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Prozess im Fall Wermelskirchen : „Ein solches Ausmaß an Brutalität ist mir noch nicht begegnet“

Vor Gericht: Der Angeklagte wird in den Saal geführt. Bild: dpa

Ein Mann aus Wermelskirchen soll über Jahre hinweg Kinder sexuell missbraucht haben. Nun beginnt der Prozess in Köln. Und der Mann gesteht.

          3 Min.

          Die Anklage gegen Marcus R. ist so umfangreich, dass sich am Dienstag im Saal 7 des Kölner Landgerichts zwei Staatsanwältinnen über beinahe zwei Stunden hinweg immer wieder bei Vorlesen abwechseln müssen. Bis vor einem Jahr war R. ein erfolgreicher Computerfachmann. Mit seiner Frau hatte er erst vor kurzem ein schickes Haus in einem Neubaugebiet in Wermelskirchen gebaut. Bei seinen Kollegen war der 45 Jahre alte R. gut angesehen, seine Nachbarn schätzten seine Hilfsbereitschaft. Doch R. führte schon seit vielen Jahren eine Doppelleben.

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Spätestens seit 2005 war er als besonders brutaler Pädokrimineller aktiv. Zugang zu seinen manchmal erst fünf oder sieben Monate alten, manchmal auch behinderten Opfern verschaffte er sich über diverse Online-Plattformen, wo er sich als kinderlieber Babysitter anbot. Einige Jungen und Mädchen „betreute“ er über Jahre hinweg. Bis ins fürchterlichste Detail tragen die Staatsanwältinnen vor, was R. seinen Opfern manchmal mehrfach binnen weniger Stunden auf welche Weise antat. R. lebte noch die fürchterlichste Phantasie an seinen Opfern aus.

          Von sämtlichen der 122 angeklagten Taten hat R. Fotos und Videoaufzeichnungen angefertigt, weshalb die Ermittler früh voll im Bild waren. Die körperliche Gewalt, die R. dokumentierte, hat sie tief erschüttert. „Ein solches Ausmaß an menschenverachtender Brutalität und gefühlloser Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid von kleinen Kindern, ihren Schmerzen und Schreien, ihrer offensichtlichen Angst, ist mir noch nicht begegnet“, hatte der Kölner Polizeipräsident Falk Schnabel gesagt, als die Besondere Aufbauorganisation (BAO) mit dem Namen „Liste“ den Fall Ende Mai publik machte.

          R. hat seine Opfer betäubt, sadistisch gequält, gefoltert und vergewaltigt

          Am Dienstag wird im Landgericht schon kurz nachdem die beiden Staats­anwältinnen mit der Verlesung der Anklage begonnen haben, die in 20 Tatkomplexe gegliedert ist, klar: Es ist noch viel schlimmer, als Schnabels Worte erahnen ließen. Der Begriff sexueller Missbrauch ist viel zu schwach für die Taten. R. hat seine Opfer betäubt, sie sadistisch gequält, gefoltert, auf jede mögliche Weise vergewaltigt. R. liest auf der Anklagebank alles wie ein penibler Buchhalter mit, falzt jedes verlesene Blatt der Anklage sorgfältig zur ­Seite, legt die Akte erst zur Seite, als auch der allerletzte Satz verlesen ist: „Der Angeklagte ist für die Allgemeinheit gefährlich.“

          Bis vor wenigen Jahren wurden Besondere Aufbauorganisationen nur bei Geiselnahmen oder Terroranschlägen gebildet. Doch seitdem der Kampf gegen Kinderschänder kriminalpolitischer Schwerpunkt in Nordrhein-Westfalen ist, gibt es auch hierfür nun regelmäßig solche Teams. Im Missbrauchskomplex Münster trug die BAO den Namen „Rose“, weil der Haupttäter seine Opfer in einer Gartenlaube missbrauchte.

