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Mord an „Parkhaus-Millionärin“ : "Unbekannte männliche Person"

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Mysteriöse Verbindung: Ursula Herrmann wurde 1981 ermordet Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Der Mord an einer Münchner „Parkhaus-Millionärin“ schien schnell aufgeklärt: Ihr Neffe war der Hauptverdächtige. Doch dann fanden die Ermittler Spuren, die eine Verbindung zu einem 25 Jahre alten Mord nahelegen. Damals starb ein entführtes Kind in einer Holzkiste.

          Der einstige Lieblingsneffe fällt bei der reichen Tante in Ungnade, fürchtet um sein Erbe und schlägt mit einem scharfkantigen, schweren Gegenstand zu, tötet sie mit mindestens zwanzig Hieben auf den Kopf: So erklärt die Staatsanwaltschaft den Tod der Münchner „Parkhaus-Millionärin“ Charlotte Böhringer vor genau einem Jahr. Benedikt T. jedoch, 32 Jahre alt, ein feingliedriger Mann mit schulterlangem Haar, beteuert am Montag im Schwurgerichtssaal des Münchner Strafjustizzentrums: „Ich habe meine Tante nicht getötet. Ich habe sie auch nicht bestohlen.“ Mehr will er nicht sagen. Die Staatsanwaltschaft will T. aufgrund von Indizien des Mordes überführen, „widersprüchliche Aussagen“ bei seiner Vernehmung zählt sie dazu.

          Benedikt T. hatte seine 59 Jahre alte Tante gemeinsam mit dem stellvertretenden Geschäftsführer ihres nahe dem Isartor gelegenen Parkhauses gefunden. Die vielfache Millionärin, die in mehreren Städten Immobilien besaß, lag blutüberströmt in der Diele ihrer Wohnung über dem Parkhaus. Für die Ermittler wurde T. rasch zum Hauptverdächtigen. Er war Haupterbe, hatte kein Alibi, und nur einem Bekannten hätte Charlotte Böhringer die Tür zu ihrer mit einer Gegensprechanlage gesicherten Wohnung geöffnet. Zudem soll er sich mit seiner Tante gestritten haben, weil er das von ihr finanzierte Jurastudium abgebrochen hatte.

          Unbekannte DNS-Spuren im Geschirrspüler

          Sie soll daran gedacht haben, T. zu enterben. Das bestreitet T., wie auch den Vorwurf der Staatsanwaltschaft, dass er Anfang 2006 Geld von einem Parkautomaten zu seinen Gunsten abgezweigt haben soll. Und die zwei 500-Euro-Scheine mit Blutspuren seiner Tante, die Ermittler in seinem Portemonnaie fanden, habe er schon am Tag vor der Tat von seiner Tante erhalten. Das Blut könne von kleinen Wunden an der Hand stammen, sagen die Verteidiger. Nur drei Tage nach dem Mord wurde T. festgenommen.

          Doch nun haben zwei DNS-Spuren aus der Wohnung der Ermordeten zu der Frage geführt, ob eine Verbindung besteht zwischen dem Schicksal der Münchner Gesellschaftsdame und dem einer zehnjährigen Schülerin, die vor mehr als einem Vierteljahrhundert bei Eching am Ammersee in einer Holzkiste erstickte. Knapp zwei Wochen ist es her, dass Richter Manfred Götzl das Verfahren gegen Benedikt T. gleich nach der Verlesung der Anklageschrift unterbrach. Die Spuren mit dem DNS-Material eines Unbekannten, gefunden auf einem Glas aus dem Geschirrspüler sowie auf dem Knauf einer Schublade stimmten mit Genmaterial aus dem „Fall Herrmann“ überein.

          Mädchen erstickte in Holzkiste

          Auf dem Weg nach Hause wurde Ursula Herrmann im September 1981 vom Rad gezerrt und in die in einem Waldstück vergrabene Kiste gesperrt, ihre Eltern per Brief aufgefordert, zwei Millionen Mark Lösegeld zu zahlen. Nach drei Wochen fand man das Mädchen tot - das Rohr, durch das Luft in die Kiste gelangen sollte, war verstopft. Der oder die Täter wurden nie gefasst. Im Februar war es Ermittlern gelungen, an einer Schraube dieser Kiste das Genmaterial zu finden, das nun im Böhringer-Prozess Aufsehen erregt.

          Dabei scheint eine einfache Erklärung für die übereinstimmenden DNS-Spuren auszuscheiden: Dass sie von einem Polizisten oder Rechtsmediziner stammen, der mit beiden Fällen zu tun hatte. Zusätzliche Speichelproben sowohl von Ermittlern als auch von Bekannten der Toten hätten bislang keine Hinweise auf den Verursacher der DNS-Spur gebracht. Aber „die Schraube wurde nicht mit Handschuhen angefasst“, sagt Staatsanwalt Martin Kronester in der Verhandlung. Erst seit wenigen Jahren werden Beweise auf DNS-Spuren untersucht.

          Kontakt zu Mann mit zweifelhaftem Hintergrund?

          Die Holzkiste, in der Ursula Herrmann starb, war seit 1981 unter anderem im Fernsehstudio von „Aktenzeichen XY ungelöst“ sowie in einer Ausstellung am Ammersee, wo die Bevölkerung um Mithilfe gebeten wurde - viele Möglichkeiten, DNS-Spuren zu verursachen. Für den Staatsanwalt sind die neuen Spuren in der Wohnung Charlotte Böhringers kein Grund, die Verhandlung zu unterbrechen: „Es ist nichts Neues, dass ungeklärte Spuren am Tatort sind.“

          Das sehen die Verteidiger anders. Für sie sind die Spuren am Glas in der Geschirrspülmaschine ein Zeichen, dass sich „zeitnah zum Tatgeschehen eine unbekannte männliche Person in der Wohnung Böhringers aufgehalten hat“, sagt Verteidiger Peter Witting. „Diese Person hat offensichtlich Anlass, sich nicht als Zeuge zu melden.“ Deshalb beantragen er und sein Kollege Stefan Mittelbach, dass die Verhandlung ausgesetzt und der Haftbefehl aufgehoben wird, auch, um Gerüchten nachzugehen, die von einer neuen Spur in die Schweiz sprechen. Die Rede ist von einem Mann mit zweifelhaftem Hintergrund, zu dem Charlotte Böhringer heimlich Kontakt gepflegt habe.

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