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Mord an Heike Wunderlich : Gerechtigkeit mit langem Atem

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Der Angeklagte Helmut S. (im Landgericht in Zwickau Bild: dpa

Am 9. April 1987 war die 18 Jahre alte Heike Wunderlich auf dem Heimweg verschwunden. Einen Tag später fand man ihre Leiche. 30 Jahre danach ist ihr Mörder nun zu lebenslanger Haft verurteilt worden.

          Ein Raunen geht durch den Schwurgerichtssaal im Zwickauer Landgericht, als am Mittwoch das Urteil verlesen wird. Der Angeklagte ist des Mordes schuldig und wird zu lebenslanger Haft verurteilt, darüber hinaus stellt das Gericht die besondere Schwere der Schuld fest. „Die Kammer ist überzeugt, dass der Angeklagte das Opfer in besonders grober Art und Weise vergewaltigt und zur Verdeckung der Tat erdrosselt hat“, sagt der Vorsitzende Richter Klaus Hartmann. Die Angehörigen atmen sichtlich auf, ebenso Bekannte und Nachbarn des Opfers, die in den Zuschauerreihen Platz genommen hatten.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Gut eine Stunde braucht Hartmann dann, um das Urteil zu begründen. Denn dieser Prozess war schwierig und ungewöhnlich: Die Tat geschah vor 30 Jahren noch in der DDR, mehrmals war der Fall zu den Akten gelegt und nur mit Hartnäckigkeit und ein bisschen Glück doch noch gelöst worden.

          Die junge Frau war brutal vergewaltigt worden

          Am 9. April 1987 war die 18 Jahre alte Heike Wunderlich am späten Abend mit ihrem Moped auf dem Weg nach Hause, wo sie jedoch nie ankam. Tags darauf wurden ihre Leiche und das Moped in einem Waldstück bei Plauen im Vogtland gefunden. Die junge Frau war brutal vergewaltigt und erdrosselt worden, doch die Ermittler konnten keinen Täter dingfest machen. Auch nach der Wiedervereinigung blieb das Verbrechen mehr als zwei Jahrzehnte ungeklärt, bis im vergangenen Jahr schließlich der Durchbruch gelang: Bei einer nochmaligen Untersuchung der Kleidung des Opfers gelang es den Ermittlern, eine vollständige DNA-Spur zu sichern, die zu einem Treffer in der DNA-Analysedatei des Bundeskriminalamts führte. Die Spur führte zu dem heute 62 Jahre alten Helmut St., der zur Tatzeit in Plauen lebte und im nahen Gera festgenommen wurde.

          „Die Gerechtigkeit hat einen langen Atem“, sagt Richter Hartmann, der gleich zu Beginn die „unermüdliche Ermittlungsarbeit“ sowie die verbesserten wissenschaftlichen Untersuchungsmethoden lobt, die schließlich zu Helmut St. geführt hatten. Damit aber begann ein Hürdenlauf, bei dem das Gericht im Wesentlichen vier Fragen zu klären hatte: Ist der Täter überhaupt verhandlungsfähig? Hat er Heike Wunderlich getötet? War es Mord? Und schließlich: Ist der Mann nach DDR- oder BRD-Recht zu verurteilen? „Wir hatten es hier mit einer juristischen Zeitreise zu tun“, sagt Hartmann, der zur Urteilsfindung unter anderem auch in den „Grundsätzen sozialistischer Gerichtsbarkeit“ lesen sowie auf Jahrzehnte alte DDR-Urteile zurückgreifen musste.

          Der Angeklagte, der durch einen Schlaganfall halbseitig gelähmt ist, bot während des Prozesses ein Bild des Jammers. Bisweilen im Rollstuhl, bisweilen hinkend schleppte er sich auf die Anklagebank, sagte nie ein Wort und folgte dem Geschehen im Saal meist mit gesenktem Blick. Mit Hilfe eines Sachverständigen sowie von Zeugen, die Helmut St. kennen, bewertete die Kammer die Frage der Verhandlungsfähigkeit positiv, allerdings nur für zwei Stunden je Tag, was das Verfahren zusätzlich in die Länge zog. Am Ende wurden es 42 Verhandlungstage, in denen das Gericht zahlreiche Zeugen, Ermittler und Sachverständige anhörte. Vor allem letztere lieferten das entscheidende Puzzleteil.

          Ihm sei die Tat „nicht persönlichkeitsfremd“

          Mit verbesserten Analysemethoden konnten sie eine vollständige DNA-Spur des Angeklagten am Büstenhalter des Opfers extrahieren, mit dem dieses erdrosselt worden war. Da nicht völlig ausgeschlossen ist, dass die Spur doch zu einem anderen Menschen passt, interpretierte das Gericht den Fund: Die Spur befand sich an einer Stelle des BHs, an der zum Erdrosseln fest zugezogen worden ist. Dafür gebe es keine unverfängliche Erklärung, heißt es in der Urteilsbegründung, auch eine Übertragung durch Dritte oder eine Verunreinigung der Beweismittel sei auszuschließen.

          Erschwerend hinzu komme die Ortskenntnis des Angeklagten, der in der Gegend des Tatorts aufwuchs. Ihm sei die Tat überdies „nicht persönlichkeitsfremd“. Bei zwei Taten, für die er 1989 und 1992 verurteilt wurde, habe er ebenfalls weibliche Opfer gewürgt, um Sexualverbrechen zu verdecken. Darüber hinaus war der Angeklagte auch später noch durch einschlägige Taten aufgefallen und so überhaupt in die DNA-Datei des BKA gelangt, die es erst seit 1998 gibt.

          Eine Tötung wäre verjährt gewesen, das Gericht ließ jedoch keinen Zweifel daran, die Tat als Mord zu bewerten; der Angeklagte habe die Vergewaltigung verdecken wollen, indem er sein Opfer umbrachte. Eine Verdeckungsabsicht per se war allerdings nach DDR-Strafrecht kein Mordmerkmal, weshalb die Kammer auch auf alte DDR-Urteile zurückgriff, in denen Tätern in ähnlichen Fällen egoistische Motive unterstellt wurden, die zu einer Verurteilung als Mörder führten. „Ich habe nicht den geringsten Zweifel daran, dass der Angeklagte auch zu DDR-Zeiten lebenslänglich erhalten hätte“, sagt der Richter, der schließlich noch die besondere Schwere der Schuld begründet. Heike Wunderlich sei „auf wirklich abscheuliche Weise“ brutal vergewaltigt worden, sie habe sich einen „intensiven Tötungskampf“ mit dem Täter geliefert, der sein Opfer am Ende auch noch verhöhnt habe, indem er ein Markstück in ihrer Vagina hinterließ.

          Helmut St. folgt den Ausführungen am Mittwoch mit gesenktem Kopf. In einer Erklärung seiner Anwälte, die auf Freispruch plädierten, hat er die Tat bestritten. Auf die Angehörigen, insbesondere die beiden Brüder Heike Wunderlichs, die als Nebenkläger jeden Verhandlungstag verfolgten, wirkt das Urteil erleichternd. Sie hatten sich nichts sehnlicher gewünscht, als endlich den Mörder ihrer Schwester zu finden. Nach dem Urteil stehen ihnen Tränen in den Augen.

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