          Im Fall von Marcus R. heißt die Kölner BAO „Liste“, weil die Beamten bei ihm auch mehrere detaillierte Listen fanden, die er offenbar angelegt hatte, um über die Flut seiner fürchterlichen Bilder und Filme irgendwie den Überblick zu behalten. Zudem führte R. akribisch Buch über andere Täter, ihre Adressen und sexuellen Vorlieben. Noch immer kommt die BAO weiteren Tätern auf die Spur. Mittlerweile laufen Verfahren gegen rund 130 Beschuldigte. Die Spuren führen bis nach Großbritannien oder Kanada.

          Verbindung zum Münsteraner Fall

          Auch einen Anknüpfungspunkt zum Münsteraner Fall fanden die Ermittler. Marcus R. schaute per Video-Chat Adrian V. bei einem Missbrauch zu, äußerte Wünsche und gab Anweisungen. Im Verfahren gegen V. war es den Münsteraner Ermittlern nicht gelungen, den im Chat unter dem Nicknamen „Jan“ agierenden R. zu enttarnen. Den Durchbruch brachte erst die Festnahme des Kindertagespflegers Sönke G. in Berlin, der sich wie R. mithilfe der Babysitter-Masche Zugang zu Kleinkindern verschafft hatte. Aus sicher­gestellten Chats ging hervor, mit welchen Flügen „Jan“ zu gemeinschaftlichen Taten in die Hauptstadt geflogen war und in welchen Hotels er übernachtet hatte. Mithilfe solcher „Kreuztreffer“ konnte „Jan“ als Marcus R. identifiziert werden.

          Für den Zugriff bei ihm wählten die Kölner Ermittler einen Tag Anfang Dezember vor einem Jahr. R. saß in seinem Arbeitszimmer mit mehreren Bildschirmen. Links lud er gerade kinderpornografisches Material herunter, während er auf einem Bildschirm rechts mit ahnungslosen Arbeitskollegen eine Videokonferenz führte.

          R. will weiterhin umfangreich kooperieren

          Marcus R. hat seine – ohnehin von ihm penibel auf Videos und Fotos dokumentierten – Taten vollumfänglich gestanden und lässt seinen Verteidiger dieses Geständnis vor Gericht wiederholen. R. werde im weiteren Prozessverlauf selbst umfänglich Rede und Antwort stehen. Er wolle den Opfern ersparen, als Zeugen aussagen zu müssen, wolle ihnen zudem „kurzfristig“ Schmerzensgeld zahlen.

          „Es war vielleicht nicht ganz so falsch, dass die Presse meinen Mandanten als Monster bezeichnet hat“, sagt der Verteidiger. Im Gericht sitze nun aber „eine andere Persönlichkeit, nicht mehr das Monster, das alle fürchten müssen“. Schon im Ermittlungsverfahren habe R. umfangreich kooperiert, sogar seine Darknet-Identität verraten, wodurch weitere Pädokriminelle enttarnt werden konnten. „Mein Mandant will diesen Weg weitergehen.“


          Hilfe bei Missbrauchsfällen

          Für Betroffene von sexualisierter Gewalt sowie deren Angehörige und Fachkräfte gibt es kostenlose und anonyme Beratungsangebote, die sie unterstützen.

          Kinder und Jugendliche können sich unter der 116 111 an die „Nummer gegen Kummer“ wenden. Die Beratung ist auch per Chat oder E-Mail möglich.

          Erwachsene, die sich um ein Kind sorgen, können beim Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch anrufen: Sie ist unter der 0800 22 55 530 montags, mittwochs und freitags von 9:00 bis 14:00 Uhr sowie dienstags und donnerstags von 15:00 bis 20:00 Uhr erreichbar. Das Hilfe-Portal Sexueller Missbrauch bietet zudem Informationen für Betroffene wie Angehörige und listet Therapieangebote in Ihrer Nähe.

          Die Medizinische Kinderschutzhotline richtet sich an medizinisches Fachpersonal, das mit Verdachtsfällen konfrontiert ist. Sie ist unter der 0800 19 210 00 rund um die Uhr erreichbar.

          Wer das Gefühl hat, pädophile Neigungen zu haben, findet bei „Kein Täter werden“ Ansprechpartner. Es gilt die ärztliche Schweigepflicht.

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