https://www.faz.net/-gum-80cu9

„Mittagsmörder“ entlassen : Zurück in der Zukunft

Klaus G. flieht nach der Tatortbesichtigung in Neuhaus an der Pegnitz am 11. September 1965 vor einer aufgebrachten Menschenmenge zum Polizeiauto. Bild: Picture-Alliance

Weil er in den Sechzigern fünf Menschen jeweils zur Mittagszeit tötete, wurde Klaus G. als „Mittagsmörder“ bekannt. Fast 50 Jahre saß er im Gefängnis. Jetzt ist er zurück in einer Welt, die eine andere geworden ist.

          Wer braucht 30 Marmeladensorten? Das wird sich Klaus G. vielleicht gefragt haben, als er im Zuge seiner Entlassungsvorbereitung einen Supermarkt besuchen konnte. Dass heute bei Erdbeere und Kirsche noch lange nicht Schluss ist, dass sich manche Türen in Geschäften wie von Geisterhand öffnen, dass man mit Telefonen inzwischen auch fernsehen und sie überallhin mitnehmen kann – das alles gehört zu den Veränderungen, von denen der Vierundsiebzigjährige im vergangenen halben Jahrhundert nicht allzu viel mitbekommen hat.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Als Student der Volkswirtschaftslehre wurde Klaus G. im Jahr 1965 festgenommen. Am 27. Juli 1967 wurde er wegen Mordes an fünf Menschen zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Da war er 26 Jahre alt. Sieben Menschen soll er insgesamt erschossen haben, fünf Morde wurden angeklagt: Zwischen 1962 und 1965 hatte er bei Raubüberfällen in Nürnberg und Umgebung in zwei Sparkassenfilialen, einem Waffengeschäft und einem Kaufhaus vier Männer und eine Frau durch gezielte Schüsse in Kopf und Herz getötet, wie es die Anklage damals formulierte. Die Taten wurden allesamt während der Mittagszeit verübt. Das trug ihm den Namen „Mittagsmörder“ ein.

          Seine Geständnisse der Taten hatte er bei der Verhandlung vor dem Nürnberger Landgericht immer wieder verworfen oder verändert. Doch der Vorsitzende Richter kam in seiner Urteilsbegründung zu dem Schluss, dass Klaus G., von dem es hieß, er schätze Nietzsche sehr, durch Augenzeugen und sein in den Geständnissen offenbartes Wissen eindeutig als Täter zu überführen sei. Jahrzehnte saß er in der bayerischen Justizvollzugsanstalt (JVA) Straubing ein, ohne dass eine vorzeitige Entlassung in Betracht kam: Das Risiko, dass er weitere Verbrechen begehen könne, wurde lange als zu hoch eingeschätzt, um eine Aussetzung der Freiheitsstrafe auf Bewährung zu gestatten.

          Klaus G. muss alltägliche Dinge lernen

          Im Jahr 2012 erst entschied das Nürnberger Oberlandesgericht, seine Strafe am 1. März 2015 auf Bewährung auszusetzen. Gutachten hätten dies dann auch im Jahr 2014 bestätigt, heißt es beim Oberlandesgericht. Auch sein Alter habe dabei eine Rolle gespielt. Nun ist er diese Woche schon auf freien Fuß gesetzt worden, wie das Gericht am Freitag bestätigte.

          Es sind vor allem alltägliche Dinge, die Langzeithäftlingen erklärt werden müssen, damit sie das Leben draußen bewältigen können. Wie benutze ich eine EC-Karte? Wie einen Fahrkartenautomaten? Wie bewegt man sich sicher im Straßenverkehr, der nun ganz andere Dimensionen angenommen hat? „Viele sind oft sehr verunsichert und fühlen sich überfordert“, sagt Roland Retzbach, stellvertretender Leiter der JVA Straubing. Daher sei eine kontinuierliche Heranführung an das Leben in Freiheit wichtig, um die Wiedereingliederung in die Gesellschaft nicht über Gebühr zu gefährden. Zwar haben die Häftlinge, denen das Internet aus Sicherheitsgründen versagt bleibt, die Möglichkeit, Zeitungen und Zeitschriften zu lesen, Radio zu hören oder Fernsehen zu schauen. Doch es sei etwas anders, die Dinge nur vom Hörensagen zu kennen oder „draußen“ in sie „hineingewachsen“ zu sein, sagt Retzbach.

