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Amerikanische Justiz : Hass verdient keine Gnade

Der Fall der Amischen, denen Bärte und Haare gestutzt wurden, stellte die Gesetzgebung zu „Hate crimes“ auf die Probe. Bild: dapd

Straftaten, die sich aus Hass gegen bestimmte Gruppen speisen, werden in Amerika besonders hart bestraft. Seit der Schauspieler Mark Wahlberg ein Gnadengesuch gestellt hat, fragt sich das Land wieder: Was können wir verzeihen?

          Der Fotograf Stanley Forman erhielt 1977 den Pulitzer-Preis für ein Bild, das am 6. April 1976 auf der Titelseite des „Boston Herald American“ gedruckt worden war. Es zeigt eine Szene, die sich am Tag zuvor auf dem Vorplatz des Rathauses von Boston abgespielt hatte. Ein weißer Jugendlicher mit wehendem Haar hält eine amerikanische Flagge waagerecht wie einen Speer. Die Spitze zeigt auf den Bauch eines schwarzen Anzugträgers, der im Fallen begriffen scheint. Der Schwarze versucht, einen weißen Angreifer abzuschütteln, der sich von hinten auf ihn gestürzt hat. Das Opfer war ein Rechtsanwalt, der im Rathaus an einer Beratung über Arbeitsfördermaßnahmen zugunsten von Minderheiten teilnehmen wollte. Die weißen Jugendlichen waren Schüler, die gegen ein von einem Bundesrichter verordnetes Programm für die öffentlichen Schulen von Boston protestierten.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Das Programm sah vor, dass Schüler aus Stadtvierteln mit schwarzer Bevölkerungsmehrheit mit Bussen zu Schulen gebracht werden, an denen die Weißen vorher unter sich gewesen waren. Wenn die Leute schon in getrennten Vierteln wohnten, sollten ihre Kinder wenigstens gemeinsam zur Schule gehen. Die weißen Eltern und Schüler reagierten darauf mit einer Kampagne des zivilen Ungehorsams. Während des Kampfes um den öffentlichen Raum kam es zu Gewalttaten beider Seiten. Am Tag nach dem Angriff auf den Rechtsanwalt brachten schwarze Jugendliche durch Steinwürfe ein Auto zum Halten, an dessen Steuer ein weißer Mann saß. Sie zerrten den Fahrer aus dem Wagen und schlugen ihm mit Pflastersteinen den Schädel ein. Als die Polizei eintraf, brüllte eine hundertköpfige Menge: „Lasst ihn sterben!“ 1988 gab die Bundesgerichtsbarkeit die Aufsicht über das Schulwesen von Boston wieder ab. Ein Berufungsgericht stellte fest, dass die Stadt die Auflagen erfüllt hatte. Es gab keine mehrheitlich weißen Schulen mehr. Der Preis des Integrationserfolgs: die Flucht der weißen Familien in die Vorstädte.

          Auch Mark Wahlberg wurde schon verurteilt

          Im August 1986 brachte der Staat Massachusetts drei weiße Jugendliche aus dem Viertel Savin Hill vor Gericht, die an zwei aufeinanderfolgenden Tagen mit Steinen nach einer Gruppe schwarzer Schüler geworfen hatten. Die Täter, zwei Fünfzehnjährige und ein Dreizehnjähriger, hatten ihren Opfern zugerufen: „Wir mögen keine schwarzen Nigger hier in der Gegend.“ Savin Hill, wegen solcher Vorfälle damals auch „Savage Hill“ - „wilder Hügel“ - genannt, ist ein Stadtviertel, in dem früher hauptsächlich Arbeiterfamilien irischer Herkunft wohnten. Einer der Täter wurde zwei Jahre später verurteilt, weil er gegen die von ihm und seiner Mutter unterzeichnete Verpflichtung verstoßen hatte, nie wieder eine Person wegen ihrer „Rasse, Hautfarbe oder nationalen Herkunft“ zu „verletzen, zu bedrohen, einzuschüchtern oder zu belästigen“.

          Mark Wahlberg, heute ein gefeierter Filmstar, überfiel als Sechzehnjähriger am Abend des 8. April 1988 einen Einwanderer aus Vietnam auf der Straße. Er beschimpfte den Mann, der vom Einkaufen nach Hause kam, als „vietnamesischen Scheißdreck“ und schlug ihm mit einem Holzknüppel über den Kopf. Der Knüppel brach entzwei. Auf der Flucht vor der Polizei stürzte Wahlberg sich auf einen zweiten Vietnamesen. Er schlug ihm mit der Faust aufs linke Auge und verhöhnte seine Opfer nach der Festnahme als „Schlitzaugen“. Wahlberg wurde nach Erwachsenenstrafrecht wegen Mordversuchs angeklagt. Er bekannte sich der Körperverletzung schuldig und wurde zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, von denen er 45 Tage verbüßte.

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