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DNA-Analyse überführt Täter : Nach 25 Jahren des Mordes überführt

Im Labor wird weiter an vielen neuen genveränderten Pflanzen gearbeitet. Bild: dpa

In den Niederlanden ist es – anders als in Deutschland – erlaubt, die DNA-Spur eines unbekannten Täters nach Herkunft und Verwandten zu analysieren. So konnte jetzt ein mutmaßlicher Vergewaltiger und Mörder geschnappt werden.

          Am 8. Juni 1992 wurde in einem Teich in Zaandam, einer Stadt vor den Toren Amsterdams, der Leichnam der 19 Jahre alten Milica v. D. gefunden. Die junge Frau war auf dem Heimweg von einer Feier verschwunden. Die Obduktion ergab, dass sie vergewaltigt und erstochen wurde. Doch eine heiße Spur hatte die Polizei nicht, alle Ermittlungen führten ins Leere, mit den Jahren wurde der Fall zu einem „cold case“. Aber Mord verjährt nicht. Die Polizei holte den Fall Milica v. D. wieder hervor: Asservate, Spuren, Zeugenaussagen, alles wurde nochmals hinterfragt. Am vergangenen Wochenende nun, mehr als 25 Jahre nach dem Mord, hat die Staatsanwaltschaft die Eltern darüber informiert, dass die Polizei den mutmaßlichen Täter gefasst hat.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Geholfen haben der Polizei dabei die rasanten Fortschritte der forensischen DNA-Analyse – und der gesellschaftliche Konsens in den Niederlanden darüber, dass man diese Fortschritte für die Polizeiarbeit nutzen sollte. So ist es dort, anders als in Deutschland, seit 2003 gesetzlich erlaubt, in einer DNA-Spur eines unbekannten Spurenlegers auch nach Hinweisen auf dessen biogeographische Herkunft zu suchen. Zudem ist es seit 2012 erlaubt, per DNA nach genetischen Verwandten von unbekannten Tatverdächtigen zu suchen.

          Die Polizei ließ also die DNA-Spur von 1992 gemäß heutiger Gesetzeslage analysieren. Das Ergebnis: Die Vorfahren des unbekannten Spurenlegers kamen offenbar aus der Türkei. Zwar kann man mit der DNA-Analyse die Herkunft nur nach Regionen bestimmen und nicht nach Ländern. Genetische Eigenheiten, die über Jahrtausende entstanden sind, lassen sich nicht in die Grenzen politisch definierter Länder zwingen. Doch wiesen die Besonderheiten auf dem Y-Chromosom, das väterlicherseits vererbt wird und für diesen Fall untersucht wurde, in die geographische Region der heutigen Türkei. Und das passte wiederum zu einer Zeugenaussage aus dem Jahr 1992: Ein Augenzeuge hatte angegeben, einen „türkisch aussehenden Fahrradfahrer“ am Tattag in der Nähe des Fundorts der Leiche gesehen zu haben. Somit hatte die Polizei nun zwei unabhängige Ermittlungshinweise, die in diesselbe Richtung wiesen.

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          Diese Information zur geographischen Herkunft des unbekannten Spurenlegers nutzten die Ermittler anschließend bei der Organisation der freiwilligen DNA-Reihenuntersuchung. Die Kriterien für die Reihenuntersuchung konnten jetzt enger definiert und die Zahl der Personen relativ gering gehalten werden: Nur die 133 Männer mit türkischem Hintergrund wurden ermittelt, die zur Tatzeit vor 25 Jahren in dem Stadtteil von Zaandam wohnten, in dem die Leiche gefunden wurde. Doch die Ermittler mussten damit rechnen, dass Täter selten freiwillig zu einer DNA-Reihenuntersuchung gehen. Daher kam der zweite Faktor ins Spiel: das „familial searching“, die Suche nach Verwandten eines unbekannten Spurenlegers, um so an den Tatverdächtigen zu kommen. Die Ermittler informierten die Männer also darüber, dass sie ihr DNA-Profil mit dem des Spurenlegers vergleichen werden. Zudem, so die Information, könne ihre Teilnahme aber auch dazu führen, dass Verwandte, die nicht zur Untersuchung erscheinen, in den Fokus der Ermittlungen geraten.

