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London : Messerattacke war nicht islamistisch motiviert

Britische Höflichkeit: Ein Passant schenkt einem Polizisten nach der Messerattacke in der Londoner Innenstadt einen Blumenstrauß. Bild: Reuters

Der Mann, der am Abend in London eine Frau erstochen und mehrere Menschen verletzt hat, leidet an psychischen Problemen. Von einem terroristischen Hintergrund geht die Polizei nicht aus.

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          Als der Sprecher der Antiterroreinheit, Mark Rowley, am Mittag vor die Presse trat, erklärte er den nächtlichen Mord als Tat eines geistig Gestörten. Es gebe „bisher keine Erkenntnisse über eine Radikalisierung des Täters“ oder eine terroristische Motivation, sagte er. Vielmehr scheine der Mann, ein norwegischer Staatsbürger mit somalischen Wurzeln, „spontan” gehandelt und sich seine Opfer zufällig ausgesucht zu haben. Der Hintergrund des Täters, betonte Rowley, sei nach allem, was man bisher in Erfahrung gebracht habe, „nicht relevant für seine Motivation gewesen.“

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Der 19 Jahre alte Täter hatte am späten Mittwochabend gegen halb elf auf dem Londoner Russel Square, nahe des Britischen Museums, eine Amerikanerin niedergestochen und fünf weitere Menschen mit seinem Messer verletzt. Die Polizei, die wenige Minuten später am Tatort eintraf, streckte ihn mit einer Elektroschockwaffe zu Boden und nahm ihn fest. Er wurde am Donnerstag in einem Polizeikrankenhaus behandelt. Die Amerikanerin starb noch am Tatort. Drei der fünf Verletzten wurden am Donnerstag aus ärtzlicher Obhut entlassen.

          Was genau in den Minuten der Tat geschah, konnte am Donnerstag nicht geklärt werden. Ein Augenzeuge berichtete, der Täter habe sich beim Zustechen „die Seele aus dem Leib geschrien“. Ein anderer Mann, der zum Zeitpunkt des Mordes mit dem Fahrrad über den Russel Square, gab hingegen zu Protokoll, das der Täter still gewesen sei. Offenbar ließ er die Frau, die er mit einem Messer in den Rücken und in die Seite gestochen hatte, in einer Blutlache liegen, bevor er weitere Passanten angriff. Der Russel Square im Innenstadtviertel von Bloomsbury ist von mehreren Hotels umgeben. Zum Zeitpunkt der Tat war der Platz mit Menschen gefüllt, die aus dem Ausgehviertel im Westend nachhause strömten.

          Beweissicherung am Tatort in London

          In der Nacht, fünf Stunden nach der Tat, hatte sich Rowley noch vorsichtiger ausgedrückt. Der geistige Zustand des Täters, sagte er, hätte eine „maßgebliche Rolle„ bei dem Mord gespielt. Einen terroristischen Hintergrund wollte er jedoch nicht ausschließen und gab bekannt, dass die reguläre Polizei mit Kollegen der Antiterroreinheit zusammenarbeiteten. Letztere durchsuchten dann in den Morgenstunden die Wohnung des Täters, befragten Mitglieder seiner Familie und suchten um Informationen bei den Geheimdiensten nach. Am Mittag verteidigte Rowly, dass er einen Terroranschlag zunächst nicht ausgeschlossen hatte. „Im gegenwärtigen Klima darf man von uns erwarten, alle Möglichkeiten zu erwägen.“

          Der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan rief die Bevölkerung am Donnerstag dazu auf, “ruhig und wachsam” zu bleiben. Erst am Vortag hatte er gemeinsam mit Polizeiprädident Bernhard Hogan-Howe eine verstärkte Präsenz bewaffneter Polizisten in London angekündigt. „Jeder, der die Ereignisse in Europa während der vergangenen Wochen verfolgt hat, wird verstehen, warum wir unsere Entschlossenheit demonstrieren wollen, die Öffentlichkeit zu schützen”, hatte Hogan-Howe gesagt.

          Mit der „Operation Hercules”, die die Sicherheitskräfte im Stadtbild sichtbarer machen soll, wollen die Behörden die Londoner beruhigen und mögliche Täter abschrecken. Am Wochenende hatte der Polizeipräsident in einer Zeitung geschrieben, dass es nicht darum gehe, „ob, sondern wann” ein Terroranschlag in Britannien stattfinde. Seit Monaten wird die Lage von den Behörden als „ernst“ eingestuft. Ein Terroranschlag gilt damit als „sehr wahrscheinlich”, auch wenn keine Erkenntnisse über eine unmittelbar drohende Gefahr vorliegen. „Das Bedrohungsniveau hat sich nicht verändert, aber es wäre dumm, nicht unsere Lehren aus Nizza, Paris und München zu ziehen”, hatte Hogan-Howe gesagt.

          Der Mord, der nur 14 Stunden nach Khans und Hogan-Howes Pressekonferenz verübt wurde, hatte zunächst Erinnerungen an das Attentat auf den Soldaten Lee Rigby wachgerufen, der im Mai 2013 auf einer Straße im Süden Londons erstochen wurde. Damals herrschte kein Zweifel daran, dass die Tat einen islamistischen Hintergrund hatte. Die beiden Täter mit nigerianischem Hintergund hatten das Attentat gefilmt und dabei politische und islamische Parolen herausgebrüllt. Beide wurden zu lebenslänglichen Haftstrafen verurteilt.

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