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Missbrauch auf Campingplatz : Das perfide System des Andreas V.

  • -Aktualisiert am

Windspiele an einem Gebäude auf dem Campingplatz Eichwald Bild: dpa

Das ganze Ausmaß des massenhaften Missbrauchs von Kindern auf einem Campingplatz in Lügde ist noch nicht abzusehen. Kritik gibt es aber schon jetzt an den Behörden.

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          Fieberhaft sind die Ermittler im Landkreis Lippe damit befasst, das ganze Ausmaß des massenhaften Missbrauchs von Kindern auf einem Campingplatz in Lügde aufzuklären. Bisher sind 23 Opfer im Alter zwischen vier und 13 Jahren bekannt. Mehr als 1000 Mal sollen der 56 Jahre alte Dauercamper Andreas V. und sein 33 Jahre alter Komplize Kinder in einer aus mehreren Holzverschlägen zusammengezimmerten Wohnung missbraucht und Filmszenen von den Taten an einen 48 Jahre alten Auftraggeber geliefert haben.

          Viele Fragen sind in dem verstörenden Fall zu klären: Wieso konnte der ledige Andreas V. im Jahr 2016 Pflegevater eines damals vier Jahre alten Mädchens werden, obwohl er in einem Holzverschlag lebte? Wieso blieb der massenhafte Kindesmissbrauch viele Jahre lang unbemerkt? Andere Nutzer des Campingplatzes „Eichwald“ beschreiben den Hartz-IV-Empfänger als freundlich, zugewandt, äußerst kinderlieb und sozial eingebunden. In den Ferien lud V. fremde Kinder in Freizeitparks ein und bot per Aushang Ponyreiten an. V. sei es gelungen mit einem System aus Verlockungen und Belohnungen eine Wohlfühlatmosphäre aufzubauen, sagt ein Ermittler.

          Hätten nicht wenigstens von Amts wegen dazu verpflichteten Personen misstrauisch werden müssen? Wie die „Lippische Landeszeitung“ berichtet, meldete sich Jens R. bereits 2016 bei den Behörden und teilte ihnen mit, dass V. seine beiden Töchter unsittlich berührt habe. Nach ein paar Wochen habe man ihn wissen lassen, dass bei dem Dauercamper alles in Ordnung sei und ihn gewarnt, dass er auch wegen übler Nachrede angezeigt werden könne. Die Staatsanwaltschaft bestätigt, dass ihr die Aussagen des Vaters aus dem Jahr 2016 bekannt sind.

          Fragwürdig ist die Rolle der beiden Jugendämter, die für Andreas V. in seiner Funktion als Pflegevater zuständig waren. 2016 hatte eine Frau aus dem niedersächsischen Nachbarlandkreis Hameln-Pyrmont das dortige Jugendamt gebeten, ihre kleine Tochter dauerhaft bei ihrem Bekannten Andreas V. im nordrhein-westfälischen Lügde unterbringen zu dürfen. Die Frau sah sich mit der Erziehung ihrer Tochter überfordert. Das Jugendamt unterzog Andreas V. einem Prüfverfahren. Weder sein Gesundheitszustand, seine finanzielle Lage noch das erweiterte Führungszeugnis – der Mann war nicht vorbestraft – hätten Grund zur Beanstandung gegeben, heißt es in einer Mitteilung des Kreises. Entscheidend seien „die gute Bindung des Kindes zu dem Pflegevater“, sein Einsatz und „erkennbare deutliche Verbesserungen des Entwicklungszustandes des Kindes“ gewesen. Im Januar 2017 erkannte die Behörde Andreas V. als Pflegevater an. Zwar sei die Wohnsituation „sicherlich nicht optimal“ gewesen, sie habe aber im Vergleich zu einer „funktionierenden sozialen Bindung“ eine geringere Bedeutung und sei kein Indiz für eine mögliche Kindeswohlgefährdung. Eben das wurde V. aber Ende 2016 in einer weiteren Anzeige vorgeworfen. Nach einem Ortstermin sahen Mitarbeiter des lippischen Kreis-Jugendamts keine Notwendigkeit, das kleine Mädchen in Obhut zu nehmen, empfahlen V. aber, sich eine richtige Wohnung zu mieten. Denn eine „latente Kindeswohlgefährdung“ hielt die lippische Behörde für möglich – und teilte das auch dem Jugendamt im niedersächsischen Nachbarkreis mit.

          Eine Sprecherin des Kreises Hameln-Pyrmont sagt auf Anfrage, Hinweise auf sexuellen Missbrauch habe es nicht gegeben. V. und das Kind seien engmaschig betreut worden. Genaue Angaben, wie häufig V. Kontrollbesuche von Jugendamtsmitarbeitern bekam, könne sie nicht machen, weil die Staatsanwaltschaft alle Akten beschlagnahmt habe. Tatsächlich wird im Fall V. auch gegen mehrere Mitarbeiter der beiden Ämter ermittelt.

          „Es liegt leider in der Struktur von Pädophilen, über lange Zeit, nicht selten über viele Jahre oder gar Jahrzehnte, unentdeckt zu bleiben und ihr unrechtmäßiges Tun gekonnt zu verbergen“, heißt es in der Mitteilung des Kreises Hameln-Pyrmont. „Wir hätten uns sehr gewünscht, dass es uns schon früher gelungen wäre, Risse in der Fassade zu erkennen.“ Wäre das nicht möglich gewesen, wenn die Behörden die Anzeige von Jens R. 2016 ernster genommen hätten? Schließlich war Andreas V. „ganz offensichtlich pädophil und hat immer wieder kleine Kinder berührt“, wie Jens R. sagt.

          So aber vergingen zwei weitere Jahre, bis die Behörden einschritten – noch immer nicht aus eigenem Antrieb. Ende 2018 erstattete die Mutter eines sechs Jahre alten Mädchens, das mit der Pflegetochter von V. befreundet ist, Anzeige wegen sexuellen Missbrauchs. Nun ging alles ganz rasch: Schon bei der ersten Anhörung der beiden kleinen Kinder verdichteten sich die Hinweise auf das schreckliche Massenverbrechen.

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