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Missbrauchsprozess gegen Priester : Sie wollten es nicht wissen

Zeuge vor dem Landgericht Köln: der ehemalige katholische Priester Günter Assenmacher (rechts) Bild: dpa

Im Missbrauchsprozess gegen den Priester Hans-Bernhard Ue. sagte am Donnerstag der oberste Kirchenrichter des Bistums Köln aus – der dem Verdacht selbst nicht nachgegangen war.

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          Im Saal 142 der Kölner Landgerichts, einem der größten des Hauses, wird schon so manch spektakulärer Prozess geführt worden sein. Und nicht nur manch ein Angeklagter, sondern auch manch ein Zeuge wird sich im Lauf der Jahre dort ein­gefunden haben, der sich sein Leben lang nicht hatte träumen lassen, dass er jemals über sein Tun und Lassen öffentlich Rechenschaft ablegen müsste.

          Daniel Deckers
          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          An diesem Donnerstag kommt alles zusammen und lässt es den meisten Anwesenden immer wieder „eiskalt den Buckel herunterlaufen“, ganz so, wie es dem Vorsitzenden Richter am Landgericht Christoph Kaufmann nach eigenem Bekunden schon während des Studiums der Fallakten ergangen ist: Hier Hans-Bernhard Ue., ein katholischer Priester, der sich nach den bisherigen Erkenntnissen über Jahrzehnte fast unbehelligt an vorpubertären Mädchen verging, dort ein „Aporie“ und „Dilemma“ beschwörender Zeuge namens Günter Assenmacher. Er war nicht irgendein kleines Rad in der großen Bistums­maschinerie, sondern bekleidete über mehr als 25 Jahre das Amt des obersten Richters im Erzbistum Köln. Als solcher war er nicht nur mit hunderten Ehenichtigkeitsverfahren im Jahr befasst, sondern auch mit der kirchenrechtlichen Sanktionierung von Geistlichen, die sich an Kindern oder Jugendlichen vergangen hatten.

          Nichten unter familiärem Druck

          Davon aber gab es im Erzbistum Köln in den vergangenen Jahren nicht viele, wenn man die Angaben Assenmachers für bare Münze nimmt. Mit gut 20 Strafverfahren sei er seit 1995 als sogenannter Offizial befasst gewesen, so doziert der heute 69 Jahre alte Geistliche mit einem Unterton, der dem Auditorium wohl glauben machen soll, er sei im Grunde ein ganz kleines Licht und müsse heute nur des­wegen vor Gericht erscheinen, weil er viel zu hilfsbereit gewesen sei. Dies aber nicht gegenüber dem Angeklagten, der nach anonym erhobenen Missbrauchsvorwürfen und der Einsichtnahme des Erzbistums in die Akten der Staatsanwaltschaft im Herbst 2010 regelkonform von seinen priesterlichen Aufgaben suspendiert wurde. Mit dem Beschuldigten will Assenmacher, der mit ihm zwei Jahre zusammen Theologie studiert hatte, in der fraglichen Zeit nie persönlich gesprochen haben – was Ue. ausweislich des Protokolls einer Befragung im Kölner Generalvikariat im April 2019 behauptet hatte. Nein, der Mann mit dem sorgsam frisierten weißen Haar erweckt auf dem Zeugenstuhl den Eindruck, im Nachhinein hätte er in diesem Fall besser gar nichts getan als aus Freundlichkeit einen Rat zu geben, von dessen Richtigkeit er damals überzeugt gewesen sei.

          Wissen war nie wertvoller

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          Denn anstatt einen Verdachtsfall an die Vatikanische Kongregation für die Glaubenslehre zu melden, wie es seit 2001 vorgeschrieben war, ist die Meldung im Fall Ue. auf sein Betreiben hin unterblieben. Und das, obwohl die Justiziarin Daniela Sch., die zusammen mit dem damaligen Leiter der Hauptabteilung Seelsorge-Personal, dem heutigen Hamburger Erzbischof Stefan Heße, für den Kontakt mit der staatlichen Justiz wie mit den Rechtsbeiständen der Betroffenen zuständig war, auch dann noch nach Wegen gesucht hatte, ein kirchenrechtliches Verfahren gegen Ue. einzuleiten, als die Möglichkeiten der staat­lichen Strafverfolgung längst erschöpft waren. Diese hatte das Ermittlungsverfahren ohne Ergebnis einstellen müssen, nachdem die drei Nichten, die ihren Onkel des schweren sexuellen Missbrauchs beschuldigt hatten, unter massivem familiären Druck von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch gemacht hatten. Die Justiziarin bemühte sich um Kontakt mit einer der Anwältinnen der Betroffenen, erhielt aber im Frühjahr 2011 die Mitteilung, dass diese sich derzeit auch nicht zu einer Aussage in einem kirchlichen Verfahren in der Lage sähe.

