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Mafia : Sizilien befreien

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Interview im Mafia-Land: Anti-Mafia-Aktivistin Rita Borsellino Bild: F.A.Z. / Frank Röth

Die Festnahme von Italiens oberstem Mafia-Paten Provenzano ist Ansporn für die Aktivistin Rita Borsellino. Ihr ist es gelungen, eine Generation von sizilianischen Jugendlichen heranzuziehen, denen die Mafia als Hemmnis für die wirtschaftliche Entwicklung erscheint.

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          „Nach dieser langen Zeit, in der Bernardo Provenzano flüchtig war, schien es unmöglich zu sein, ihn zu verhaften. Doch daß er nun ganz in der Nähe seines Heimatortes und seiner Familie gefaßt worden ist, zeigt, daß die Polizei das Territorium gut unter Kontrolle hatte.“ Rita Borsellino, die Schwester des von der Mafia ermordeten palermitanischen Staatsanwaltes Paolo Borsellino, zeigt sich strahlend über den unerwarteten Fahndungserfolg in Sizilien.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Denn seit im Juli 1992 die Mafia ihren Bruder umgebracht hatte, mit einem ferngezündeten Sprengsatz in einem Kleinwagen vor dem Haus der Mutter, hat sie sich dem Kampf gegen die Mafia verschrieben. Der sah oft nur sehr vordergründig aus, mit weißen Bettlaken an den Fenstern und Sonntagsreden an den Gedenktagen großer Mordanschläge. Doch Frau Borsellino und ihren Gesinnungsgenossen ist es dennoch gelungen, eine Generation von sizilianischen Jugendlichen heranzuziehen, denen die Mafia nicht nur als dunkler Fleck auf dem Bild ihrer Insel erscheint, sondern auch als Hemmnis für die wirtschaftliche Entwicklung und allgemein als Stück archaischer Unterdrückung der persönlichen Freiheit.

          Weinproduktion und Ackerbau

          Am Tag der Verhaftung ist Rita Borsellino auf Wahlkampftour mitten im Herzen des Mafia-Landes, in San Giuseppe Jato, der Nachbargemeinde von Bernardo Provenzanos Heimatort Corleone. Sie ist vom Bündnis der Mitte-Links-Parteien als Spitzenkandidatin für die Regionalwahlen in Sizilien aufgestellt worden und besucht eine Einrichtung, die es ohne das Engagement der vergangenen Jahre gegen die Mafia nicht gegeben hätte: eine Kooperative junger Sizilianern, die konfisziertes Eigentum einer besonders blutrünstigen Mafia-Familie bearbeiten, mit einem „Agriturismo“, Weinproduktion und Ackerbau. Früher gehörte das meiste davon der Familie Brusca, von denen einer, Giovanni, das zuletzt größte Attentat der Mafia organisiert hatte. Er war es, der 1992 auf den Knopf drückte und den ehemaligen Staatsanwalt Giovanni Falcone in die Luft sprengte.

          Nach 40 Jahren Flucht gefaßt
          Nach 40 Jahren Flucht gefaßt : Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

          Die Gäste im ehemaligen Haus der Familie Brusca, nun umgebaut zum „Agriturismo“, sind Schüler aus einem besonders berüchtigten Viertel Palermos, Brancaccio, dessen Pfarrer wegen seiner Jugendarbeit gegen die vorherrschende Mafia erschossen worden ist. Anlaß des Schulausfluges ist ein Besuch an einer historischen Mafia-Gedenkstätte auf einem Bergsattel oberhalb von San Giuseppe Jato. Dort hatten die Gewerkschaften mit den landwirtschaftlichen Tagelöhnern aus der Gegend traditionell zum 1. Mai ein Picknick mit Familien veranstaltet. Das war damals schon ein Stück Demonstration, mit der die Landlosen forderten, verwahrloste und ungenutzte Äcker und Güter zu enteignen und zu verteilen.

          Schulausflüge ins Mafia-Land

          Die Mafia suchte dagegen die althergebrachte Ordnung zu verteidigen und ihre Macht auch gegenüber den Gutsherren auszubauen: Sie ließ mit Maschinengewehren in die Menge feuern. Davon berichtet der 81 Jahre alte „Compagno“ Mario Nicosia den Schülern aus Palermo und fordert, sie sollten nun die Lebenserfahrungen der Vergangenheit weitertragen. Vor den Jugendlichen fügt Rita Borsellino hinzu, „für die Erinnerung muß man nicht einfach nur zurückblicken und weinen, sondern sich für die Zukunft engagieren“.

          Die von Frau Borsellino mitbegründete Organisation „Libera“ kümmert sich nicht nur um Schulausflüge ins Mafia-Land. In ganz Italien organisiert sie jeden Herbst eine „Karawane der Antimafia“, die in zahllosen Etappen im ganzen Land mit Veranstaltungen und Diskussionen den Widerstand gegen die Mafia fördern soll.

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