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Mord im Jobcenter Neuss : Bilder einer Aufwallung

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Beim Jobcenter Neuss nahm Ahmed S. im Programm „Perspektive 50plus“ für ältere Arbeitslose teil. Der freiberufliche Job-Coach Armin K. war sein Ansprechpartner. K. erinnert sich an ein ausführliches Beratungsgespräch. S. sei ein sorgenvoller Mensch gewesen. Als S. sich weigerte, die Datenschutzerklärung zu unterschreiben, habe er seinen Kunden darauf hingewiesen, dass er dann nicht an dem Programm teilnehmen könne. Es sei freilich richtig, vorsichtig mit den eigenen Daten zu sein. S. solle noch einmal darüber schlafen und dann wieder kommen. „Aber er nahm mir dann plötzlich den Zettel aus der Hand und unterschrieb.“

K. ist derjenige, den Ahmed S. am 26. September eigentlich treffen will. Seit Tagen schon macht sich S. Sorgen wegen der Unterschrift. Bestätigt fühlt er sich durch einen Beitrag auf N24. S. zieht seinen jüngeren Bruder, der perfekt Deutsch spricht, zu Rate. Der Bruder versucht, K. im Jobcenter zu erreichen. Doch K. ist im Urlaub. Nächtelang kann Ahmed S. nicht mehr schlafen.

IQ von 75, aber voll schuldfähig

„Plötzlich bin ich wach, es ist, als wenn jemand mir gibt Stich ins Herz.“ S. und sein Bruder verabreden, am 26. September gemeinsam zum Jobcenter zu gehen, um die Sache aufzuklären. Doch gegen 7.30 Uhr ruft S. seinen Bruder an, sagt ihm, er brauche nicht zu kommen.  Statt zum Jobcenter gehe er zum Arzt, um sich wegen seiner Ängste behandeln zu lassen.

„Ich habe keine Erklärung, wieso ich dann doch zum Jobcenter gegangen bin“, übersetzt die Dolmetscherin. Richter Drees lässt wieder das Bild mit dem blutverschmierten Messer an der Wand hinter sich aufleuchten. S. erkennt das Messer. Drees will wissen, wie und wann S. den feinsäuberlich aus Zeitungspapier gefalteten Schaft hergestellt hat. S. stöhnt leise. Die Dolmetscherin übersetzt: „Ich weiß es nicht, ich war nicht bei Verstand.“

Es ist wohl der Versuch, sich der Strategie seiner Verteidiger unterzuordnen. Meister und Ruthmann hoffen, auf verminderte Schuldfähigkeit plädieren zu können. Sie glauben, dass S. sich in einem psychischen Ausnahmezustand befunden hat. Doch gibt es in dem Verfahren schon zwei Gutachten, die zu dem Ergebnis kommen, dass S. zwar einen Intelligenzquotienten von 75 hat, aber voll schuldfähig ist. Und S. tut auch bei Gericht alles, um den Eindruck zu bestätigen. Unbefangen schildert er den Tatablauf.

Schildert, wie er vor der Tür von Armin K. steht, zweimal anklopft. Wie er dann im Flur des Jobcenters an einer Wand mit Bildern der Mitarbeiter vorbeikommt, dort aber keine Fotografie von K. findet, wie ihm der Verdacht kommt, dass K. gar nicht im Jobcenter arbeite. „Dann habe ich im Kopf gesagt, dann gehe ich eben zu Frau N., es könnte sein, dass sie mir helfen wird.“

Irene N. bittet S., sich zu setzen. Aber S. will sich nicht setzen. Er will über die Datenschutzerklärung reden. „Dann hat sie gesagt, dass ich die Erklärung hätte durchlesen sollen, bevor ich sie unterschrieben habe. Das hat sie gesagt, obwohl sie wusste, dass ich die deutsche Sprache nicht beherrsche.“ Dann sticht S. zu. „Aber ich wollte sie nicht töten, ich wollte jemanden verletzen.“ S. weint.

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