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Australien und Großbritannien : Aufarbeitung in Nimmerland

  • -Aktualisiert am

In Australien beschäftigt sich die „Royal Commission into Institutional Child Sexual Abuse“ mit dem Kindesmissbrauchsskandal. Bild: Reuters

Australien und Großbritannien arbeiten einen Jahrzehnte währenden Missbrauchsskandal auf: Die Opfer waren nach Übersee verschiffte Kinder. Die Suche nach Verantwortlichen gestaltet sich schwierig.

          Eine bekannte englische Erzählung handelt von verlorenen Jungen, den „lost boys“, die auf einer gefährlichen Insel leben. Sie sehnen sich nach ihrer Mutter, doch sie können nicht zurück. Nur ihr Anführer kann das. Er ist zu den Kindern mal nett und mal gemein, und er hasst Mütter. So steht es in der ursprünglichen Fassung von „Peter Pan“. Für Zehntausende von Kindern ist dieses Märchen zur grausamen Wirklichkeit geworden.

          Das literarische Motiv hatte in England einen wahren Hintergrund. Über einen Zeitraum von 350 Jahren wurden von dort mehr als 150 000 Fürsorgekinder in die Überseegebiete des Empire und späteren Commonwealth verschifft. Die ersten Transporte gingen nach Virginia, weitere nach Kanada, Neuseeland und Zimbabwe. Zwischen Kriegsende und den siebziger Jahren sind etwa 10000 Kinder nach Australien verfrachtet worden, manche von ihnen waren erst zwei Jahre alt. „Child migrant programme“ war der offizielle Begriff. In Wirklichkeit war es eine Deportation aus bevölkerungspolitischen Gründen. Die britische Regierung konnte so die Zahl der weißen Siedler in den Kolonien erhöhen, den „white stock“, und zu Hause Platz in den Fürsorgeeinrichtungen schaffen.

          Besonders alleinerziehende Mütter betroffen

          Die Kinder kamen in Heimen und sogenannten Farm Schools unter, in denen sie lernen und arbeiten sollten. Betreiber der Unterkünfte waren anglikanische und katholische Einrichtungen, aber auch nichtkonfessionelle Wohltätigkeitsorganisationen, einige hatten Verbindungen bis ins englische Königshaus. Manche der Kinder waren schon in England missbraucht worden und hatten dies gemeldet. War die Verschiffung der Versuch, sie loszuwerden? Und war es Zufall, dass in manchen australischen Kinderheimen bis zu 60 Prozent der Zöglinge missbraucht wurden?

          Vor allem alleinstehende Mütter mussten ihre Kinder oft aus Not in staatliche oder kirchliche Einrichtungen in England und Wales geben. Vielen Heimkindern, die von dort verschifft wurden, wurde später gesagt, sie seien Waisen. Auch Geschwister wurden voneinander getrennt. Das sollte angeblich bei der Integration helfen, es erleichterte aber vor allem den Missbrauch. „Wir wurden weggeschickt und vergessen“, sagen die Opfer heute.

          Organisationen sollen Missbrauch aufdecken

          Die Zahlen, die bislang bekanntgeworden sind, lassen kaum an Zufall glauben. In manchen Einrichtungen sollen bis zu vierzig Prozent der Mitarbeiter an den sexuellen Übergriffen auf Kinder beteiligt gewesen sein. Um das systematische Vorgehen der Täter in öffentlichen und privaten Einrichtungen besser erfassen zu können, wurde 2013 in Australien eine Aufarbeitungskommission für institutionellen sexuellen Kindesmissbrauch einberufen, die „Royal Commission into Institutional Child Sexual Abuse“. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass sieben Prozent der Mitarbeiter in katholischen Einrichtungen zwischen 1950 und 2010 Kinder missbraucht haben.

          Nach dem Missbrauchsskandal um den britischen Moderator Jimmy Savile hat London nachgezogen und 2014 die „Independent Inquiry into Child Sexual Abuse“ berufen. Auf ihrer Agenda stehen Schulen, Kirchen, die BBC, die Armee und sogar Westminster. Ihr Ziel ist „name and shame“, also die Täter öffentlich bloßzustellen. Urteilen müssen Gerichte.

          Öffentliche Anhörungen der Opfer

          Für viele deportierte Kinder begann mit der Ankunft in Australien ein lebenslanges Leiden. Im Durchschnitt hat es dreißig Jahre gedauert, bis die Opfer ihre Pein offenbaren konnten. Nun hat sich die britische Aufarbeitungskommission der Sache angenommen. Seit Ende Februar finden in London öffentliche Anhörungen der Opfer statt, die per Livestream übertragen werden und auf Youtube weiterhin zu sehen sind. Aus Australien sind dazu 22 als Kinder deportierte Zeugen angereist, die vor der Kommission aussagen.

          Der Zeuge mit der Nummer A 17 lässt seine Geschichte von einem Mitglied der Kommission vorlesen. Sie ist entsetzlich. Mit zehn Jahren wurde das Kind 1954 mit seinen zwei Brüdern nach Australien verschifft. Die Eltern waren nicht katholisch, und aus den Unterlagen geht hervor, dass die „liederliche“ Familie zerschlagen werden sollte. Die Jungen wussten nicht, wohin die Reise ging. Sie wurden auf drei Heime verteilt und sollten einander erst dreißig Jahre später wiedersehen.

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