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„Mittagsmörder“ entlassen : Zurück in der Zukunft

Besonders der Besuch von Super- oder Elektronikmärkten sei oft überwältigend, sagt Retzbach. Tante-Emma-Läden, wie sie Klaus G. gewöhnt war, als er 1965 in Haft kam, gibt es kaum noch. Höchstens noch im Gefängnis. Denn das Warenangebot der kleinen Läden, in denen Häftlinge mit einem Guthabenkonto zwei Mal im Monat einkaufen dürfen, ist begrenzt: Zahnbürsten, Deodorants, Schokolade, Wurst, Joghurts, Obst. Da stehen, wie Retzbach es schildert, die Häftlinge bei Besuchen im Supermarkt staunend vor den endlosen Regalreihen. Beliebtes Ausflugsziel sind zudem Bekleidungsgeschäfte, da die bei Haftantritt eingelagerte Kleidung als kaum noch zeitgemäß empfunden wird. „Viele Langzeithäftlinge haben auch noch nie Euro-Scheine in Händen gehalten. Auch das ‚neue Geld’ zeigen wir ihnen in der Entlassungsvorbereitung.“

Eine „pervertierte Sucht nach Waffen“

Wenn Klaus G. auch die „Einzelausführungen“ ohne Beanstandungen bewältigt hatte, kam er als nächstes wahrscheinlich auch in den Genuss eines unbegleiteten Ausgangs: Er konnte tagsüber stundenweise die Haftanstalt verlassen. Eine weitere Lockerungsstufe stellt schließlich auch der „Urlaub“ von der Haft dar, wenn der Häftling über Nacht dem Gefängnis fernbleiben kann. Während seiner langen Jahre im Gefängnis hat Klaus G. auch gearbeitet – bis zum Renteneintrittsalter von 65 Jahren. Er habe, heißt es, in vielen Betrieben der JVA gearbeitet, die dort angeboten werden: von der Schreinerei, Schlosserei und Gärtnerei bis zur KFZ-Werkstatt.

Vielleicht werden es ihm besonders die Malwerkstätten angetan haben, schließlich soll Klaus G. schon als junger Mann in der Untersuchungshaft neben fränkischen Landschaften und Mädchen auch Selbstporträts gemalt haben. Als „aufgewecktes Bürschlein“, so ist es in einem Bericht von Bernd Naumann in dieser Zeitung vom 14. Juli 1967 zu lesen, hatte ihn vor Gericht die Mutter eines Jugendfreundes bezeichnet. Freunde beschrieben ihn als netten Jungen, der gern raufte und Wildwestromane las, sein Religionslehrer als Schüler mit „gewisser Bibelkenntnis“. So fragte ihn der Vorsitzende Richter während der Verhandlung: „Wie erklären Sie sich einen solchen Bruch. Sie waren doch wohlgelitten. Ich begreife das alles nicht, heute weniger denn je. Was ist mit Ihnen passiert, um Himmels willen?“ Doch Klaus G. konnte damals darauf keine rechte Antwort finden, er verwies auf seine besondere „Empfindsamkeit“. Er habe fremde Menschen nicht als Menschen aufgefasst. „Sie waren so etwas wie Sachen, und es war mir egal, was mit ihnen ist.“ Das Gericht nannte später in der Urteilsbegründung als Motiv seine „pervertierte Sucht nach Waffen, mit denen er über Leben und Tod entschied“ sowie seine „nackte Gier nach dem Status-Symbol unserer Zeit – dem Auto“.

Klaus G. ist nach Angaben der JVA nun in einem betreuten Männerwohnheim untergebracht. Vor diesem Schritt in ein völlig neues Leben scheuen allerdings manche Langzeithäftlinge zurück und verzichten darauf, eine vorzeitige Entlassung anzustreben. Manche aus Angst vor sich selbst, da sie befürchten, wieder Straftaten zu begehen. Manche jedoch, weil sie sich nicht vorstellen können, nach all den Jahren alleine zurecht zu kommen. „Innerhalb der Gefängnismauern sind sie ja auch bestens versorgt“, sagt Retzbach. Dreimal am Tag eine Mahlzeit, Kleidung wird gestellt, für Beschäftigung, Sport und Kultur wird ebenfalls gesorgt. Nur Alkohol gibt es nicht, ebenso wenig wie die Möglichkeit, Frauen kennenzulernen. Dafür ist die Gesundheitsvorsorge oft besser als draußen: „Niemand muss lange auf einen Facharzttermin warten.“

Begegnungen mit dem „Mittagsmörder“

Einer der wenigen Menschen aus der Welt jenseits der Gefängnismauern, mit denen Klaus G. in den vergangenen fünf Jahrzehnten Kontakt hatte, ist Günter Rachinger. Der evangelische Pfarrer, Jahrgang 1941, inzwischen im Ruhestand, reagierte 2008 auf eine Anfrage G.s. in der Zeitung: „Er hat einen Partner gesucht, mit dem er reden konnte.“ Rachinger war neugierig genug, sich darauf einzulassen. Erst mit einem Brief, später mit Besuchen in der JVA. Im Schnitt fuhr er einmal im Monat nach Straubing, um dort mit G. über Gott und die Welt zu sprechen.

Man kannte sich. Rachinger und G. waren Schulkameraden gewesen. Sie besuchten dieselbe Klasse in der Hersbrucker Oberrealschule. Was für ein Junge G. war? Ein guter Sportler, ein ausdauernder Läufer. Aber besonders aufgefallen, nein. Wie auch? Bei Klassenstärken von 50 Schülern werden die Bilder von Einzelnen undeutlich.

Im Gefängnis blieb G. seinem Besucher gegenüber anfangs misstrauisch, zurückhaltend, sparsam mit Worten. Er fragt nach den ehemaligen Klassenkameraden. Später redete man auch über Musik. G. spielt Geige, Rachinger ließ ihm Noten zukommen. Und irgendwann fragte der Pfarrer: Wie geht es dir eigentlich, wenn du zurückschaust? Der Langzeitgefangene schwieg lange, schaute seinen Besuch an und sagt: Das würde ich nie mehr machen.

Günter Rachinger weiß, dass heute noch mancher vor G. Angst hat. Und er wolle nicht verharmlosen, was er getan habe. Doch nach so vielen Besuchen im Gefängnis glaubt er, dass die von G. auch schon mal öffentlich in einem Leserbrief bekundete Reue echt ist. Freilich weiß der Pfarrer auch: Dass sich jemand in 50 Jahren ändern kann, dass sich hier etwas Neues ergeben hat, diesen Gedanken lassen viele Menschen nicht zu. Das Etikett „Mittagsmörder“ bleibt haften. Wahrscheinlich würden ihn die Menschen in seiner Heimatstadt Hersbruck gar nicht mehr erkennen. Aber jeder kennt seine Geschichte. (tih.)

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