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NRW, Niedersachsen, Bremen : Mehr als Tausend Polizisten an Großrazzia gegen Geldwäsche beteiligt

  • -Aktualisiert am

Nordrhein-Westfalen, Wuppertal: Polizeikräfte stehen vor Geschäftsräumen. Bild: dpa

Ermittler durchsuchten Wohnungen und Büros in mehreren Bundesländern und vollstreckten zehn Haftbefehle. Auch Spezialkräfte waren im Einsatz.

          3 Min.

          Die mutmaßlichen Geldwäscher und Betrüger sollten im Schlaf überrascht werden, damit sie keine Beweise beiseite schaffen oder rasch Daten auf ihren Handys löschen konnten. Zeitgleich gegen vier Uhr am Mittwochmorgen drangen deshalb 1400 Beamte, darunter auch Spezialeinheiten, in 85 Häuser, Wohnungen, Büros und Geschäftsräume in 25 Städten, überwiegend in Nordrhein-Westfalen, ein.

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Nach monatelangen Ermittlungen sind sich die Staatsanwälte der „Zentral- und Ansprechstelle für die Verfolgung Organisierter Straftaten“ (ZeOS NRW) sicher, dass sie einem international agierenden Netz auf die Spur gekommen sind, das in großem Umfang Gelder aus Straftaten gewaschen oder dafür zur Verfügung gestellt hat.

          Die Ermittler stufen das Netz als kriminelle Vereinigung mit bisher 67 Mitgliedern ein; es handelt sich unter anderen um 44 Syrer, zehn Deutsche, fünf Jordanier und vier Libanesen. Die enorme Summe von mindestens 140 Millionen Euro soll die Gruppe seit 2016 mit Hilfe eines per Whatsapp gesteuerten Hawala-Schattenbankssystems von Zahlungsbüros in Deutschland und den Niederlanden überwiegend nach Syrien oder in die Türkei transferiert haben.

          Beschuldigte lebten in Saus und Braus

          Allein durch die Hände der zwei Hauptbeschuldigten sogenannten Groß-Hawalare sollen jeweils mehr als 60 Millionen Euro geflossen sein. Beim Hawala-System zahlt ein Kunde Geld an einer Annahmestelle in einem Land ein; gegen eine Provision bekommen Geschäftspartner oder Kunden in einem anderen Land die Summe ausgezahlt, ohne dass das Bargeld über die Landesgrenzen gebracht werden muss. Ausgeglichen wird die Bilanz durch Gold-Transfers. Das am Mittwoch ausgeschaltete Netz soll dafür aber auch illegal Lastkraftwagen aus Deutschland in den Nahen Osten exportiert haben.

          Von der Polizei auf einer Pressekonferenz in Düsseldorf zur Verfügung gestellte Fotos der Funde.
          Von der Polizei auf einer Pressekonferenz in Düsseldorf zur Verfügung gestellte Fotos der Funde. : Bild: dpa

          Ein Gericht erließ Vermögensarreste in Höhe von 140 Millionen Euro. Im Rahmen der Großrazzia am Mittwoch konnten Luxusautos, Gold, Schmuck, hochwertige Uhren und Bargeld in Garagen, Schließfächern und Wohnungen der Beschuldigten im Wert von insgesamt immerhin rund drei Millionen Euro sichergestellt werden. Die Beschuldigten lebten offensichtlich in Saus und Braus. Zugleich gehörte es „zum Selbstverständnis des Netzes, zu Unrecht Sozialleistungen zu beziehen, keine Sozialabgaben und Steuern zu zahlen und sich dabei gegenseitig zu helfen“, sagt Staatsanwalt Frank Timmer.

          Ermittler stießen auf Terrorverbindungen

          Einer der Hauptverdächtigen soll mit seiner Familie Monat für Monat 2000 Euro Sozialhilfe bezogen haben. Den Beschuldigten werden Taten quer durch das Strafgesetzbuch vorgeworfen, darunter Rauschgifthandel, unerlaubte Erbringung von Zahlungsdienstleistungen, gewerbsmäßiger Bandenbetrug. Auch Gewalttaten wie bewaffneter Raub und Geiselnahmen haben Mitglieder der kriminellen Vereinigung nach Erkenntnis der Ermittler begangen – um Mitglieder ihres Netzes zu disziplinieren oder vermeintliche Forderungen einzutreiben. Manchmal seien auch Rocker als Schlägertrupp angeheuert worden. Sogar auf Terrorverbindungen stießen die Ermittler.

          Unter den elf am Mittwoch per Haftbefehl festgenommenen mutmaßlichen Bandenmitgliedern befindet sich auch der 39 Jahre alte Syrer Halid A., der verdächtigt wird, sich 2013 in seiner Heimat der Terrorgruppe „Al-Nusra-Front“ angeschlossen zu haben. Wie bei A. handelt es sich bei einem weiteren der Festgenommenen um einen den Behörden schon länger bekannten islamistischen Gefährder, vier galten bisher als „relevante Personen des islamistischen Spektrums“.

          Zwar geht es in dem großen Ermittlungsverfahren überwiegend um die persönliche Bereicherung der Verdächtigen, doch in einigen Fällen steht auch der Verdacht auf Terrorfinanzierung im Raum. Hinweise auf einen geplanten Anschlag in Deutschland fanden die Ermittler nicht. Der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) ist sich sicher, dass Polizei und Staatsanwaltschaft am Mittwoch „unter anderem der Terrorfinanzierung einen extrem ergiebigen Geldhahn abgedreht haben“. Er nennt die Ermittlungen ein „verdammt dickes Ding“, Justizminister Peter Biesenbach spricht von einem „Paukenschlag“.

          Auf die Spur des international agierenden Geldschleusernetzes waren die Ermittler auch durch einen Zufall gekommen. Nach einer Unfallflucht auf der Autobahn 61 durchsuchten Beamte das Auto zweier Männer und stießen darin auf einen Turnbeutel mit Bargeld in Höhe von rund 300.000 Euro. Später stellte sich heraus, dass es sich vermutlich um Drogengeld aus den Niederlanden handelte, das ins Ausland transferiert werden sollte. Einer der Insassen war der Syrer Halid A. Für einen Haftbefehl reichten die Hinweise damals nicht, doch die Sicherheitsbehörden behielten A. und den anderen Mann genau im Blick – und stießen auf die kriminelle Vereinigung.

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