ich war nicht bei Verstand.“

          Es ist wohl der Versuch, sich der Strategie seiner Verteidiger unterzuordnen. Meister und Ruthmann hoffen, auf verminderte Schuldfähigkeit plädieren zu können. Sie glauben, dass S. sich in einem psychischen Ausnahmezustand befunden hat. Doch gibt es in dem Verfahren schon zwei Gutachten, die zu dem Ergebnis kommen, dass S. zwar einen Intelligenzquotienten von 75 hat, aber voll schuldfähig ist. Und S. tut auch bei Gericht alles, um den Eindruck zu bestätigen. Unbefangen schildert er den Tatablauf.

          Schildert, wie er vor der Tür von Armin K. steht, zweimal anklopft. Wie er dann im Flur des Jobcenters an einer Wand mit Bildern der Mitarbeiter vorbeikommt, dort aber keine Fotografie von K. findet, wie ihm der Verdacht kommt, dass K. gar nicht im Jobcenter arbeite. „Dann habe ich im Kopf gesagt, dann gehe ich eben zu Frau N., es könnte sein, dass sie mir helfen wird.“

          Irene N. bittet S., sich zu setzen. Aber S. will sich nicht setzen. Er will über die Datenschutzerklärung reden. „Dann hat sie gesagt, dass ich die Erklärung hätte durchlesen sollen, bevor ich sie unterschrieben habe. Das hat sie gesagt, obwohl sie wusste, dass ich die deutsche Sprache nicht beherrsche.“ Dann sticht S. zu. „Aber ich wollte sie nicht töten, ich wollte jemanden verletzen.“ S. weint.

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