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Mord-Geständnis nach 28 Jahren : Die späte Reue des Paul P.

Drei Jahrzehnte nach der Tat wartet der Angeklagte mit seinem Anwalt Alexander Kist auf den Beginn der Verhandlung im Karlsruher Landgericht. Bild: dpa

Vor knapp 30 Jahren wurde Antonella Bazzanella erdrosselt. Jahrzehntelang blieb der Fall ungelöst. Bis der Täter die Schuld nicht mehr ertragen konnte.

          Ein Bild aus dem Sommer 1987 bekam Paul P. 28 Jahre nicht aus seinem Kopf. Das Bild sei in seinen Träume immer wiedergekehrt: Die Erinnerung an den schrecklichen Moment, als die junge italienische Eisverkäuferin Antonella Bazzanella erdrosselt und reglos vor ihm auf dem Boden des Karlsruher Hardtwaldes lag, und er der Leiche ein 14,5 Zentimeter langes Aststück in den Rachen trieb, schließlich noch einen Stein zu Hilfe nahm, um das Holz bis zur Gaumenmandel zu treiben. „Ich habe es 28 Jahre verdrängt, bis zum 28. Februar, bis ich zur Polizei ging“, sagt der Angeklagte im großen Schwurgerichtssaal des Karlsruher Landgerichts. „Das Geräusch, das der Stock machte, als ich ihn in den Mund schob, davon träume ich nachts.“

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Leicht gebeugt sitzt der wegen Mordes angeklagte Paul P. am ersten Verhandlungstag im Gerichtssaal, dunkler Pullover, schulterlange schwarze Haare, runde Metallbrille. „Das Bild ist oft gekommen, ich wollte, dass ich bestraft werde.“ 28 Jahre hat der in Heidenheim geborene Angeklagte geschwiegen. 20 Jahre alt war er, als er die Tat beging, 48 Jahre alt wird er sein, wenn er in wenigen Wochen das Urteil hören wird.

          Die Karlsruher Polizei hatte in dem Fall lange ermittelt, eine Sonderkommission überprüfte mehr als 500 verdächtige Männer. Doch den so genannten „Hardtwaldmord“ konnte sie nie aufklären. Es ist selten, dass ein Mord ungeklärt bleibt. Und es ist auch selten, dass ein unentdeckter Mörder aus eigenem Antrieb nach Jahrzehnten ein Geständnis ablegt.

          Gericht zeichnet Tat akribisch nach

          Paul P. wollte offenbar irgendwann mit der schrecklichen Tat fertig werden. Er sitzt seit Februar in Untersuchungshaft, in einer Einzelzelle, den Hofgang verweigert er. Den Richtern gibt er nach Verlesung der Anklageschrift bereitwillig Auskunft, nur wenn es um sein Beziehungs- und Sexualleben geht, wird er schmallippig.

          Mit Hilfe der Vernehmungen, des Tatort- und Obduktionsprotokolls zeichnet das Gericht den Tathergang akribisch nach: Der 21. Juni 1987 ist ein schöner Sommertag. Im Karlsruher Schlossgarten treten Tina Turner und Joe Cocker auf. Paul P. lebt zu dieser Zeit in einer Jugendhilfeeinrichtung in Karlsruhe Stutensee. Dort werden Jugendliche therapiert, bei denen vieles, wenn nicht alles in der Kindheit schief gegangen ist. Paul P. hatte offenbar auch eine solche Kindheit: Er ist das uneheliche Kind einer Kellnerin, den leiblichen Vater lernt er nie kennen, er wächst mit verschiedenen Stiefvätern auf, wird häufig geschlagen. Ein Lebenspartner seiner Mutter war Fremdenlegionär. „Wenn der zuschlug, dann saß das“, sagt er im Gerichtssaal. Paul P. hat Schulschwierigkeiten, bricht eine Ausbildung als Metallwerker ab und trinkt zu viel Alkohol.

          Am besagten 21. Juni 1987 fährt er von Stutensee in die Karlsruher Innenstadt, kauft sich mal wieder Bier, trinkt es auf einer Bank im Schlosspark. Zufällig kommt Antonella Bazzanella mit ihrem Fahrrad vorbei. Die 25 Jahre alte Frau spricht wenig Deutsch, sie fragt Paul P. arglos auf Italienisch nach Pferden. Ihm gefällt die Frau. „Ich war spitz“, sagt er in der Verhandlung. Ja, er habe schon auf der Parkbank eine Erektion gehabt. Er nimmt sich Zeit, trinkt das Bier in aller Ruhe aus, etwa zehn Minuten später folgt er der Frau, holt sie ein, berührt sie an der rechten Brust, sie stürzt vom Fahrrad; sie schreit, wehrt sich und beschimpft ihn als „Hurensohn“. Paul P. versteht etwas Italienisch, weil er mit seiner Mutter eine Zeitlang in der Schweiz gelebt hat. „Da bin ich ausgerastet, ich habe sie von vorn erdrosselt und ins Unterholz gezogen, dann habe ich versucht, sie mit meinen Händen wiederzubeleben. Da ging nichts mehr, die war tot.“ Er spannt Kordeln um kleine Bäume und bindet sie der Toten um den Hals. Im Obduktionsbericht heißt es damals: „Der Tod ist durch Ersticken eingetreten.“ Am Hals seien starke „Strangulierungsfurchen“ festgestellt worden, im Halsgewebe Einblutungen.

          Angeklagter könnte nach Jugendstrafrecht verurteilt werden

          Der Angeklagte kann sich nicht an alle Einzelheiten der Tat erinnern. Dass er die Schamlippen und das Hymen der Frau mit einem Ast zumindest leicht verletzt hat, übergeht er in seiner Aussage vor dem Gericht. Die Gerichtsmediziner haben eine solche Verletzung zweifelsfrei festgestellt. Auf die Frage, ob sein Ziel eine Vergewaltigung gewesen sei, antwortet er ausweichend. Auch kann Paul P. sich nur unvollständig erinnern, was er tat, nachdem er der Leiche den Ast in den Mund gerammt hatte: Mal will er mehre Stunden auf dem Bauch der toten Frau gesessen haben, mal doch nur zehn oder zwanzig Minuten. Schließlich sei er mit dem Fahrrad zurück nach Stutensee gefahren.

          Die Richter fragen ausführlich nach dem Sexualverhalten des Täters: Er habe vom 15. Lebensjahr an Beziehungen zu Frauen gehabt. Ob ihn Gewaltdarstellungen sexuell animiert hätten, will der psychiatrische Gutachter wissen: „Sicher nicht.“ Sexuell habe „alles funktioniert“. Welche Beziehungsstörungen er hatte, wird am ersten Verhandlungstag nicht ganz deutlich. Ein psychiatrisches Gutachten wird noch erstellt, auf Anraten seines Anwalts ließ der Angeklagte vor Beginn der Hauptverhandlung eine Exploration nicht zu.

          Es steht die Frage im Raum, warum er 28 Jahre brauchte, um sich der Polizei in Basel zu stellen. „Das schlimme Bild war erst komplett weg“, viele Jahre habe er die Tat verdrängen können. Etwa im Jahr 2000 habe sich das plötzlich geändert. Kurz nachdem seine Mutter im Jahr 2002 an Krebs gestorben sei, habe er sich das erste Mal überlegt, die Tat zu gestehen. Es sollte dann noch 13 Jahre dauern, bis sich Paul P. hierzu durchrang. Das Gericht muss noch entscheiden, ob es den Angeklagten nach Jugendstrafrecht verurteilt. Das Urteil könnte schon am 16. Oktober fallen.

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