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Nach Autorennen in Moers : Mit voller Wucht gerammt

  • -Aktualisiert am

Tatort Straße: Markierungen der Polizei zeigen den Unfallhergang nach dem Autorennen in Moers. Bild: dpa

In Moers kommt eine Frau bei einem Autorennen ums Leben. Nach dem mutmaßlichen Unfallfahrer wird wegen Mordverdachts per Haftbefehl gefahndet. Die Hinweise führen ins Ausland.

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          Wie rücksichtslos die beiden Fahrer mit ihren hochmotorisierten Luxusautos unterwegs gewesen sein müssen, lassen die langen Bremsspuren und die vielen weißen Markierungen der Ermittler erahnen, die noch immer auf dem Asphalt der Bismarckstraße in Moers zu sehen sind. Zeugen berichten, dass ein Mercedes-AMG 63S und ein Range Rover Sport am Abend des Ostermontag schon mit hoher Geschwindigkeit durch die recht schmale Straße rasten, als der Fahrer des 612-PS-Mercedes unvermittelt auf die Gegenfahrbahn wechselte und noch weiter beschleunigte, um seinen Kontrahenten im Geländewagen zu überholen.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Eine 43 Jahre alte Frau, die mit ihrem Citroën gerade regelkonform aus einer Seitenstraße auf die Bismarckstraße einbog, hatte keine Chance: Mit voller Wucht rammte der schwere Mercedes den Kleinwagen am Heck. Das Unfallopfer erlitt schwere Verletzungen. Statt sich um die Frau zu kümmern, entfernte sich der Verursacher humpelnd vom Unfallort, der mutmaßliche Renn-Kontrahent floh im Range Rover. Am Donnerstag starb die Frau an ihren schweren Verletzungen.

          Schon kurz nach dem Unfall konnte die Polizei die beiden Halter der beteiligten Fahrzeuge ausfindig machen. Allerdings stellte sich heraus, dass die beiden Männer wahrscheinlich nicht selbst am Steuer gesessen hatten. Tagelang suchte die Polizei nach zwei Verdächtigen. Einer der beiden konnte nun ausfindig gemacht werden, wie Staatsanwalt Sebastian Noé am Montag bestätigte. In einer ersten Vernehmung habe sich der Mann nicht dazu äußern wollen, ob er eines der Fahrzeuge am Ostermontag gefahren habe.

          Verbindungen ins Ausland

          Nach dem zweiten Verdächtigen, dem mutmaßlichen Unfallfahrer, wird seit Montag per Haftbefehl gesucht. „Wir kennen seine deutsche Meldeanschrift, haben ihn dort aber nicht angetroffen“, sagte Noé. Der 21 Jahre alte kosovarische Staatsbürger Kushtrim Hoti habe „aktuell Verbindungen“ in sein Herkunftsland, weshalb es möglich sei, dass er Deutschland „bereits verlassen hat oder zeitnah verlassen will“, hieß es von der Polizei. Gegen Hoti wird wegen Mordverdachts ermittelt. „Als Mordmerkmal kommt beispielsweise in Betracht, dass die beiden Verdächtigen mit gemeingefährlichen Mitteln gehandelt haben“, sagte Noé.

          Die Staatsanwaltschaft Kleve orientiert sich damit an der neuesten Rechtsprechung zur Raser-Kriminalität. Ende März hat das Landgericht Berlin zwei junge Männer des Mordes für schuldig befunden, die sich 2016 auf dem Kurfürstendamm mit ihren aufgemotzten Wagen ein Rennen geliefert, mehrere rote Ampeln missachtet und schließlich einen 69 Jahre alten unbeteiligten Mann totgefahren hatten. Die Täter hätten „selbstverliebt und rücksichtslos“ gehandelt und den Tod des Mannes billigend in Kauf genommen, so das Gericht, das für beide lebenslange Gefängnisstrafen verhängte.

          Der Moerser Fall zählt zu einer ganzen Reihe von illegalen Autorennen in Städten wie Frankfurt, Köln, Hagen, Mönchengladbach und eben Berlin, bei denen in den vergangenen Jahren unbeteiligte Fußgänger, Rad- und Autofahrer verletzt oder gar getötet wurden. Nach einer längeren politischen Debatte verschärfte der Gesetzgeber im Herbst 2017 den Sanktionsrahmen für verbotene Rennen erheblich. Seither sieht Paragraph 315d des Strafgesetzbuches für Raser, die Verkehrsteilnehmer schwer verletzen oder gar töten, bis zu zehn Jahren Haft vor. Die Staatsanwaltschaft Kleve hat noch nicht entschieden, wie sie den Tatbeitrag des zweiten Rasers von Moers bewertet, weshalb gegen ihn noch kein Haftbefehl beantragt worden sei. Vermutlich werde man den Vorwurf aber auf Paragraf 315 stützen, so Noé.

          Eigene Ermittlungsgruppe in Köln

          Seit sich die Polizei verstärkt mit dem Phänomen auseinandersetzt, steigt die Zahl der registrierten Fälle. Wurden 2017 in Nordrhein-Westfalen noch 335 illegale Rennen mit 32 Verkehrsunfällen (darunter ein tödlicher) festgestellt, waren es im vergangenen Jahr schon 474; es kam zu 70 Unfällen mit drei Todesopfern. In Berlin wiederum wurden seit Jahresbeginn schon mehr als 100 Strafverfahren wegen Raserei eingeleitet.

          In Köln hat die Polizei nach mehreren tödlichen Raser-Unfällen bereits vor vier Jahren eine eigene Ermittlungsgruppe mit dem Namen „Rennen“ eingerichtet. Es handelt sich um Zivilbeamte, die in neutralen Fahrzeugen auf allen bekannten „Rennstrecken“ unterwegs sind, um einzugreifen, sobald ihnen ein Fahrzeug verdächtigt vorkommt. Regelmäßig legen die Ermittler getunte Autos still, die ohne Genehmigung verändert wurden.

          Nach Erkenntnissen der Ermittler setzt sich die Szene ausschließlich aus jungen Männern zusammen, viele davon mit Migrationshintergrund. Es handelt sich meist um Fahranfänger, die ihre eigenen Fähigkeiten überschätzen und bei Kontrollen äußern, es sei „cool“, Regeln zu übertreten. Um eine homogene Szene scheint es sich nicht zu handeln. Vielmehr gibt es Überschneidungen mit der Bastler- und Tuner-Szene. Aber auch Mitglieder krimineller Familienclans fallen immer wieder durch Verkehrsverstöße auf – sie sind allerdings mit extrem teuren Fahrzeugen unterwegs, die regelmäßig auf Dritte oder Stiftungen zugelassen sind.

          In welcher Beziehung die Moerser Tatverdächtigen zu den Haltern der beiden mutmaßlichen Tatfahrzeuge stehen, ließ Staatsanwalt Noé am Montag offen. Auch die Frage, ob die Halter der sündhaft teuren Autos Mitglieder von Familienclans sind, wollte der Strafverfolger aus ermittlungstaktischen Gründen nicht beantworten.

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