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Mordprozess zu Johanna B. : Eine endlose Geschichte

Der 42-jährige Angeklagte wird zur Anklagebank im Verhandlungssaal des Landgerichts in Gießen geführt. Bild: dpa

Fast 19 Jahre nach dem Tod der achtjährigen Johanna hat der Mordprozess begonnen. Es deutet sich an, welches Bild die Verteidiger von dem Angeklagten zeichnen wollen – und was der Knackpunkt im Prozess wird.

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          Am Freitagmorgen gegen 10.30 Uhr tritt Gabriele Bohnacker zum ersten Mal seit 15 Jahren wieder vor die Presse. Sie steht auf dem Flur im Landgericht Gießen, in Saal 207 ist gerade die Anklage gegen den Mann verlesen worden, der vor fast 19 Jahren ihre acht Jahre alte Tochter Johanna missbraucht und getötet haben soll. Ob die Mutter froh ist, dass der Fall jetzt endlich zu einem Ende kommt? „Für mich wird das nie zu Ende sein, es ist eine endlose Geschichte“, sagt sie.

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Aber dass der Täter jetzt hinter Gittern sitze und zur Rechenschaft gezogen werde, darüber sei sie sehr froh. „Ich will, dass der Prozess so schnell wie möglich revisionssicher mit einer gerechten Strafe endet.“ Bis dahin werde sie sich nicht mehr öffentlich äußern. Man hört Gabriele Bohnacker an, dass sie selbst Juristin ist. In dem Mordprozess, der am Freitag begonnen hat, tritt sie als Nebenklägerin auf.

          Als der zweiundvierzig Jahre alte Rick J. gegen zehn Uhr in den Saal geführt wird, sitzt Bohnacker gefasst hinter ihrem Tisch und hört wenig später ruhig den Ausführungen des Staatsanwaltes zu: Dem Angeklagten werde Mord, sexueller Missbrauch, Vergewaltigung eines Kindes mit Todesfolge und der Besitz kinderpornografischer Schriften vorgeworfen.

          Dann geht es um das, was sich am 2. September 1999 den Ermittlungen zufolge auf einem Radweg in Ranstadt-Bobenhausen im hessischen Wetteraukreis zugetragen hat: Rick J. fuhr demnach in einem VW Jetta an Johanna vorbei, „als er sich entschloss, das Mädchen zum Ausleben seiner pädophilen Neigungen in seine Gewalt zu bringen“. Er habe sie in sein Auto gezerrt, mit Chloroform betäubt, in den Kofferraum gesperrt, an einen abgelegenen Ort gefahren und sich an ihr vergangen.

          Spätestens dort habe er Augen und Mund des Mädchens mit Panzerband verklebt und ihren Kopf mit 15 Metern Paketband umwickelt. Dadurch sei Johanna erstickt. Ihre Leiche wurde am 1.April 2000 in einem etwa 100 Kilometer vom Ort der Entführung entfernten Waldstück im Vogelsbergkreis gefunden. „Der Angeklagte hat den Tod entweder billigend in Kauf genommen, zur Befriedigung seiner Triebe gemordet, oder um seine Tat zu verdecken“, sagt der Staatsanwalt.

          „Er fühlt sich für den Tod verantwortlich“

          Ob er das beweisen kann, wird der Knackpunkt in dem Prozess werden, der zunächst auf 13 Verhandlungstage bis August angesetzt ist. Rick J. weist laut seiner Verteidiger nämlich den Mordvorsatz zurück: „Unser Mandant fühlt sich für den Tod verantwortlich. Er gibt aber an, dass er das Mädchen nicht umbringen wollte“, sagt Anwalt Uwe Krechel. Rick J. habe das Mädchen seinen Angaben zufolge ins Auto gezerrt, ihr einmal auf die Nase geschlagen, weil sie sich wehrte, sie betäubt, ihr den Mund zugeklebt und sie in den Kofferraum gesperrt. Als er diesen wieder geöffnet habe, sei das Mädchen bereits tot gewesen. „Er weist auch den Vorwurf des sexuellen Missbrauchs entschieden zurück“, sagt Krechel. Ein sexuelles Motiv für die Entführung räume er dagegen ein.

