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Missbräuche am Canisius Kolleg : Aus Scham, Unwissenheit, Hilflosigkeit

Das Berliner Canisius-Kolleg Bild: REUTERS

Im Missbrauchsskandal des katholischen Jesuiten-Ordens hat der beschuldigte Ex-Lehrer des Berliner Canisius-Kolleg den Missbrauch von Kindern abgestritten. Er räumte lediglich ein, Kinder geschlagen zu haben.

          Schon einmal äußerte sich Wolfgang St. zu seinen Verfehlungen. Der einstige Jesuit wandte sich am 20. Januar an seine Opfer und schrieb in einem Brief, es sei „eine traurige Tatsache, dass ich jahrelang Kinder und Jugendliche unter pseudopädagogischen Vorwänden missbraucht und misshandelt habe“. Das Eingeständnis empfand St. im Nachhinein offenbar als missverständlich. Darum hat sich der Fünfundsechzigjährige nun in einem weiteren Schreiben zu Wort gemeldet: Er habe „zu keiner Zeit und an keinem Ort mit Minderjährigen Sexualkontakt im Sinne von Genitalberührung, Penetration, Vergewaltigung, Exhibitionismus oder Voyeurismus gehabt“, zitiert „taz.de“. Er sei auch „weder homosexuell noch pädophil veranlagt“. Zugleich gibt er zu, Kinder mit Schlägen misshandelt zu haben: Er habe „Minderjährige, die mir anvertraut und in gewissem Sinne abhängig von mir waren, unter Missbrauch meiner pädagogischen und kirchlichen Autoritätsstellung teilweise mit beträchtlicher Härte durch Schläge misshandelt“.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Thomas Busch, Sprecher der deutschen Jesuitenprovinz bestätigt, dass es derzeit keine Hinweise auf „Missbrauchsübergriffe sexueller Natur“ von Seiten Wolfgang St. gebe. Der frühere Pater war seit Mitte der siebziger Jahre Deutsch-, Religions- und Sportlehrer am Berliner Canisius-Kolleg sowie an weiteren Jesuitenschulen in Hamburg und Sankt Blasien im Schwarzwald. Danach ging er für den Orden nach Spanien und Chile. Wolfgang St. sagt selbst, er habe dem Orden schon 1991 seine Taten gestanden. Daraufhin trat er 1992, nachdem er in den Laienstand zurückversetzt worden sei, aus dem Orden aus. Zugleich schreibt St. in seinem Brief, dass er von Übergriffen seines ebenfalls beschuldigten Lehrerkollegen Peter R. nichts wisse – obwohl beide zur gleichen Zeit am Canisius-Kolleg unterrichteten.

          „Wir tuschelten und ahnten mehr, als dass wir wussten“

          Für Pater Johannes Siebner, Jesuit und Direktor des Kollegs in St. Blasien, ist der eigentliche Skandal, dass Peter R. weiter in der Jugendarbeit tätig bleiben konnte, nachdem 1981 die Missbrauchsfälle am Canisius-Kolleg in Berlin dem damaligen Rektor, Pater Karl Heinz Fischer, bekannt geworden waren. Pater Siebner war selbst Schüler am Canisius-Kolleg, Abitur-Jahrgang 1981. Siebner bestätigt, dass er von den „Übergriffigkeiten“ wusste, „ohne von Einzelfällen zu wissen“. Es habe da so eine Stimmung gegeben, „wir tuschelten und ahnten mehr, als dass wir wussten, dass da was am Laufen war. Wir haben uns das aber zurechtgelacht, haben pubertäre Witzchen gemacht“. Aus Scham, aus Unwissenheit, aus Hilflosigkeit, wie er sagt. „Wir haben gewiss nicht über die anderen gelacht, wir fanden das auch überhaupt nicht lustig.“

          Pater Siebner war nicht selbst betroffen, auch wenn er seit 1973 Schüler am Kolleg war. Pater R. kam 1972 ans Canisius-Kolleg und gründete ein Jahr später eine Art Jugendzentrum, „MC“ (Marianische Kongregation) genannt. Dort kam es zu den Übergriffen, oft bei Einzelgesprächen mit Pater R., die im Untergeschoss der sogenannten Burg, des MC-Treffpunkts, stattfanden. Von da stammten auch die Onanier-Geschichten, von denen Siebner und auch andere Mitschüler immer wieder hörten. Siebner spricht von einer Art Initiationsritus für Schüler, die bei der MC mitmachen wollten. Der Kollegsdirektor nennt es heute Glück, dass er nicht Teil von Pater R.s Kreis war. Er sei in der KSJ gewesen, bei der Katholischen Studierenden Jugend in der Salvatror-Gemeinde in Berlin-Lichtenrade.

          Nie „einen solchen Zorn oder eine Klarheit“ entwickelt

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