          Für viele Jahre das Zuhause von Klaus G.: die JVA Straubing

          Klaus G. war einer von rund 200 zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe Verurteilten in der JVA Straubing. Zuletzt war er im Entlassungsvollzug. Dorthin kommen die „Lebenslangen“, sobald die Freiheitsstrafe zur Bewährung ausgesetzt wird, wenn die Sozialprognose positiv ist. Schritt für Schritt werden sie „mit extra- und intramuralen Aktivitäten“ auf das Leben nach der Haft vorbereitet, in der Regel beginnt es etwa zwei bis drei Jahre vor der Entlassung. Innerhalb der Gefängnismauern sind das zum Beispiel Hauswirtschaftskurse: Die Häftlinge lernen, wie man kocht und seine Wäsche selbst wäscht. Dazu kommen „Gruppenausführungen“: Mehrere Häftlinge verlassen – begleitet von Justizvollzugsbediensteten – das Gefängnis und fahren in Einkaufszentren, Museen oder auch zum Wandern in den Bayerischen Wald. Alle Besuche werden in Gesprächen mit Psychologen vor- und nachbereitet, ebenso wie die begleiteten „Einzelausführungen“, die eine weitere Stufe der Vollzugslockerungen bedeuten.

          Besonders der Besuch von Super- oder Elektronikmärkten sei oft überwältigend, sagt Retzbach. Tante-Emma-Läden, wie sie Klaus G. gewöhnt war, als er 1965 in Haft kam, gibt es kaum noch. Höchstens noch im Gefängnis. Denn das Warenangebot der kleinen Läden, in denen Häftlinge mit einem Guthabenkonto zwei Mal im Monat einkaufen dürfen, ist begrenzt: Zahnbürsten, Deodorants, Schokolade, Wurst, Joghurts, Obst. Da stehen, wie Retzbach es schildert, die Häftlinge bei Besuchen im Supermarkt staunend vor den endlosen Regalreihen. Beliebtes Ausflugsziel sind zudem Bekleidungsgeschäfte, da die bei Haftantritt eingelagerte Kleidung als kaum noch zeitgemäß empfunden wird. „Viele Langzeithäftlinge haben auch noch nie Euro-Scheine in Händen gehalten. Auch das ‚neue Geld’ zeigen wir ihnen in der Entlassungsvorbereitung.“

          Eine „pervertierte Sucht nach Waffen“

          Wenn Klaus G. auch die „Einzelausführungen“ ohne Beanstandungen bewältigt hatte, kam er als nächstes wahrscheinlich auch in den Genuss eines unbegleiteten Ausgangs: Er konnte tagsüber stundenweise die Haftanstalt verlassen. Eine weitere Lockerungsstufe stellt schließlich auch der „Urlaub“ von der Haft dar, wenn der Häftling über Nacht dem Gefängnis fernbleiben kann. Während seiner langen Jahre im Gefängnis hat Klaus G. auch gearbeitet – bis zum Renteneintrittsalter von 65 Jahren. Er habe, heißt es, in vielen Betrieben der JVA gearbeitet, die dort angeboten werden: von der Schreinerei, Schlosserei und Gärtnerei bis zur KFZ-Werkstatt.

          Vielleicht werden es ihm besonders die Malwerkstätten angetan haben, schließlich soll Klaus G. schon als junger Mann in der Untersuchungshaft neben fränkischen Landschaften und Mädchen auch Selbstporträts gemalt haben. Als „aufgewecktes Bürschlein“, so ist es in einem Bericht von Bernd Naumann in dieser Zeitung vom 14. Juli 1967 zu lesen, hatte ihn vor Gericht die Mutter eines Jugendfreundes bezeichnet. Freunde beschrieben ihn als netten Jungen, der gern raufte und Wildwestromane las, sein Religionslehrer als Schüler mit „gewisser Bibelkenntnis“. So fragte ihn der Vorsitzende Richter während der Verhandlung: „Wie erklären Sie sich einen solchen Bruch. Sie waren doch wohlgelitten. Ich begreife das alles nicht, heute weniger denn je. Was ist mit Ihnen passiert, um Himmels willen?“ Doch Klaus G. konnte damals darauf keine rechte Antwort finden, er verwies auf seine besondere „Empfindsamkeit“. Er habe fremde Menschen nicht als Menschen aufgefasst. „Sie waren so etwas wie Sachen, und es war mir egal, was mit ihnen ist.“ Das Gericht nannte später in der Urteilsbegründung als Motiv seine „pervertierte Sucht nach Waffen, mit denen er über Leben und Tod entschied“ sowie seine „nackte Gier nach dem Status-Symbol unserer Zeit – dem Auto“.