          Dass Rick J. schon lange seine pädophilen Neigungen auslebt, kann er schwer abstreiten. Zu seiner Festnahme im Oktober 2017 kam es schlussendlich, weil ihn Spaziergänger ein Jahr zuvor bei sexuell motivierten Fesselspielen mit einer Vierzehnjährigen in einem Maisfeld bei Nidda erwischt und die Polizei gerufen hatten. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung in Friedrichsdorf im Hochtaunuskreis fanden die Beamten kinderpornographisches Material. Die abscheulichen Inhalte beschreibt der Staatsanwalt am Freitag detailliert vor Gericht.

          Die Polizei stellte bei der Überprüfung des Maisfeld-Falles außerdem fest, dass die Fingerabdrücke von Rick J. mit einem Teilabdruck übereinstimmen, der auf einem Klebeband gesichert wurde, mit dem Johanna 1999 gefesselt worden war. Nach der Festnahme im Oktober wurde auch bekannt, dass Rick J. in der Vergangenheit immer wieder übergriffig gegenüber Kindern und Jugendlichen geworden war.

          Ein Sachverständigen-Prozess

          Beim nächsten Prozesstermin am 9.Mai will der kleine, stämmige Mann mit Pferdeschwanz selbst das Wort ergreifen. „Er wird vollumfänglich Stellung nehmen und für alle Fragen zur Verfügung stehen“, kündigt Anwalt Krechel am Freitag an. Während die Mutter des Opfers und der Staatsanwalt nach der Prozesseröffnung nur noch kurze Stellungnahmen abgeben, reden die Verteidiger lange und ausführlich mit Journalisten.

          Mit diesem Plakat in Ranstadt-Bobenhausen bat die Polizei um Hinweise auf den Täter im Mordfall Johanna

          So lässt sich schon erahnen, welches Bild sie im Prozess von ihrem Mandanten zeichnen wollen. „Sein ganzes Leben war von Drogen geprägt, hartes Zeug, Ecstasy, Speed und LSD“, sagt Krechel. Rick J. habe jahrelang keine gefestigten Beziehungen zu anderen Menschen und eine unsichere und instabile Persönlichkeit gehabt. „Er hat sein eigenes Leben und das Leben anderer mit Füßen getreten. Für sein ungeheuerliches Handeln gibt es keine Entschuldigung. Aber das ist jetzt bei ihm angekommen.“

          Was der Anwalt zu dem Mordvorwurf sagt? „Ich halte die Aussage meines Mandanten über den Tatablauf, die er sofort nach der Festnahme gemacht hat, für schlüssig.“ Der Staatsanwalt sagt dagegen: „So, wie der Angeklagte es schildert, kann es nicht gewesen sein.“ Um das zu beweisen, haben Ermittler Ende 2017 am Ort des Geschehens den mutmaßlichen Ablauf der Tat rekonstruiert und auf Video aufgezeichnet. Mit den Aufnahmen soll Rick J. im Gerichtssaal konfrontiert werden.

          Außerdem sind im Lauf der Ermittlungen mehr als 100 Zeugen vernommen worden, Gutachten wurden erstellt, mehrere Sachverständige werden im Prozess zu Wort kommen. Verteidiger Krechel sagt: „Es wird ein Sachverständigen-Prozess. Und die Sachverständigen ziehen meiner Meinung nach Schlüsse, die nicht zwingend sind.“ Es gebe bei der schwierigen Spurenlage in dem weit zurückliegenden Fall keine objektiven Gesichtspunkte, die für den von der Staatsanwaltschaft geschilderten Tatablauf sprächen. Warum sein Mandant Chloroform im Auto gehabt habe, wird der Anwalt dann noch gefragt. „Er sagt, das habe er für die Herstellung seiner Drogen gebraucht.“ Ob er ihm das glauben solle, wisse er aber selbst nicht.

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