          Für Assenmacher und Heße kam diese Information wie gerufen. Allem Drängen der Justiziarin zum Trotz tat Assenmacher nichts, um ein kirchliches Voruntersuchungsverfahren in die Wege zu leiten. Heße wiederum hatte schon Ende 2010 die hoffnungsfrohe Erwartung schriftlich festgehalten, sollte die Staatsanwaltschaft das Verfahren einstellen, könne Ue. umgehend rehabilitiert werden. Ein Jahr später war es soweit. Ue. kehrte in seine Stelle als Krankenhausseelsorger nach Wuppertal zurück. Vier Jahre später ernannte ihn Erzbischof Joachim Kardinal Meisner zum stellvertretenden Stadtdekan.

          Ob er sich denn nicht ein eigenes Bild von den Betroffenen hätte machen können, will der Vorsitzende Richter von Assenmacher wissen. Das sei nicht seine Aufgabe gewesen, schallt es zurück. Nicht einmal die Personal­akte habe er in den Händen gehabt, beteuert der Zeuge mehrfach. Darin hätte er lesen können, dass Ue. zuvor zwei Pflegekinder gehabt hätte, sagt der Richter. Dann, so beteuert der ehemalige Offizial, hätte sich die Sachlage für ihn ganz anders dargestellt. Diesen Sachverhalt will er nicht gekannt haben, wohl aber, dass der Beschuldigte eigentlich Opfer einer innerfamiliären Erpressung geworden sei. Ue. habe alles abgestritten und gesagt, das komme davon, wenn man es mit einer Kranken zu tun habe – so viel wollte Assenmacher damals verstanden haben.

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          Wäre er nicht trotz allem dafür zuständig gewesen, den Verdachtsfall nach Rom zu melden? Das kann der Offizial nicht gut bestreiten, obwohl er zuvor seine Rolle mit der Behauptung heruntergespielt hatte, er habe ja nur eine beratende Funktion gehabt. Warum aber einen Fall an die höhere Instanz melden, wenn diese sich im Fall des Falles in demselben Entscheidungsnotstand befunden hätte wie die untere, so erläutert der Offizial seine Maxime, die er wenig später unfreiwillig in „auf meine Weise“ übersetzt. Hätte die Justiziarin vielleicht eine Meldung nach Rom machen können, wenn er es unterlassen habe? Überhaupt nicht zuständig gewesen sei sie, aber er hätte es ihr wohl zugetraut, sagt er über die Frau und gibt ihr damit indirekt eine Mitschuld daran, dass Ue. als unbescholtener Mann noch Jahre als Seelsorger arbeiten und, wie die Beweisaufnahme vor Gericht schon gezeigt hat, weitere Untaten begehen konnte.

          Den Vorwurf, nichts unternommen zu haben, um sich ein eigenes Bild des Beschuldigten zu machen, richtet der Vorsitzende Richter implizit aber nicht alleine gegen Assenmacher. Man hätte 2010/2011 „mit wenig Engagement viel über die potentielle Gefährlichkeit in Erfahrung bringen können“, ist sich der Richter am 14. Tag der Hauptverhandlung sicher und nennt den Namen eines Dorfes bei Gummersbach, in dem Ue. vor seinem Umzug nach Wuppertal lebte. In dessen Haus hätten nicht nur die Nichten immer wieder übernachtet, sondern über viele Jahre hinweg auch andere Mädchen – und das ganze Dorf habe es gewusst.

          Es ist früher Nachmittag, als die Vernehmung Assenmachers abgebrochen wird. Eine weitere Opferzeugin habe sich bei Gericht gemeldet, deren Aussage habe Vorrang. Seit dem Beginn der Hauptverhandlung Ende November ist die Liste der Betroffenen fast jeden Tag länger geworden. Das Gericht hat fünf zusätzliche Verhandlungstage angesetzt. Wenn aber schon vor der für den kommenden Dienstag geplanten Vernehmung von Erzbischof Heße eines feststeht, dann dies: 2010 hätten die Bistumsverantwortlichen vieles wissen können, wenn sie es denn gewollt hätten. Aber sie wollten nicht. Und noch heute schieben sie einander die Schuld dafür zu, damals nicht einmal das rechtlich Zwingende getan zu haben, gar nicht zu reden von dem moralisch Gebotenen.

          Vor Assenmacher hatte das Gericht den langjährigen Interventionsbeauftragen des Erzbistums, Oliver Vogt, vernommen. Der hatte 2018/2019 den Kontakt mit den drei Nichten des Angeklagten wiederauf­genommen, die daraufhin das staatliche Strafverfahren doch noch auf den Weg brachten. Nach seiner derzeitigen Tätigkeit gefragt, antwortet Vogt, er habe den kirchlichen Dienst verlassen und leite nun das Schulamt der Stadt Solingen. Viel belastender als die Begegnung mit Betroffenen sei für ihn der Umgang der Verantwortlichen mit dem Thema Missbrauch gewesen. „Ich komme bis heute nicht damit klar, dass bisher niemand persönliche Verantwortung übernommen hat“, sagt Vogt. Im vergangenen Jahr ist er aus der Kirche ausgetreten.

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