          Klaus G. ist nach Angaben der JVA nun in einem betreuten Männerwohnheim untergebracht. Vor diesem Schritt in ein völlig neues Leben scheuen allerdings manche Langzeithäftlinge zurück und verzichten darauf, eine vorzeitige Entlassung anzustreben. Manche aus Angst vor sich selbst, da sie befürchten, wieder Straftaten zu begehen. Manche jedoch, weil sie sich nicht vorstellen können, nach all den Jahren alleine zurecht zu kommen. „Innerhalb der Gefängnismauern sind sie ja auch bestens versorgt“, sagt Retzbach. Dreimal am Tag eine Mahlzeit, Kleidung wird gestellt, für Beschäftigung, Sport und Kultur wird ebenfalls gesorgt. Nur Alkohol gibt es nicht, ebenso wenig wie die Möglichkeit, Frauen kennenzulernen. Dafür ist die Gesundheitsvorsorge oft besser als draußen: „Niemand muss lange auf einen Facharzttermin warten.“

          Begegnungen mit dem „Mittagsmörder“

          Einer der wenigen Menschen aus der Welt jenseits der Gefängnismauern, mit denen Klaus G. in den vergangenen fünf Jahrzehnten Kontakt hatte, ist Günter Rachinger. Der evangelische Pfarrer, Jahrgang 1941, inzwischen im Ruhestand, reagierte 2008 auf eine Anfrage G.s. in der Zeitung: „Er hat einen Partner gesucht, mit dem er reden konnte.“ Rachinger war neugierig genug, sich darauf einzulassen. Erst mit einem Brief, später mit Besuchen in der JVA. Im Schnitt fuhr er einmal im Monat nach Straubing, um dort mit G. über Gott und die Welt zu sprechen.

          Man kannte sich. Rachinger und G. waren Schulkameraden gewesen. Sie besuchten dieselbe Klasse in der Hersbrucker Oberrealschule. Was für ein Junge G. war? Ein guter Sportler, ein ausdauernder Läufer. Aber besonders aufgefallen, nein. Wie auch? Bei Klassenstärken von 50 Schülern werden die Bilder von Einzelnen undeutlich.

          Im Gefängnis blieb G. seinem Besucher gegenüber anfangs misstrauisch, zurückhaltend, sparsam mit Worten. Er fragt nach den ehemaligen Klassenkameraden. Später redete man auch über Musik. G. spielt Geige, Rachinger ließ ihm Noten zukommen. Und irgendwann fragte der Pfarrer: Wie geht es dir eigentlich, wenn du zurückschaust? Der Langzeitgefangene schwieg lange, schaute seinen Besuch an und sagt: Das würde ich nie mehr machen.

          Günter Rachinger weiß, dass heute noch mancher vor G. Angst hat. Und er wolle nicht verharmlosen, was er getan habe. Doch nach so vielen Besuchen im Gefängnis glaubt er, dass die von G. auch schon mal öffentlich in einem Leserbrief bekundete Reue echt ist. Freilich weiß der Pfarrer auch: Dass sich jemand in 50 Jahren ändern kann, dass sich hier etwas Neues ergeben hat, diesen Gedanken lassen viele Menschen nicht zu. Das Etikett „Mittagsmörder“ bleibt haften. Wahrscheinlich würden ihn die Menschen in seiner Heimatstadt Hersbruck gar nicht mehr erkennen. Aber jeder kennt seine Geschichte. (tih.)

          Weitere Themen

          IAA, VDA, SPD

          F.A.Z.-Hauptwache : IAA, VDA, SPD

          Peter Feldmann veröffentlicht seine Rede zur IAA online, nachdem er bei der Ausstellungseröffnung nicht eingeplant worden ist. VDA-Chef Mattes tritt zurück und sorgt damit für weitere Unruhe im Verband. Das und was sonst noch wichtig ist in Rhein-Main steht in der F.A.Z.-Hauptwache.

          Topmeldungen

          Supercomputer Summit von IBM

          KI statt Simulation : Den Superrechnern geht die Luft aus

          Die Leistung von Supercomputern wächst kaum noch. Der Grund ist die fatale Fokussierung auf Künstliche Intelligenz. Numerische Verfahren gelten als „unsexy“.
          Das Faxgerät ist eine schnelle Alternative, wenn die E-Mail aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht genutzt werden kann

          In puncto Datensicherheit : Fax schlägt E-Mail

          Anwälte, Ärzte, Krankenversicherer weigern sich immer häufiger, E-Mails zu verschicken – aus Gründen des Datenschutzes. Das gute alte Faxgerät erlebt ein Comeback.

          Dortmunder Kampfansage : „Wir wollen Barcelona wehtun“

          Für das Champions-League-Duell mit dem FC Barcelona hat sich der BVB einiges vorgenommen. Die Borussia hofft dabei auf ein Fußball-Fest mit Happy End. Doch etwas dürfte die Dortmunder Vorfreude gehörig trüben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.