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Mafiafall vor Gericht : Dunkle Geschäfte im Schwarzwald

Ein Angeklagter eines Mafia-Prozess wird in Handschellen in den Schwurgerichtssaal des Landgericht Karlsruhe geführt. Bild: dpa

In Karlsruhe beginnt ein Prozess gegen neun mutmaßliche Mitglieder der Cosa Nostra. Die Staatsanwaltschaft will beweisen, dass zwei der Männer führende Köpfe der Mafia-Zelle sind. Das Verfahren könnte kompliziert werden.

          Über Jahrzehnte bauten sich Placido A. und Nicolo M. in der schwäbischen Provinz ein auf den ersten Blick bürgerliches Leben auf. Placido A. betrieb ein beliebtes Sport-Restaurant in Rottweil, Nicolo M. eine Textilboutique in Donaueschingen. Die beiden italienischen Geschäftsleute waren in ihren Kleinstädten bekannt und angesehen – bis zum 21. Juni 2017.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          An dem Tag durchsuchten Polizisten in einer Razzia mehr als 30 Objekte in Baden-Württemberg, in denen sie Mitglieder der italienischen Mafia-Organisation Cosa Nostra vermuteten. Auch weil der Südwesten durch seine Nähe zu Italien traditionell ein beliebtes Operationsgebiet verschiedener Mafia-Organisationen ist, sind Ermittlungen gegen diese Form der Organisierten Kriminalität (OK) ein Schwerpunkt und Spezialgebiet des Landeskriminalamts in Stuttgart.

          Im Zusammenhang mit der Großrazzia nahm die Polizei damals 15 Personen fest. Gegen neun von ihnen konnte Anklage erhoben werden. Seit Freitag müssen sie sich vor dem Landgericht Konstanz wegen bandenmäßigen Drogenhandels verantworten, in einem Fall auch wegen versuchten Mordes, Körperverletzung, Brandstiftung und illegalen Waffenbesitzes.

          Umfangreiche Abhörmaßnahmen

          Placido A. und Nicolo M. könnten aus Sicht der Staatsanwaltschaft die führenden Köpfe der Mafia-Zelle im Schwarzwald gewesen sein. Verhandelt wird aus Platzgründen zunächst in Karlsruhe, später dann in Konstanz. Insgesamt sind 67 Verhandlungstage angesetzt. Die Staatsanwaltschaft listet in der Anklageschrift mehr als zehn Fälle von bandenartigem organisiertem Drogenhandel auf. Die Angeklagten beschafften sich immer wieder Marihuana und Kokain in großen Mengen in Italien, den Niederlanden und Rumänien. Im Schwarzwald sollen sie die Drogen dann an Kleinhändler verteilt haben.

          Es ging fast immer um Mengen von mehreren Kilogramm, einige Einzellieferungen waren auf dem Schwarzmarkt mehr als 50.000 Euro wert. Manchmal sollen die Täter die Drogen zusätzlich mit Ammoniak gestreckt haben. Die Staatsanwaltschaft legt den Angeklagten auch zur Last, einen Raubüberfall auf ein Juweliergeschäft in Verona geplant zu haben, Waffen geschmuggelt und auf das Restaurant eines anderen Cosa-Nostra-Mitglieds mehrfach geschossen zu haben, weil es eine Auseinandersetzung um Schutzgelder gab.

          Die deutschen Ermittler haben in diesem Fall äußerst eng mit den Kollegen in Italien kooperiert. Durch umfangreiche Abhörmaßnahmen kamen die Polizisten den mutmaßlichen Mafia-Mitgliedern auf die Spur. Außerdem wurden die Angeklagten in einem mittlerweile abgeschlossenen Verfahren von zwei Kronzeugen schwer belastet. Doch zeichnete sich schon am ersten Verhandlungstag ab, dass es ein kompliziertes und langwieriges Verfahren werden könnte.

          Mafiazugehörigkeit in Deutschland nicht mehr strafbar

          Nach dem Vortrag des Staatsanwalts fragte der Vorsitzende Richter – ein pessimistischer Unterton war unüberhörbar – die Verteidiger: „Mit welchem Einlassungsverhalten ist denn zu rechnen? Das habe ich ja schon mal gefragt, die Reaktion war bescheiden.“ Zur Antwort bekam er, angeblich eher scherzhaft, von einem der Verteidiger ein sizilianisches Sprichwort zu hören: „Wer nichts sieht, nichts hört, nichts sagt, der wird in Ruhe 100 Jahre alt“, sagte der Anwalt von Placido A. Man kann das auch als Rechtfertigung der in Mafiakreisen üblichen Omertà werten.

          Ein anderer Strafverteidiger sagte zum Vorwurf, es handle sich bei seinem Mandanten um ein Mitglied der Cosa Nostra: „Mein Mandant ist Pizzabäcker.“ Anders als in Italien sei die Mafiazugehörigkeit in Deutschland nicht strafbar. Wenn die Staatsanwaltschaft die Angeklagten in die Nähe der Mafia rücke, dann sei das „herbeigeredet“ und eine „assoziative Klammer“, für die Belege fehlten. „Wir haben keinen Mafia-Prozess. Dieser Prozess wird ein Jahr dauern, es wird sich herausstellen, dass vieles in der Anklage nicht richtig ist“, sagte der Verteidiger von Nicolo M.

          Der wirtschaftliche Hintergrund seines Mandanten sei zerstört worden, er habe Restaurants an andere Gastronomen vermietet, das sei nun nicht mehr möglich. Der Vorsitzende Richter stimmt den Ausführungen in der Benennungsfrage sogar zu: Das Gericht spreche bislang nicht von einem Mafia-Verfahren. „Wir verhalten uns da neutral.“

          Am Ende des ersten Verhandlungstages berichtete ein Arzt aus der Justizvollzugsanstalt Offenburg über den Gesundheitszustand des Häftlings Nicolo M., über Schlafstörungen, Eisenmangel, Leberzirrhose, Depressionen und Ohnmachtszustände. Einmal habe er 40 Minuten auf Hilfe warten müssen, behauptet Nicolo M. Er berichtet von Mitarbeitern eines Bestattungsinstituts, die schon einmal einen toten Mithäftling im Sarg abgeholt hätten, der wenige Stunden zuvor um medizinische Hilfe gebeten habe. Dann wird sehr lange debattiert, ob Nicolo M. zur Verbesserung seines Gesundheitszustandes nicht nachts eine Sauerstoffmaske bekommen müsse. Der Gefängnisarzt hält das für überflüssig und auch für zu kompliziert.

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