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Missbrauchsfall Bergisch Gladbach : Zwölf Jahre Haft und Sicherungsverwahrung für Angeklagten

Der Angeklagte im Prozess wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern Bild: dpa

Einer der zentralen Beschuldigten im Missbrauchsfall Bergisch Gladbach wurde zu zwölf Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Er hatte seine 2017 geborene Tochter immer wieder vergewaltigt, die Taten gefilmt und verbreitet.

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          12, 13, 15 Jahre – was ist ein gerechtes Strafmaß für einen Mann, der seinem eigenen Kind und anderen Kindern mit großer Ausdauer schweres seelisches und körperliches Leid angetan hat? Zwölf Jahre Haft befindet das Landgericht Köln am Dienstag als angemessen für Jörg L., schließlich müssen seine geständigen Einlassungen strafmildernd berücksichtigt werden. Auf freien Fuß aber dürfte Jörg L., der als eine der Schlüsselfiguren im sogenannten Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach gilt, wenn überhaupt erst als alter Mann kommen. Denn das Kölner Landgericht ordnet in seinem Urteil auch die anschließende Sicherungsverwahrung an. Die Kammer attestiert dem Dreiundvierzigjährigen damit, wegen seines Hangs zu schweren Straftaten für die Allgemeinheit gefährlich zu sein.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Nach Überzeugung der Richter hat der gelernte Hotelfachmann und Koch, der zuletzt als Pförtner in einer Klinik in Bergisch Gladbach gearbeitet hatte, seine 2017 geborene Tochter mit fürchterlicher Ausdauer zunächst sexuell gequält und schließlich regelmäßig vergewaltigt, wenn die Mutter des Kindes bei ihrer Arbeit als Krankenschwester in der Klinik war. Dort hatten sich L. und die Frau auch kennengelernt. Jörg L. fertigte von den Verbrechen Fotos und Videos an, stellte die Dokumente in einschlägigen Chats anderen Pädokriminellen zur Verfügung und nahm an Live-Chats teil, in denen sich Pädokriminelle ungehemmt über ihre Straftaten austauschen und sich gegenseitig Tipps geben. Zuletzt verabredete sich Jörg L. dann mit Bastian S., einem mittlerweile ebenfalls verurteilten Pädokriminellen, um ihm seine Tochter zuzuführen. Im Gegenzug verging sich L. an den beiden Kindern von S.

          Als Ermittler Jörg L. Ende vergangenen Jahres in Bergisch Gladbach festnahmen, stießen sie bei ihm nicht nur auf riesige Mengen kinderpornographischen Materials, das er mit einigem technischen Aufwand vor seiner ahnungslosen Ehefrau zu verbergen wusste. Durch die bei L. gefundenen Spuren bekamen die Ermittler zudem tiefe Einblicke in eine pädokriminelle Parallelwelt. Bis heute stoßen die Ermittler im Schneeballsystem immer wieder auf weitere mutmaßliche Täter. Noch immer ist eine eigens im Polizeipräsidium Köln eingerichtete Ermittlungsgruppe namens „Berg“ mit der Aufklärung eines der bisher größten Missbrauchskomplexe in Deutschland befasst. In Nordrhein-Westfalen gibt es im Fall „Berg“ mittlerweile mehr als 90 Personen, denen schwerer sexueller Missbrauch von Kindern und/oder der Besitz von kinderpornographischem Material vorgeworfen wird. Hinzu kommen mehr als 100 namentlich bekannte Täter in anderen Bundesländern.

          Zuletzt fand in der Causa „Berg“ Anfang September in zwölf Bundesländern eine große Razzia bei 50 Tatverdächtigen statt. Oberstaatsanwalt Markus Hartmann, der die an den Ermittlungen beteiligte Zentral- und Ansprechstelle Cybercrime in Köln leitet, wies vor wenigen Wochen darauf hin, dass es im Kampf gegen Kindesmissbrauch und Kinderpornographie entscheidend sei, nicht nur jeden einzelnen Fall zu betrachten, sondern die Kommunikationsstrukturen der Tatverdächtigen im Internet zu analysieren. Die Ermittler verfolgen nach eigenen Angaben im Fall „Berg“ mittlerweile rund 30.000 Spuren. Bei den digital vernetzten Pädokriminellen handle es sich um eine über Ländergrenzen hinweg aktive Szene, in der Männer wie Jörg L. einen Resonanzraum fänden, einen Ort der Selbstbestätigung und Selbstlegitimation, sagte Hartmann damals. Es handle sich um eine „Wechselwirkung von Tatgeschehen und Kommunikation“. Der Fall von Jörg L. zeigt beispielhaft auf, welche enorme Bedeutung Internetchats und Messaging-Dienste wie Whatsapp oder Threema als technische Treiber für in jeglicher Hinsicht entgrenzte Pädokriminelle haben.

          Während der Hauptverhandlung hatte Jörg L. angekündigt, er werde seiner Tochter 50.000 Euro auf ein Konto einzahlen. Das Geld solle als „Schadenswiedergutmachung“ dienen. Seiner Ehefrau wolle er seinen Anteil am gemeinsamen Haus in Bergisch Gladbach überschreiben. Auf die Frage des vom Gericht bestellten psychiatrischen Gutachters, welchen Schaden er genau meine, hatte L. gesagt: „Also, dass das Leben meiner Frau und Tochter total versaut ist.“ Der Sachverständige hatte zudem berichtet, L. habe bei der Begutachtung angegeben, im Alter von acht bis zehn Jahren von einem Teenager aus seiner damaligen Nachbarschaft wiederholt sexuell missbraucht worden zu sein. Als er 16 Jahre alt war, habe wiederum er sich an seiner damals erst neun Jahre alten Cousine vergangen.

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