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Mord an Fritz von Weizsäcker : Aus Abneigung gegen den Vater

In dem Vortragsraum dieses Neubaus auf dem Geländes der Schlosspark-Klinik ist Fritz von Weizsäcker am Dienstagabend erstochen worden. Bild: dpa

Der Mörder von Fritz von Weizsäcker ist offenbar psychisch krank. Die Messerattacke auf den Sohn des früheren Bundespräsidenten soll er im Detail geplant haben. Sein angebliches Motiv wirft Fragen auf.

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          Keine Sirene, kein Blaulicht: Der Rettungswagen fährt die Berliner Mollwitzstraße hinunter und passiert dort, wo die schmale Straße scharf nach links abknickt und zum Heubnerweg wird, das Tor der Schlosspark-Klinik. Für ein Krankenhaus ist das nichts Besonderes. Der Rettungswagen hält auf der Rampe vor der Notaufnahme. Ein Mann mit Krücken steigt in ein Taxi. Eine Frau mit wehendem weißen Kittel eilt mit einem Kaffeebecher in der Hand über den Hof. Eine Berlinerin, die ihre Nachbarin in der Neurologie besucht hat, sagt: „Mir ist aufgefallen, dass sich alles sehr normal anfühlte.“

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Dabei ist nichts normal an diesem Novembermittwoch, keine 24 Stunden nachdem der Chefarzt Fritz von Weizsäcker während eines Vortrags erstochen worden ist. Vor dem Kliniktor haben ein paar Kamerateams Position bezogen. Im Foyer des Hauptgebäudes ist ein Porträtfoto des 59 Jahre alten Professors für Innere Medizin und Gastroenterologie aufgehängt worden. Neben einem Strauß mit weißen Rosen liegt ein Kondolenzbuch aus, eine Kladde mit Goldrand. „Welch ein Verlust“, hat jemand geschrieben. Und: „Danke für das, was Sie geleistet haben.“ Gleich im ersten Eintrag heißt es: „Es ist für mich so als würde ich seine Schritte hören und er kommt jeden Moment auf die Station.“

          Haus H, die Abteilung für Psychiatrie der Privatklinik, die mit rund 350 Betten ein eher kleines Krankenhaus ist, befindet sich in einem Neubau mitten auf dem Klinik-Gelände und ist erst im Sommer eröffnet worden. In strahlendem Weiß hebt sich die moderne Fassade vor dem bleichen Winterhimmel ab. Hier, im Vortragsraum in der Mitte des Gebäudes, sollte Fritz von Weizsäcker am Dienstagabend einen Vortrag mit dem Titel „Fettleber – (K)ein Grund zur Sorge“ halten.

          Nach der Messerattacke stehen Feuerwehrleute, Polizisten und medizinisches Personal am Dienstagabend vor der privaten Schlosspark-Klinik.

          Ein Polizist wurde schwer verletzt

          Einmal im Monat findet so ein „Patientenforum“ statt, die Veranstaltungen sind öffentlich, um Anmeldung wird gebeten. Um die zwanzig Zuhörer sollen sich am Dienstag im Raum befunden haben, als gegen kurz vor sieben Uhr ein Mann direkt auf den Dozenten loslief und ihn mit einem Messer niederstach. Ein anderer Zuhörer, ein 33 Jahre alter Polizist, der die Veranstaltung in seiner Freizeit besucht hatte, wollte den Angreifer aufhalten, wurde dabei selbst von ihm schwer verletzt. Alarmierte Notärzte des Klinikums und Rettungssanitäter konnten Fritz von Weizsäcker nicht mehr helfen, der Sohn des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker verstarb an den Folgen eines Halsstiches.

          Mehrere Zuhörer aus dem Publikum hielten den Angreifer fest und übergaben ihn später den Polizeibeamten. Es handelt sich laut Polizei um einen 57 Jahre alten Deutschen. Nach Angaben des „Tagesspiegels“ heißt er Gregor Sch. und kommt aus der Nähe von Koblenz, ist aber ein gebürtiger Berliner. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft liegt das Tatmotiv nicht im persönlichen Bereich, sondern in einer „wahnbedingten allgemeinen Abneigung des Beschuldigten“ gegen die Familie Weizsäcker.

          Seine Abneigung soll der Täter mit der Rolle Richard von Weizsäckers bei der Firma Boehringer begründet haben. Der sei als Mitglied der Geschäftsführung während der sechziger Jahre für die Lieferung von Giftstoffen für den Vietnamkrieg verantwortlich gewesen. Nach Informationen der F.A.Z. hat sich der Beschuldigte in seiner Vernehmung ausdrücklich auf Adelheid S. bezogen, die 1990 das Messerattentat auf Oskar Lafontaine verübt hatte.