          Von den 133 kamen trotzdem 126 Männer freiwillig zur Probenentnahme. Nur zwei Männer weigerten sich, fünf konnten nicht mehr ausfindig gemacht werden. Die DNA-Analyse ergab, dass keiner der 133 Männer der Spurenleger war. Aber einer von ihnen wurde als genetischer Verwandter des unbekannten Spurenlegers identifiziert.

          Danach überprüften die Ermittler eine mögliche Verwandtschaft zwischen diesem Freiwilligen und den beiden Männern, die sich geweigert hatten, an der Untersuchung teilzunehmen. Und einer dieser beiden Männer war tatsächlich ein Verwandter des Freiwilligen. Er musste eine Speichelprobe abgeben, und die klassische DNA-Profilanalyse zur Identitätsfeststellung ergab eine hundertprozentige Übereinstimmung mit der Tatortspur. Er war damit als Spurenleger identifiziert. Am Sonntag vergangener Woche wurde der Siebenundvierzigjährige festgenommen.

          „Familial searching“ hilft weiter

          In Deutschland ist bislang weder die Bestimmung der biogeographischen Herkunft eines unbekannten Spurenlegers durch DNA-Analyse erlaubt noch die Suche nach genetischen Verwandten eines unbekannten Spurenlegers (“familial searching“). Offenbar wird erwogen, zumindest in der DNA-Analyse-Datei (DAD) beim Bundeskriminalamt ein „familial searching“ in Zukunft zu erlauben. Bei einem Kapitaldelikt könnte man dann das klassische DNA-Profil des unbekannten Spurenlegers in die DAD eingeben und prüfen, ob es zumindest unter den dort gespeicherten DNA-Profilen von verurteilten Straftätern genetische Verwandte gibt. In Großbritannien und den Vereinigten Staaten ist diese Art des „familial searching“ in der DNA-Datei gesetzlich erlaubt, ebenso in den Niederlanden. Jedoch erlauben klassische DNA-Profile, wie sie in der DAD gespeichert sind, allein die Feststellung enger genetischer Verwandtschaft wie zwischen Eltern und Kindern oder unter Geschwistern. Es müssen also enge Verwandte eines unbekannten Spurenlegers in der DAD gespeichert sein, damit das „familial searching“ funktioniert. Entfernte und enge Verwandte hingegen können mit der Y-chromosomalen DNA-Analyse gefunden werden – aber in der DAD sind keine Y-chromosomalen DNA-Profile gespeichert. Aus diesem Grund sind die gesetzlichen Möglichkeiten zum „familial searching“ in den Niederlanden weiter gefasst. Sie erlauben auch, in einer DNA-Reihenuntersuchung Verwandte des unbekannten Spurenlegers herauszufiltern wie im Fall von Milica v. D. Am besten sei es, wenn die Verwandtensuche über Y-chromosomale DNA-Analyse laufe und in die Auswahl für eine Reihenuntersuchung zusätzlich Angaben zum Aussehen und zum Alter miteinbezogen würden, sagt Manfred Kayser, Professor für Forensische Molekularbiologie und Leiter der Abteilung für Genetische Identifizierung am Erasmus University Medical Center in Rotterdam. Kayser unterstützt mit seinem Team die Polizei in den Niederlanden in „cold cases“, auch im Falle Milica v. D. Um Kapitalverbrechen mit unbekannten männlichen Spurenlegern über eine DNA-Analyse aufzuklären, sei eine Kombination dieser Faktoren „das Effektivste“, das es zurzeit gebe. (ktr.)

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