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Missbrauchsprozess in Köln : Opfer böser Machenschaften?

Stefan Heße, Erzbischof von Hamburg, betritt das Landgericht Köln, wo er als Zeuge in einem Missbrauchsprozess geladen ist. Bild: dpa

Erstmals hat ein amtierender Bischof in einem Missbrauchsprozess gegen einen Priester ausgesagt: Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße war am Dienstag in Köln als Zeuge geladen – er war 2011 mit dem Verdachtsfall befasst gewesen.

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          Es könnten zu diesem Fall Fragen aufkommen, las der Hamburger Erzbischof Stefan Heße in einem Brief, den ihm der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki unter dem Datum des 1. April 2019 geschrieben hatte. Anlass war ein Gutachten eines renommierten Kirchenrechtlers über die Frage, ob Heße und andere es im Jahr 2011 pflichtwidrig unterlassen hätten, einen Missbrauchs-Verdachtsfall der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre zu melden. Das Urteil des Innsbrucker Kanonisten Wilhelm Rees war eindeutig: Der Fall hätte unbedingt nach Rom gemeldet werden müssen. Außerdem habe es „von Seiten der Verantwortlichen im Erzbistum Köln Verstöße gegen geltende kirchliche Rechtsvorschriften gegeben“.

          Daniel Deckers
          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Woelki selbst wollte den vormaligen Leiter der Hauptabteilung Seelsorge-Personal 2019 indes nicht selbst zur Rede stellen. Dies sollten die Münchner Juristen der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl tun, die er 2018 mit der Erarbeitung eines Gutachtens über den Umgang von Verantwortlichen mit Missbrauchsfällen im Erzbistum Köln in Auftrag gegeben hatte. So geschah es, ohne dass die Öffentlichkeit von dem Ergebnis der Befragungen jemals etwas erfuhr. Denn als es Heße und anderen Bistumsverantwortlichen schwante, dass sie in dem Gutachten wohl kaum gut wegkommen würden, setzten sie Woelki mit Hilfe namhafter Rechtsbeistände derart unter Druck, dass dieser das Münchner Gutachten unter Verschluss nahm (und bis heute hält).*

          Verletzung der Aufklärungspflicht festgestellt

          Doch auch in dem Ersatzgutachten kam Heße nicht gut weg. Der Kölner Strafverteidiger Gercke konstatierte eine Verletzung der Aufklärungspflicht, hätten die Kölner Personalverantwortlichen 2011 nach Einsicht in die Akten der Staatsanwaltschaft davon ausgehen müssen, dass es zu schwerem sexuellen Missbrauch von Minderjährigen gekommen sei. Heße habe es aber versäumt, über das Konfrontationsgespräch mit dem beschuldigten Priester (der habe „hier alles erzählt“) Ende Oktober 2010 ein Protokoll anzufertigen. Andere Verfehlungen wollte Gercke nicht erkennen, obwohl die Leitlinien der Bischofskonferenz aus dem Jahr 2002 auch vorsahen, dass mit den Betroffenen Kontakt aufzunehmen sei („Die Fürsorge der Kirche gilt zuerst dem Opfer“) und Beschuldigte einer „differenzierten diagnostischen Abklärung“ im Blick auf Pädo- oder Ephebophilie unterzogen werden müssten.

          Nun aber ist es an Christoph Kaufmann, Heße die eine oder andere Frage zu stellen. Als erster amtierender Bischof in Deutschland muss er als Zeuge in einem Missbrauchsverfahren gegen einen Priester aussagen. Die Vorwürfe des schweren sexuellen Missbrauchs, die drei Nichten 2010 gegen ihren Onkel erhoben hatten, sind nämlich nicht verjährt. Damals musste die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen einstellen, weil die Betroffenen aufgrund innerfamiliären Drucks von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch gemacht hatten. 2019 ließen sie die Anklage wiederaufleben – was für Heße zu einer Vorladung als Zeuge für Dienstag, den 18. Januar 2021, in Saal 142 des Kölner Landgerichts führte.

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