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Messerangreifer angeschossen : Schießt die Berliner Polizei zu schnell?

Die Berliner Polizei soll ab November probeweise mit Elektroschockwaffen ausgestattet werden. Bild: dpa

Mit einem Messer attackiert ein 22-Jähriger in Berlin einen Polizisten und wird mit einem Schuss in den Oberschenkel gestoppt. Ein Politiker kritisiert den Einsatz und wird von einem Sprecher der Polizeigewerkschaft als „sicherheitspolitische Kaulquappe“ bezeichnet.

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          Ein Polizist hat einem 22 Jahre alten Mann in Berlin-Reinickendorf nach einem Angriff mit einem Messer in den Oberschenkel geschossen. Wie ein Polizeisprecher erklärte, war der Mann am Samstagmorgen in einem Lottoladen an der Provinzstraße ausgerastet. Er habe den Inhaber und einen Kunden mit dem Messer bedroht und herumgebrüllt. Herbeigerufene Polizisten entdeckten den Mann wenig später mit einer Flasche Bier und dem Messer in der Hand vor dem Geschäft.

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Aufforderungen, das Messer wegzulegen habe der 22-Jährige ignoriert. Stattdessen lief er plötzlich mit dem Messer in der Hand auf einen Polizeibeamten zu. Dieser griff zur Waffe und schoss. Der 22-Jährige wurde in ein Krankenhaus gebracht. Er ist nicht lebensgefährlich verletzt. Die Ermittlungen hat eine Mordkommission übernommen. Für die weitere Spurensicherung sperrte die Polizei die Provinzstraße. BVG-Busse der Line 150 werden umgeleitet.

          Der SPD-Politiker Christopher Lauer kritisierte den Polizeieinsatz auf Twitter: „Das kann doch nicht sein, dass es jahrelang immer nur ein paar Schussabgaben gibt und dann auf einmal fast wöchentlich.“ Am Dienstagabend war in Berlin-Moabit ein 29 Jahre alter Flüchtling von Polizisten erschossen worden. Der Mann war mit einem Messer auf den mutmaßlichen Peiniger seiner Tochter losgegangen. Der 27-Jährige war von der Polizei bereits festgenommen worden, weil er die sechs Jahre alte Tochter des Angreifers in einen Park gelockt und sich dort an ihr vergangen haben soll.

          Pfalzgraf nennt Lauer eine „sicherheitspolitische Kaulquappe“

          Die Polizei hatte danach die Rechtmäßigkeit des Schusswaffen-Einsatzes verteidigt und erklärt, der Einsatz hätte möglicherweise glimpflicher verlaufen können, wenn die Polizisten mit sogenannten Tasern ausgestattet gewesen wären. Die Berliner Polizei will Streifenpolizisten künftig mit diesen Elektroschock-Waffen ausstatten, von November an zunächst aber nur probeweise am Alexanderplatz und in der Friedrichstraße.

          Der ehemalige Piratenpolitiker Lauer schrieb jetzt auf Twitter: „Langsam entsteht bei mir der Eindruck, die schießt jetzt so lange jede Woche auf einen Mann mit Messer, bis der Taser da ist.“ Bodo Pfalzgraf, der Berliner Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, sagte dazu: „Wer so etwas behauptet, ist eine sicherheitspolitische Kaulquappe.“ Lauer unterstelle den Beamten, dass sie sich landesweit abgesprochen hätten, dabei gebe es bisher überhaupt keine statistischen Auffälligkeiten in Berlin.

          „Aber wenn sich die Fälle von Messerangriffen häufen, dann häuft sich eben auch der Einsatz von Schusswaffen“, sagte Pfalzgraf. Das Vorgehen in Berlin am Samstagmorgen sei ein klassischer Notwehreinsatz gewesen, bei dem der Angreifer auch nicht lebensgefährlich verletzt worden sei.

          „Das scheint ein Ausbildungsproblem zu sein“

          Christopher Lauer sagte FAZ.NET dazu: „Wenn ein Polizist mit einem Messer angegriffen wird, kann man natürlich nicht mehr viel machen.“ Ihn wundere aber, dass keine Warnschüsse abgegeben würden, „das scheint ein Ausbildungsproblem zu sein“. Er widerspricht Pfalzgraf auch bei dessen statistischer Einschätzung: „Es gab definitiv in den vergangenen sechs Wochen, seit der Ankündigung Ende August, dass Taser eingeführt werden, eine Häufung von Schusswaffeneinsätzen der Polizei in Berlin.“

          Er verweist unter anderem auf einen Vorfall Ende August, ein Polizist schoss einem Randalierer damals in den Oberkörper. Anfang September schoss ein Beamter dann versehentlich einen 37-Jährigen an und verletzte ihn schwer. Mit den beiden Fällen in dieser Woche seien das jetzt vier Einsätze von Schusswaffen in sechs Wochen. „In den letzten vier Jahren hat es vielleicht sieben gegeben“, sagte Lauer, der in dieser Zeit für die Piraten im Abgeordnetenhaus von Berlin saß.

          Er verweist auf die Antwort einer Anfrage, die er zum Schusswaffengebrauch 2013/2014 gestellt hatte: Demnach kam es 2013 zu drei Schussabgaben gegen Menschen, im ersten Halbjahr 2014 zu keiner. 2013 gab es dabei einen Toten und einen Verletzten, im ersten Halbjahr 2014 keine. Lauers ironischer Kommentar: „Viermal in sechs Wochen ist also normal.“ Ein alter Kollege zeigte sich irritiert: Danny Freymark, der für die CDU im Abgeordnetenhaus sitzt, schrieb zu Lauers Beiträgen auf Twitter: „Schlimm sowas nur zu denken – Es zu schreiben ist bezeichnend und schlichtweg peinlich!“

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