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Mord auf den Galápagos : Hölle Paradies

Ménage à trois: Die Baronin mit zwei Liebhabern, Rudolf Lorenz (hinten) und Robert Philippson Bild: USC Libraries Special Collections/ Allan Hancock und Smithsonian Institution Archives/ Waldo Schmitt

Vor 80 Jahren begann die Kölner Familie Wittmer auf der Galápagos-Insel Floreana ein neues Leben. Doch sie war nicht allein. Am Ende gab es mindestens fünf Tote. Der Kriminalfall ist bis heute nicht ganz gelöst.

          Das erste Todesopfer im gerade erst bezogenen Paradies war Hertha. Sie wurde mit einer Doppelflinte erlegt. „Ihr Herr hatte sie aus Versehen erschossen. Hertha war sein besonderer Liebling gewesen“, schreibt Margret Wittmer in ihren Erinnerungen. Tausende von Kilometern war die Schäferhündin mit der Familie Wittmer zu den Galápagos-Inseln gereist.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Drei Monate war sie für die Einwanderer noch „unsere treue Gefährtin“ gewesen, die ihnen Schutz in der Wildnis bot. Denn zu den Hinterlassenschaften früherer Siedler auf der Insel Floreana zählten nicht nur wild gewordene Esel, Ziegen, Schweine und Rinder, sondern auch Hunde. Für einen solchen Streuner hatte Heinz Wittmer in jener dunklen Nacht seine Hertha gehalten. Und weil das Tier womöglich seine schwangere Frau angreifen wollte, schoss er. Es war eine vergleichsweise kleine Tragödie. Wirklich nichts im Vergleich zu dem, was auf dem einsamen Eiland im Stillen Ozean noch kommen sollte.

          Floreana lag schon damals, als sich die Kölner Familie Wittmer auf den langen und beschwerlichen Weg zu diesem Fleckchen Erde machte, am Ende der Welt. Die kleine Insel im Süden des Galápagos-Archipels, gut 1000 Kilometer von der Küste Südamerikas entfernt, hat allerdings einen großen Vorteil: Anders als auf den meisten der Inseln, die zum Teil viel größer sind, gibt es auf Floreana Süßwasser.

          Piraten und Walfänger

          Das wussten schon im 17. Jahrhundert Piraten, die sich und ihre Beute auf dem Eiland in Höhlen versteckten. Später kamen Walfänger und richteten sogar ein „Postamt“ ein, das es bis heute gibt: Es handelt sich um eine einfache hölzerne Tonne am Strand, in die man seine unfrankierten Briefe legt. Wer vorbeikommt, nimmt die Post mit.

          Und da die Insel seit ihrer Entdeckung vor fast 500 Jahren von Schiffen angesteuert wurde, weil die Besatzungen ihre Wasservorräte auffrischen mussten und nebenher die Riesenschildkröten ausrotteten, denn Proviant benötigten sie schließlich auch, funktionierte der Service schon vor den Zeiten der deutschen Einwanderer gut. Die Wittmers - Vater Heinz, Mutter Margret und der zwölfjährige Sohn Harry - waren im wahrsten Sinne des Wortes Aussteiger.

          Wohnten bereits seit drei Jahren auf Floreana: Der Berliner Arzt Dr. Friedrich Adolf Ritter und seine Lebensgefährtin Dore Strauch Bilderstrecke

          Heinz Wittmer, Jahrgang 1891, hatte im Kölner Rathaus im Sekretariat des Bürgermeisters Konrad Adenauer gearbeitet. Mit seiner 13 Jahre jüngeren zweiten Frau Margret kehrte er Deutschland Anfang der dreißiger Jahre den Rücken. Sie hatten genug von ihrer politisch und wirtschaftlich am Boden liegenden Heimat. Zudem hofften sie, dass sich ihr kränkelnder Sohn Harry, der aus Heinz Wittmers erster Ehe stammte, auf dem Eiland erholen würde, was er allerdings nicht tat.

          Im August 1932 landeten die drei in ihrem Paradies. Hier wollten sie sich eine neue Welt erschaffen. Dass sie nicht alleine waren, wussten sie. Unbewohnt war ihr Garten Eden nicht: Schon knapp drei Jahre zuvor hatten sich der Berliner Zahnarzt Friedrich Adolf Ritter, Jahrgang 1886, und seine Lebensgefährtin Dore Strauch, eine ehemalige Patientin, auf Floreana niedergelassen.

          140 Jahre ohne Zivilisation

          Die Robinsonade der beiden, über die viele deutsche Zeitungen berichteten, hatte die Wittmers erst auf die Idee gebracht, ihr Glück ebenfalls auf der Vulkaninsel zu suchen. Und das, obwohl sie wussten, welch merkwürdiger Kauz ihr zukünftiger Nachbar war. Dr. Ritter, wie er allgemein nur genannt wurde, hing seiner eigenen Naturphilosophie nach.

          Nackt und zahnlos wollte er beweisen, dass er ohne Zivilisation und moderne Errungenschaften, nur durch gesunde, vor allem vegetarische Lebensweise 140 Jahre alt werden könne. Die Zähne hatten er und Dore Strauch sich vorsorglich ziehen lassen; nun teilten sie sich ein Gebiss aus Edelstahl - angeblich nur für besondere Gelegenheiten, nicht aber zum Kauen. Der Herr Doktor aber nahm es mit seiner Lehre nicht genau: So bat Ritter seine neuen Nachbarn schon nach wenigen Tagen, ihm einen Schinken von dem Schwein zu überlassen, das Heinz Wittmer für seine Familie erlegt hatte.

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