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Menschenhandel in Peru : Rund tausend Euro für ein Neugeborenes

Bis zu 1000 Euro zahlte der Menschenhändlerring in Peru Frauen für ihr neugeborenes Baby. (Archivbild) Bild: Picture-Alliance

Sie warben verzweifelte Frauen vor Abtreibungskliniken an – ein peruanischer Menschenhändlerring soll vor allem mit Neugeborenen und deren Organen gehandelt haben.

          Jedes Jahr kommen in Peru Hunderte Fälle von Menschenhandel ans Tageslicht. Nun wurde ein besonders aufsehenerregender Fall aufgedeckt. Am Dienstag hat die peruanische Bundespolizei in der Touristenstadt Arequipa 15 Mitglieder eines Menschenhändlerrings verhaftet, die mit Neugeborenen und deren Organen gehandelt haben sollen. Unter den Verhafteten ist auch der frühere Polizeichef Raúl Becerra Velarde. Seine Partnerin soll nach Angaben der Staatsanwaltschaft die Chefin der Bande gewesen sein und Becerras rechte Hand. Der 61 Jahre alte Becerra war von 2010 bis 2011 Perus oberster Polizeichef. Ihm wurde auch schon vorgeworfen, eine Todesschwadron gebildet und eine Polizistin sexuell belästigt zu haben.

          Tjerk Brühwiller

          Freier Berichterstatter für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Die Bande hatte es nach bisherigem Erkenntnisstand vor allem auf junge Schwangere abgesehen. Sie arbeitete mit Verbindungspersonen in Krankenhäusern zusammen. Unter den Verhafteten befinden sich auch ein Gynäkologe und ein Kinderarzt. Die Informanten lieferten Kontakte von „potentiellen Kandidatinnen“. Es handelte sich meist um Frauen aus schwierigen sozialen Verhältnissen, die ungewollt schwanger geworden waren und eine Abtreibung in Betracht gezogen hatten. Frauen lauerten den Schwangeren dann vor Krankenhäusern auf und erschlichen ihr Vertrauen. Auch vor klandestinen Abtreibungskliniken wurden Schwangere „angeworben“ und zum Austragen des Kindes überredet. Den Schwangeren wurde Geld für ihr Neugeborenes angeboten. Der Preis soll rund tausend Euro betragen haben.

          Zahl der Opfer ist nicht bekannt

          Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Menschenhändlerring den Müttern die Neugeborenen zum Zweck der illegalen Adoption und des Organhandels abkaufte. Die Polizei ermittelt nun mögliche internationale Verbindungen. Bei der Razzia in verschiedenen Häusern in Arequipa wurden Dokumente, Mobiltelefone und Bargeld sichergestellt. Die Beamten konnten ein vier Monate altes Mädchen befreien. Es ist unklar, seit wann der Menschenhändlerring aktiv gewesen ist und wie viele Kinder ihm zum Opfer gefallen sind.

          Es ist nicht der erste aufgedeckte Fall von Säuglingshandel in Peru. Auch ältere Kinder und Jugendliche sind betroffen. Im vergangenen Jahr wurden mehr als 1400 Anzeigen wegen Menschenhandels gestellt, 300 mehr als im Jahr zuvor. Die Zahl spiegelt jedoch nur einen kleinen Teil des Problems. Besonders Mädchen und junge Frauen sind Opfer von Menschenhändlern. Sie werden mit falschen Versprechen angelockt, entführt und landen in den Bergbaugebieten oder im Amazonas, wo sie für Zwangsarbeit oder als Sexsklavinnen missbraucht werden. Einige werden auch ins Ausland geschmuggelt und weiterverkauft.

          Straflosigkeit bleibt ein Problem

          Nach Angaben der Vereinten Nationen findet der größte Teil des Menschenhandels in Südamerika innerhalb des Subkontinents statt. Bei 45 Prozent der Opfer handelt es sich um Frauen, bei 29 Prozent um Mädchen. Die sexuelle Ausbeutung ist in Südamerika der Hauptzweck des Menschenhandels. Sie betrifft 57 Prozent der Opfer. Wie andere Länder der Region hat auch Peru seine Anstrengungen im Kampf gegen den Menschenhandel in den vergangenen Jahren verstärkt und die Strafen verschärft. Dennoch werden viele Fälle nie richtig aufgeklärt, und es kommt nur zu wenigen Verurteilungen wegen Menschenhandels. Im Durchschnitt wird nur etwas mehr als ein Menschenhandel von zehn offiziell angezeigt, nur eine angeklagte Person von zehn Personen in erster Instanz verurteilt. Die Straflosigkeit bleibt ein Problem.

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