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Mehr Morde in Amerika : Die Frage des Ferguson-Effekts

  • -Aktualisiert am

Im Gedenken an eines der vielen Opfer: der Schauplatz eines tödlichen Angriffs in Baltimore Ende Juli Bild: AP

In amerikanischen Großstädten ist die Zahl der Tötungsdelikte enorm gestiegen. Die Gründe sind umstritten. Manche sehen einen Zusammenhang mit den Vorfällen in Ferguson.

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          Wer in Amerikas „Charm City“ Baltimore morgens den Lokalsender WMAR-TV einschaltet, wird schon beim Aufstehen von Schießereien und Tötungsdelikten empfangen. Die Aufzählung der Gewalttaten der vergangenen Nacht gehört bei WMAR längst zur Morgenroutine: Kinder, die bei Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Banden versehentlich erschossen wurden, Messerstechereien unter Drogenhändlern oder ein ungeklärter „triple homicide“ wie Anfang Juli auf dem Campus der Universität von Maryland. Damals verletzten Unbekannte drei Menschen tödlich, als sie aus zwei Kleinbussen auf eine Gruppe feuerten. Einen Tag später gab Baltimores Bürgermeisterin Stephanie Rawlings-Blake unerwartet die Entlassung des Polizeichefs Anthony Batts bekannt. „Wie wir in den vergangenen Monaten gesehen haben, sterben in unseren Straßen zu viele Menschen. Allein gestern Nacht waren es drei, heute Morgen wurde wieder jemand ermordet“, sagte Rawlings-Blake. „Die Familien sind es leid, ich bin es auch. Wir müssen etwas ändern.“

          Wie in vielen amerikanischen Großstädten ist die Zahl der Tötungsdelikte in Baltimore in diesem Jahr enorm gestiegen. Seit Januar starben in der Stadt am Patapsco River mit 600 000 Bewohnern mindestens 220 Menschen bei gewalttätigen Auseinandersetzungen. Schon bis zum Sommer notierte die Polizei in Baltimore etwa 50 „homicides“ mehr als im gesamten Vorjahr. Allein im Juli wurden 45 Menschen getötet, mehr als in jedem anderen Monat in den vergangenen 45 Jahren. Andere Städte weisen vergleichbare Zahlen auf. Washington verzeichnete in diesem Jahr bereits mehr als 100 Tote, im vergangenen Jahr waren es bis September nur etwa 70. In Milwaukee, der größten Stadt des Bundesstaates Wisconsin, meldete die Polizei in der vergangenen Woche das 104. Todesopfer eines Gewaltverbrechens. Für das Jahr 2014 hatte das Milwaukee Police Department lediglich 86 Tötungsdelikte registriert. In mehr als 30 Großstädten des Landes, unter ihnen New Orleans (Louisiana), St. Louis (Missouri) und Chicago (Illinois), lag die Mordrate in den vergangenen Monaten so hoch, dass sich viele Amerikaner schon an die Gewaltexzesse der achtziger und neunziger Jahre erinnert fühlten.

          Angst der Polizisten wird ausgenutzt

          Die Gründe für den Anstieg sind vielen rätselhaft. Während Baltimores Bürgermeisterin Rawlings-Blake schwammig auf „Ablenkungen“ durch den entlassenen Polizeichef Batts wie nachts geschlossene Wachen verwies, machen Kriminologen laxe Waffengesetze und leere Kassen der Kommunen verantwortlich. Sam Dotson, Polizeichef von St. Louis, vermutet hinter den Zahlen den sogenannten Ferguson-Effekt, der amerikanische Polizisten nach der Empörung über tödliche Schüsse auf Schwarze angeblich weniger hart durchgreifen lässt. „Viele Polizeibeamte spüren einen Anflug von Angst, weil sie sich Ferguson vor Augen halten. Verbrecher wissen das und nutzen es aus“, sagte Dotson der „Financial Times“. Der Vorort von St.Louis war nach dem Tod des 18 Jahre alten Afroamerikaners Michael Brown wochenlang von Rassenunruhen heimgesucht worden, als bekannt wurde, dass der weiße Polizist Darren Wilson Anfang August 2014 sechs Schüsse auf den unbewaffneten Jugendlichen abgegeben hatte.

          Auch Baltimores früherem Polizeichef Batts soll vor seiner Entlassung der zurückhaltende Einsatz vieler Uniformierter aufgefallen sein. Die größte Stadt des Bundesstaates Maryland war im April von Krawallen erschüttert worden, als der 25 Jahre alte Schwarze Freddie Gray nach der Verhaftung in einem Polizeitransporter ins Koma fiel und später im Krankenhaus starb. Da Gray einer Genickverletzung erlag, die er sich durch Hand- und Fußfesseln zuzog, erhob die Staatsanwaltschaft gegen sechs Polizeibeamte Anklage wegen Mordes, Totschlags und Körperverletzung. Wie Polizeichef Batts damals andeutete, hielten sich seitdem viele Kollegen bei der Festnahme von Verdächtigen aus Angst vor ähnlichen Konsequenzen zurück. „Die Balance zwischen Polizei und Kriminellen hat sich verändert“, sagte Alfred Blumstein, Kriminologe an der Carnegie Mellon University in Pennsylvania, der „New York Times“.

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          Die Staatsanwältin Marilyn Mosby, die nach Freddie Grays Tod in Maryland Anklage gegen drei weiße und drei schwarze Polizeibeamte erhob, hält den Ferguson-Effekt dagegen für Einbildung. Mosby sagte am Wochenende bei einer Podiumsdiskussion des Senders WMAR-TV, die Mordrate in Baltimore sei lange vor Grays Verhaftung Mitte April in die Höhe geschnellt. „Bis Ende Januar wurden schon 28 Tötungsdelikte gezählt. Gewalttaten treten in Wellen auf. Vermutlich erleben wir gerade die Folgen verfehlter Ansätze, Kriminalität einzudämmen“, sagte die Juristin. Die Versuche der vergangenen Jahre, Gewalt etwa durch eine Strategie der Nulltoleranz in den Griff zu bekommen, seien gescheitert. „Da ruft niemand mehr die Polizei. Auch nicht, um auszusagen, wer einen Dreijährigen ermordet hat“, sagte Mosby. Die 35 Jahre alte Polizistentochter setzt daher auf Bürgernähe. Für die kommenden Monate hat Mosby bereits Jugendprogramme beim Baltimore Police Department und Tage der offenen Tür in den Gerichten der Stadt geplant. Selbst der gefeuerte Polizeichef Batts soll signalisiert haben, sie dabei zu unterstützen.

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