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Krankenpfleger : Er tötete wohl auch schon in Oldenburg

Niels H. im Dezember 2014 in Handschellen vor Gericht Bild: dpa

Die Mordserie des ehemaligen Krankenpflegers Niels H. ist noch umfassender als bisher bekannt. Das zeigen Exhumierungen seiner damaligen Patienten.

          3 Min.

          Die Befürchtungen, dass der „Todespfleger von Delmenhorst“ weit mehr Personen ermordet hat, als er bislang gestanden hatte, scheinen sich zu bestätigen. Am Mittwoch unterrichteten die Ermittler der Sonderkommission „Kardio“ und der Staatsanwaltschaft Oldenburg über den Fortgang ihrer Ermittlungen. Demnach besteht gegen Niels H. der dringende Tatverdacht, dass er nicht nur als Intensivpfleger am städtischen Krankenhaus in Delmenhorst von 2002 bis 2005, sondern auch am Klinikum Oldenburg zwischen 2000 und 2002 in mindestens sechs Fällen Patienten ermordet hat. Die Ermittlungen bezüglich der Taten in Oldenburg würden „erheblich ausgeweitet“, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Hunderte Patientenakten aus Oldenburg würden ausgewertet. Und es werde geprüft, ob Exhumierungen vorgenommen werden.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Niels H. war schon im Februar 2015 vom Landgericht Oldenburg wegen zweifachen Mordes, zweifachen Mordversuchs sowie gefährlicher Körperverletzung zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden. Das Gericht stellte bei dem mittlerweile 39 Jahre alten Intensivpfleger zudem die besondere Schwere der Schuld fest. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er seine Patienten durch die Gabe des Herzmedikaments Gilurytmal in einen akut lebensbedrohlichen Zustand gebracht hat, weil er sich bei der anschließenden Reanimierung vor seinen Kollegen als tatkräftiger Lebensretter hervortun wollte. Während des Verfahren hatte Niels H. gestanden, dass er nicht nur für die wenigen angeklagten Fälle verantwortlich sei, sondern für etwa 90 Fälle, von denen rund 30 für seine Patienten tödlich geendet hätten. In seinem Geständnis legte er aber dar, dass er nur in Delmenhorst und nur durch Gabe von Gilurytmal gemordet habe.

          „Wir werden nie alles wissen“

          Diesen Beteuerungen schenken die Ermittler inzwischen keinen Glauben mehr. Am Mittwoch teilten sie mit, dass im Klinikum Oldenburg in neun Fällen Vergiftungen durch Kalium festgestellt worden seien, von denen trotz Reanimierung vier tödlich endeten. Niels H. hat die Verabreichung von Kalium mittlerweile auch selbst eingestanden. Solche Vergiftungen hinterlassen in Leichnamen keine Rückstände; Exhumierungen sind somit nicht zielführend. Gilurytmal hingegen kann bei erdbestatteten Leichen auch noch nach Jahren nachgewiesen werden. Aber die Ermittler bezweifeln, dass dies in allen Fällen möglich ist. Auch das Gelurytmal könne sich schon vor dem Tod verstoffwechselt haben, erklärte Kriminaloberrat Arne Schmidt.

          An vollständige Aufklärung glauben die Ermittler nicht. „Wir werden nie alles wissen“, sagte Kriminaloberrat Arne Schmidt am Mittwoch. Von Angehörigen wurde in der Vergangenheit die Gesamtzahl der Opfer auf möglicherweise mehr als 200 geschätzt. Niels H. wäre damit einer der schlimmsten Serienmörder der Geschichte. Die Behörden halten sich mit Schätzungen zurück. Am Mittwoch teilten sie mit, dass Niels H. allein in Delmenhorst während 285 Todesfällen Dienst hatte. 101 der verstorbenen Patienten wurden feuerbestattet. Von den 184 erdbestatteten wurden mittlerweile 99 exhumiert. Niels H. ist für mindestens 33 dieser Todesfälle verantwortlich. Die Ermittler haben jedoch inzwischen den Verdacht, dass Niels H. auch in Delmenhorst nicht nur Gilurytmal verwendet haben könnte. Hinzu kommen dann mindestens noch jene sechs Todesfälle, derer er in Oldenburg dringend verdächtig ist, vier durch Verabreichung von Kalium, zwei durch Gilurytmal.

          Laut Staatsanwaltschaft steht fest, dass sich Niels H. in einem weiteren Gerichtsverfahren für seine Taten verantworten muss. „Es wird natürlich eine weitere Anklage geben“, sagte Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann. „Die rechtliche Konsequenz wird am Ende dieselbe sein: Lebenslänglich und besondere Schwere der Schuld. Daran wird sich nichts ändern“.

          Bei den Ermittlungen geht es auch darum, das Versagen der Krankenhausleitungen aufzuklären. Gegen fünf Verantwortliche des Krankenhauses in Delmenhorst wird wegen Verdachts des Totschlags durch Unterlassen ermittelt, da es bereits ab Mitte 2003 Hinweise gab und die Verantwortlichen nach Auffassung der Ermittler spätestens ab Mitte 2005 hätten eingreifen müssen. Aufhorchen ließen am Mittwoch die Angaben der Ermittler, dass inzwischen auch gegen drei Verantwortliche des Klinikum Oldenburgs wegen Verdachts des Totschlags durch Unterlassen ermittelt wird. Das Klinikum hatte Niels H. Ende 2002 wegen seines auffälligen Verhaltens stillschweigend verabschiedet, mit einem makellosen Arbeitszeugnis, in dem er als „umsichtig, gewissenhaft und selbständig“ beschrieben wird. Die Ermittler nehmen an, dass das Klinikum Oldenburg schon 2001 intern untersuchte, ob es einen Zusammenhang zwischen den Todesfällen und der Anwesenheit bestimmter Pflegekräfte geben könnte. Aus dieser Erhebung sei damals hervorgegangen, dass es während der Dienste von Niels H. zu signifikant mehr Todesfällen gekommen sei.

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