          Laut Staatsanwaltschaft recherchierte der Täter im Internet und stieß dabei auf den Vortrag in der Schlosspark-Klinik. Danach fuhr er mit der Bahn zu der Veranstaltung nach Berlin, nachdem er zuvor noch in Rheinland-Pfalz ein Messer für die Tat gekauft habe. „Die kriminelle Energie ist ungewöhnlich“, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft der F.A.Z.

          Der Beschuldigte sei unbestraft, über ihn lägen keine anderweitigen strafrechtlichen Erkenntnisse vor. Nach einer psychiatrischen Untersuchung wird der akut psychisch kranke Beschuldigte laut der Staatsanwaltschaft Berlin noch am Mittwoch wegen Mordes und versuchten Mordes in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht. Der verletzte Polizist, den Notärzte versorgt hatten, wurde zur weiteren Behandlung auf die Intensivstation eines anderen Krankenhauses gebracht, er schwebt nicht in Lebensgefahr.

          Am Dienstagabend hatten vor dem Gebäude, in dem sich die Tat zugetragen hatte, Krankenwagen und Feuerwehr, Polizeiautos sowie ein Gefangenentransporter geparkt. Der Täter wurde, den Kopf unter seiner Jacke verborgen, von zwei Polizisten abgeführt. Ein Pförtner habe angefangen zu weinen, als er von dem Vorfall gehört habe, berichtete ein Augenzeuge. Auch die Krankenhausangestellten hätten „fassungslos“ reagiert: „Denen entglitten die Gesichtszüge“, sagte der Mann.

          Weizsäcker stammte aus einer bekannten Familie, war der jüngste Sohn von Richard von Weizsäcker und dessen Frau Marianne. Seine Kindheit hatte er in Ingelheim am Rhein und Bonn verbracht, wo er sein Abitur ablegte. Von 1979 bis 1987 studierte er Medizin in Bonn und Heidelberg. Für das Praktische Jahr ging er in die Vereinigten Staaten, unter anderem an die Harvard Medical School in Boston. 1997 habilitierte sich Weizsäcker an der Universität Freiburg, 1998 wurde er Facharzt für Innere Medizin mit dem Spezialgebiet Gastroenterologie und Hepatologie. Von 1994 bis 2005 arbeitete er am Universitätsklinikum Freiburg, 2005 wurde er Chefarzt der Inneren Abteilung der Schlosspark-Klinik Berlin.

          Ein besonders menschlicher Arzt

          Weizsäcker wird von seinen Patienten als feinsinniger Mensch und überaus einfühlsamer und passionierter Arzt beschrieben, der sich trotz seines dichten Terminplans im Klinikalltag Zeit für das Zuhören nahm und das Vertrauen seiner Patienten gewann. „Er war der menschlichste und mir am nächsten stehende Arzt“, sagt einer seiner Patienten, „denn er fühlte mit seinen Patienten“.

          Weizsäcker war das jüngste der vier Kinder des früheren Bundespräsidenten. Sein Bruder Andreas war 2008 gestorben. Für seine Mutter Marianne von Weizsäcker war der jüngste Sohn nach dem Tod des Vaters im Jahr 2015 ein treuer Begleiter bei öffentlichen Veranstaltungen und Einladungen. Er selbst pflegte ein offenes Haus und hinterlässt eine große Familie mit vier Kindern. Weizsäcker war seit 2009 Mitglied der FDP.

          In der Klinik haben die Mitarbeiter die Möglichkeit, in einem geschützten Raum ihre Betroffenheit zu zeigen, wie das Krankenhaus mitteilte. Notfallseelsorger seien im Einsatz. Die Kollegen seien tief getroffen, trotzdem müsse der Krankenhausbetrieb weitergehen. Direkt vor Haus H., nur durch das Gitter eines Bauzauns getrennt, befindet sich die Haltestelle „Schlosspark-Klinik“. Eine Frau mit Kopftuch wartet dort am Mittwoch auf den Bus 309, der nur alle zwanzig Minuten kommt. Alle sechs Monate sei sie zur Rheumabehandlung in der Klinik, erzählt die Mittfünfzigerin, eine Lehrerin aus Jordanien. Sie habe schon viele Patientenvorträge dort besucht. Auch am Dienstagabend wäre sie gekommen, hätte die Familie keinen Besuch gehabt. Kurz darauf habe ihre Tochter ihr von dem tödlichen Angriff auf Arzt erzählt. Die Frau schaut verzweifelt. „Warum?“, fragt sie.

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