https://www.faz.net/-gum-77ps4

Mord im Jobcenter Neuss : Bilder einer Aufwallung

  • -Aktualisiert am

Von der Wand leuchtet nun ein Bild der Wunde, die sich S. zufügte, als das kleine Küchenmesser abbrach, zu sehen sind die Knie des Angeklagten, weil er über Knieschmerzen klagte. Zu sehen ist schließlich S., wie er in einem viel zu großen Hemd und blauen Plastiküberziehern an den Füßen dasteht. Der Rechtsmediziner, der die Bilder zur Spurensicherung angefertigt hat, wundert sich noch immer, dass es S. ganz wichtig war, dass die Bilder nicht an die Öffentlichkeit gelangten.

Ahmed S. kam vor bald 53 Jahren in Marokko zu Welt. An welchem Tag, weiß er selbst nicht so genau. Irgendwann legte ein Gericht den 1. Juli als seinen Geburtstag fest. Es war kein gutes Leben in Marokko. Sein Vater ging schon in den sechziger Jahren nach Deutschland. Die Mutter folgte Anfang der Achtziger. Und während seine jüngeren Geschwister in Deutschland aufwuchsen, blieb der stille Ahmed, der nur die Koran-Schule und erst vom 16. Lebensjahr an ganz kurz eine Volksschule besucht hatte, zurück in Marokko.

“Von der Hand in den Mund“

Er lebte mit seiner Frau und seinen fünf Kindern von dem Bisschen, was das Land seiner Eltern abwarf. „Von der Hand in den Mund“, übersetzt die Gerichtsdolmetscherin. S. will lieber seinen Berber-Dialekt sprechen, als in gebrochenem Deutsch Auskunft geben zu müssen. „Auf Deutsch rede ich manchmal ein wenig quer“, sagt er. S. kannte das bessere Leben in Neuss von zwei Aufenthalten. 1990 war er drei Monate mit einem Touristenvisum zu Besuch und 2000, als er sich von seiner marokkanischen Ehefrau scheiden ließ, noch einmal.

Weil sich dann eine deutsche Frau fand, die ihn heiratete, konnten er und seine Kinder 2001 nach Deutschland übersiedeln. Richter Drees lässt ein Bild vom Aufgang zur Neusser Wohnung von S. an die Wand projizieren. Dann folgen Bilder vom Schlaf- und Wohnzimmer, von der Küche. Es ist ein bescheidener Wohlstand, in dem S. mit seinen Kindern lebte. Arbeit zu finden war für ihn nicht leicht. Wegen der Sprache. Aber er nahm an, was man ihm bot. Erst ging er putzen, dann half er in einem Lager.

Am besten aber gefiel es ihm in einer Sauerkrautfabrik. Drei oder vier Mal machte S. jeweils sechs bis sieben Monate die Sauerkraut-Saison mit, seine beste Zeit in Deutschland. Immer wieder taucht in seinem arabischen Redefluss vor Gericht wie eine glückliche Insel das Wort „Sauerkraut“ auf. „Es war eine schwere Arbeit, aber das Beste ist, man hat Arbeit. Wenn man Arbeit hat, ist man ruhig“, übersetzt die Dolmetscherin. „Wenn man aufsteht und hat keine Arbeit, ist man durcheinander und hat keinen richtigen Weg.“

Tagesablauf eines Hausmanns

Doch seit Dezember 2011 fand S. keine Arbeit mehr. Und auch die zweite Ehe zerbrach, weil es „Missverständnisse“ gab. Mehr kann oder will er dazu nicht sagen. S. suchte Halt im Tagesablauf eines Hausmanns. Er brachte die Kinder zu Schule, kaufte ein. Während er den Haushalt machte, ließ er im Fernsehen immer den Sender N24 laufen. Das sei sein Lieblingssender, weil da nie Bilder von nackten Menschen gezeigt würden und wegen der Nachrichten. „Es gab Sachen, die hab’ ich verstanden, andere hab’ ich falsch verstanden.“

Weitere Themen

Topmeldungen

Ein Forscher des Australian Institute of Marine Science vermisst am Clerke Reef Korallenschäden.

Wende in der Klimakrise? : Noch ist nichts verloren

Der Klimaforscher Mojib Latif glaubt an die Wende in der Klimakrise – gerade nach dem Corona-Schock. In seinem neuen Buch „Heißzeit“ erklärt er, was auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zukommt.
Bewohner des dicht besiedelten Viertels Hillbrow in Johannesburg, Südafrika

Bevölkerungswachstum : Afrikas demographisches Dilemma

Bis zum Ende des Jahrhunderts leben elf Milliarden Menschen auf der Erde. Vor allem in Afrika steigt die Zahl. Was bedeutet das für den Kontinent und seinen Nachbarn Europa – auch im Hinblick auf das Coronavirus?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.