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Mutmaßliche Mafiosi verhaftet : ’Ndrangheta am Bodensee

  • -Aktualisiert am

Hat manchmal auch mit der italienischen Mafia zu tun: das Landeskriminalamt in Stuttgart Bild: dpa

In ihren Wohnungen lagen Gewehre, Pistolen und Revolver: Die Polizei hat am Bodensee acht italienische Staatsangehörige festgenommen. Sie sollen der kalabrischen Mafia-Organisation ’Ndrangheta angehören.

          Die deutsche Polizei hat am Dienstagmorgen im Landkreis Konstanz acht italienische Staatsangehörige festgenommen, denen vorgeworfen wird, der kalabrischen Mafia-Organisation „’Ndrangheta“ anzugehören. An dem Einsatz waren Sondereinsatzkommandos (SEKs) aus sechs Bundesländern beteiligt. Die Verdächtigen sind zwischen 40 und 69 Jahren alt. Die auf die Verfolgung der Mafia spezialisierte Staatsanwaltschaft in der Region Kalabrien hatte lange Zeit gegen die Mafia-Mitglieder ermittelt.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          In Italien wurden zum gleichen Zeitpunkt zwei Mitglieder dieser ’Ndrangheta-Gruppierung festgenommen. Bei den Wohnungsdurchsuchungen in Baden-Württemberg wurden bei einigen der festgenommenen Verdächtigen Schusswaffen gefunden. Es handelt sich um Gewehre, eine Pumpgun, Pistolen und Revolver. „Grundlage der Verhaftung ist ein Rechtshilfeersuchen aus Italien und ein europäischer Haftbefehl. Zu den konkreten Tatvorwürfen wissen wir deshalb leider wenig“, sagte ein Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft in Karlsruhe der F.A.Z.

          Der Chefstaatsanwalt der Provinz Reggio Calabria Cafiero De Raho sprach unterdessen von der „außerordentlichen Fähigkeit der kalabrischen ’Ndrangheta, sich im Ausland zu reproduzieren“. Es sei der Mafia im Grenzgebiet zwischen Baden-Württemberg und der Schweiz gelungen, ein fast identisches Netz aufzubauen wie in der süditalienischen Heimat. Dabei spielten nicht nur verwandtschaftliche Beziehungen eine Rolle; auch gebe es die verschiedenen Zellen, die zwar einerseits autonom seien, andererseits aber direkte Bande zur Heimat unterhielten. Selbst der Aufstieg der Mafiosi in der Verbrecherkarriere funktioniere rund um den Bodensee genauso wie in Rosarno oder San Luca.

          Deutschland unterschätzt die Gefahr der Mafia

          Es sei der Polizei gelungen, das Organigramm der gesamten Organisation zu rekonstruieren. Dabei sei es zu Beginn nicht leicht gewesen, die deutschen Behörden, vor allem das Kriminalamt, von der Notwendigkeit umfassender Ermittlungen zu überzeugen, fügte Staatsanwalt Nicola Gratteri an. Noch fehle offenbar jenseits der italienischen Grenzen das Gefühl für die Gefährlichkeit der ’Ndrangheta. Die „geklonte“ Mafia nutze Deutschland und die Schweiz nicht nur als Rückzugsraum für „Schläfer“, sie wasche dort auch kriminell erworbenes Bargeld; zudem sei sie auch im Rauschgift- und Menschenhandel sowie auf dem Immobiliensektor aktiv, hieß es.

          Die italienischen Ermittler haben aufgrund weitergehender gesetzlicher Regelungen bessere Möglichkeiten, kriminelle Strukturen der Mafia zu zerschlagen. Dort ist der entsprechende Paragraph, der die Bildung einer kriminellen Vereinigung unter Strafe stellt, umfänglicher gefasst. Außerdem ist es möglich, von Verdächtigen schon präventiv Vermögen abzuschöpfen und zu beschlagnahmen. In Deutschland müssen Strafverfolger zunächst die Tat an sich und dann die in diesem Zusammenhang erbeutete Summe nachweisen, bevor sie ein Vermögen beschlagnahmen können. Ein Vorgehen wie in Italien ist wegen der Unschuldsvermutung und wegen des im Grundgesetz zugesicherten Eigentumsschutzes nicht möglich.

          Auf der Grundlage europäischer Haftbefehle beantragte die Generalstaatsanwaltschaft Karlsruhe Auslieferungshaftbefehle. Bei der Aufdeckung von Strukturen organisierter Kriminalität haben die Ermittler in Deutschland immer größere Schwierigkeiten, weil sich die Mafia-Angehörigen das Internet immer stärker zunutze machen. Baden-Württemberg sowie Nordrhein-Westfalen gelten als Mafia-Hochburgen, der Bodenseeraum wegen seiner Grenznähe als Rückzugsraum. „Das sind häufig Personen, die hier unauffällig leben, die aber in Italien Straftaten begehen“, sagte der Sprecher des Landeskriminalamtes in Stuttgart.

          Von den 650.000 in Deutschland lebenden italienischen Staatsbürgern lebt ein Viertel in Baden-Württemberg. Dem Landeskriminalamt in Stuttgart sind 140 Personen bekannt, die in Mafia-Strukturen eingebunden sind. 65 gehören der kalabrischen ’Ndrangheta an, 32 der Stidda, 27 der Camorra und 14 der Cosa Nostra.

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