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Hannover : Mörder von Dano könnte auch der von Jenisa sein

Seit Anfang Juli wurde in einem Waldstück nach dem Leichnam Jenisas gesucht Bild: dpa

Vor sieben Jahren verschwand das Mädchen Jenisa, unter Mordverdacht stand schon damals Ibrahim B. Jetzt sieht es so aus, als könnte er doch noch überführt werden. In der Zwischenzeit konnte er jedoch ein weiteres Kind töten.

          Diese Entdeckung hat eine besondere Tragik: Am Dienstagmorgen haben Polizeibeamte in einem Waldstück bei Wunstorf in der Nähe von Hannover Knochen gefunden, die nach Angaben der Ermittlungsbehörden „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ sterbliche Überreste der seit sieben Jahren vermissten Jenisa sind.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Sollte die rechtsmedizinische Analyse das bestätigen, würde eine nicht nur für die Eltern, sondern auch für Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichte schreckliche Vermutung endlich zur Gewissheit: Ibrahim B., den die Behörden schon kurz nach dem Verschwinden des acht Jahre alten Mädchens verdächtigt hatten, aber nicht überführen konnten, war der Täter – und er konnte seine Freiheit dazu nutzen, im Frühjahr dieses Jahres ein weiteres Kind zu ermorden, den fünf Jahre alten Dano.

          In das Waldstück zwischen den Wunstorfer Ortsteilen Blumenau und Liethe führten zwei Mithäftlinge des inzwischen 43 Jahren alten Mannes die Polizei. Einer der Häftlinge soll wie der mutmaßliche Mörder Türkisch sprechen. Nach Medienberichten haben die beiden Ibrahim B. versprochen, die Beseitigung der Leiche bewerkstelligen zu können und ihm, wenn er alle Umstände auf den Tisch lege, auch einen guten Anwalt zu vermitteln. Ibrahim B. ging auf das Angebot ein und schilderte seine Tat in einem mehrseitigen Schreiben – samt Karte des Ortes, wo er die Leiche des Mädchens abgelegt hatte. Die Karte sowie das „Geständnis“ übergaben die Mithäftlinge im Frühsommer den Behörden. Seit Anfang Juli wurde in dem Waldstück nach dem Leichnam Jenisas gesucht, bis zum Dienstag allerdings ohne Erfolg.

          Seit sieben Jahren vermisst

          Verschwunden war Jenisa am 7. September 2007, nachdem sie vom Wohnhaus ihrer Eltern aufgebrochen war, um ihre Tante zu besuchen. Diese wohnte im Ihme-Zentrum, einem heruntergekommenen Einkaufs-, Wohn- und Bürozentrum mitten in Hannover, das sich mittlerweile in einem fast schon bürgerkriegsähnlichen Zustand befindet und nun zwangsversteigert wird. Im Fahrstuhl der 40 Jahre alten Anlage wurde das Mädchen noch von einer Zeugin gesehen. Seither war es vermisst. Drei Tage später fand man nahe einer Autobahnauffahrt, fünf Kilometer vom Fundort der Leichenteile entfernt, Kleidung und die Schuhe von Jenisa.

          Der Lebensgefährte der Tante war Ibrahim B. Ihn hatten die Behörden schon 2007 im Verdacht. Er hatte kein Alibi und soll in der Nähe der abgelegten Kleidung gewesen sein. Zudem sagten Zeugen aus, sie hätten Jenisa in einem Wagen gesehen, der seinem Auto, einem grauen Golf II, glich. Es erging Haftbefehl. Über Wochen saß Ibrahim B. in Untersuchungshaft, doch die Ermittler fanden keine schlagenden Beweise. Nach 42 Tagen wurde der Tatverdächtige wieder entlassen.

          Damals gab es noch Hoffnung, dass Jenisa am Leben sein könnte. Laut Staatsanwaltschaft Hannover soll intensiv dem Verdacht nachgegangen worden sein, das Mädchen sei nicht ermordet, sondern ins Ausland verschleppt worden. Doch das Landgericht Hannover lehnte eine Anklage wegen Kindesentziehung ab.

          In Nordrhein-Westfalen schlug er wohl nochmal zu

          Der Verdächtige zog zwischenzeitlich nach Nordrhein-Westfalen, ins ostwestfälische Herford nahe der niedersächsischen Grenze. Dort fiel Ibrahim B. immer wieder durch Gewalttaten auf. 2009 ermittelte die Staatsanwaltschaft Bielefeld gegen ihn, weil er eines seiner eigenen Kinder schwer verletzt haben soll. Die Ermittlungen wurden jedoch eingestellt. Mehrfach gab es Polizeieinsätze wegen häuslicher Gewalt. Doch Strafanzeigen zog seine damalige Partnerin, die Tante Jenisas, laut Medienberichten stets wieder zurück.

          Am 14. März dieses Jahres verschwand in Herford der fünf Jahre alte Dano, der wie Jenisa albanischer Herkunft ist. Wieder fiel der Verdacht auf Ibrahim B., der in der unmittelbaren Nachbarschaft wohnte und dessen Sohn ein Spielkamerad Danos war. Am 4. April 2014 gestand Ibrahim B., den Jungen ermordet zu haben. Er kam in die JVA Bielefeld-Brackwede, wo er auf die beiden Mithäftlinge traf, deren Hinweise nun zur Klärung des Falls der kleinen Jenisa beigetragen haben könnten.

          Eigene Versäumnisse sieht die Staatsanwaltschaft Hannover nicht. Eine Sprecherin sagte am Dienstag: „Zur Zeit sehen wir keinen Grund, warum wir die eigenen Ermittlungen noch einmal überprüfen sollten.“

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