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Metalldiebstahl auf Friedhöfen : Altmetall statt Totenruhe

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Insgesamt 150 Gräber wurden 2011 von Metalldieben auf einem Friedhof im nordrhein-westfälischen Würselen verwüstet Bild: dpa

Für die Geschädigten sind Metalldiebe, die Gräber plündern, pietätlose Verbrecher. Dass viele Täter aus Südosteuropa von Clan-Chefs zu ihren Taten gezwungen werden, wissen die wenigsten.

          An einem Sonntag im April steht Brigitte Deubert vor dem Grab ihres Mannes und weint bittere Tränen. Als dieser vor acht Jahren starb, hatte sie für 200 Euro eine Grabschale aus Bronze gekauft und Blumen darin gepflanzt. Jede Woche kam Deubert seither auf den Friedhof in Grünstadt bei Mannheim, gab den Blumen etwas Wasser, kehrte alte Blätter von der steinernen Grabplatte und bemühte sich, dem Familiengrab ein ordentliches, liebevolles Aussehen zu geben. Neben den Bildern von ihrem Mann wurden mit den Jahren auch das Grab und die Bronzeschale zu einem Teil ihrer Erinnerung und Trauer. Als Deubert an diesem Tag mit ihrem Sohn auf den Friedhof kommt, liegen Blüten und Erde über das Grab verstreut, die tiefen Metallschrauben in der Grabplatte wurden mit Werkzeug entfernt, die Bronzeschale von Metalldieben gestohlen. „Ich musste glatt heulen“, sagt Deubert, „Störung der Totenruhe ist das!“ Seit diesem Tag fragt sich nicht nur Brigitte Deubert, sondern auch die Polizei von Grünstadt, wer die Menschen sind, die auf der Suche nach Buntmetall in ganz Deutschland Friedhöfe plündern und auch vor Kupferkabeln der Deutschen Bahn nicht haltmachen.

          Seit mehreren Jahren werden in Deutschland verstärkt Metalldiebstähle gemeldet. „Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass mit der Steigerung der Preise auch die Fallzahlen zunehmen“, lässt das Bundeskriminalamt (BKA) verlautbaren. Genaue Zahlen zu der Anzahl der Fälle und den Schadensummen kann das BKA nicht nennen. In Großbritannien belaufen sich laut der von der EU bezuschussten Organisation Pol-Primett die Schäden aus Metalldiebstählen auf über 900 Millionen Euro im Jahr. Pol-Primett ist eine 2010 gegründete Vereinigung, die in ganz Europa auf das Problem der Metalldiebstähle aufmerksam machen will. In Deutschland sorgte vor einem Jahr ein außergewöhnlicher Fall für Aufsehen. Die Bahnstrecke Hamburg- Hannover musste für acht Stunden gesperrt werden, weil Diebe kupferne Erdungskabel gestohlen hatten. Die Diebe haben es besonders auf Buntmetall abgesehen, also auf Kupfer, Messing oder Bronze - wie die Grabschale der Deuberts.

          Organisierte Banden und Einzeltäter

          Während Metallrohstoffe vor Jahrzehnten noch vergleichsweise günstig zu kaufen waren, hat sich der Preis für eine Tonne Kupfer seit Ende 2008 mehr als verdoppelt. Die Entwicklung der Messing- und Bronzepreise verlief ähnlich. Bei Altmetallhändlern bekommt man immerhin bis zu vier Euro für ein Kilogramm Kupfer. So wird aus einer erdverschmierten Friedhofsschale in den Augen der Diebe ein lohnender Schatz.

          Außer Friedhöfen werden auch Schrottplätze, Baustellen, Bahnstrecken oder leerstehende Häuser von den Metalldieben heimgesucht. Alles, was zu Geld gemacht werden kann, wird abmontiert, weggeschleppt und verkauft. „Friedhöfe sind bei Dieben beliebt, weil sie abgelegen sind“, sagt Markus Hoffmann, Sprecher der Polizei in Wiesbaden. Das Risiko, erwischt zu werden, ist gering. Auch in Grünstadt blieben die Täter unerkannt.

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