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Prozessauftakt in Duisburg : Gegen die „Mafia & Co. KG“

Die 14 Angeklagten werden von 40 Anwälten vertreten. (Archivbild) Bild: AFP

Am Montag soll in einem zweiten Anlauf der Prozess gegen 14 Angeklagte beginnen, denen Kokainhandel unter Beteiligung der kalabrischen Mafia vorgeworfen wird. Dem Verfahren waren jahrelange Ermittlungen vorausgegangen.

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          Nach der Quarantäne eines Angeklagten will das Landesgericht Duisburg an diesem Montag einen zweiten Versuch unternehmen, in das Verfahren 34KLs3/20 zu starten, in dem es um den Vorwurf des „internationalen Kokainhandels unter Beteiligung der kalabrischen Mafia“ geht. Auch ohne Corona-Pandemie wäre das ein schwerfälliger Mammutprozess. Die 14 Angeklagten werden von 40 Anwälten verteidigt. Das Gericht hat bislang 91 Verhandlungstage angesetzt. Doch schon den ersten musste es gleich nach der Begrüßung wieder beenden und drei weitere Termine streichen, weil einer der Angeklagten Kontakt zu seiner kranken Mutter gehabt hatte, die dann positiv auf das Coronavirus getestet wurde.

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Staatsanwalt Uwe Mühlhoff, der nun mit zweiwöchiger Verspätung seine Anklage verlesen wird – vorausgesetzt, dass es keine weiteren Corona-Fälle oder triftige Anträge der Verteidiger gibt–, wirft den Angeklagten vor, im Laufe mehrerer Jahre und in wechselnden Konstellationen mit insgesamt 680 Kilogramm Kokain gehandelt zu haben. Fünf der Männer sollen zur ’Ndrangheta gehören, der kalabrischen Mafia. Die anderen haben italienische, türkische oder marokkanische Wurzeln. „Mafia & Co. KG“ haben die Ermittler den Kreis der Beschuldigten genannt. Denn das große Kokaingeschäft in Europa, so ihre Erkenntnisse, wird nicht von einer monolithischen Mafiaorganisation betrieben, sondern von einem weitverzweigten, heterogenen Netzwerk. Mit wichtigen Knotenpunkten an Rhein und Ruhr.

          Einige Angeklagte haben bereits ausführlich ausgesagt

          Einer der Angeklagten ist ein italienischer Gastwirt, der ein Restaurant in Wesseling bei Köln betreibt. Als eine Art „Broker“ soll er die Kontakte zu Rauschgiftkartellen in Lateinamerika gepflegt, Verhandlungen geführt und den Transport des Kokains in Häfen in Belgien und den Niederlanden organisiert haben. Die Ermittler stießen auf Scheinfirmen, die Container mit Holz oder Kohle importierten – in denen dann Dutzende Kilogramm Rauschgift versteckt wurden. Weitere Pizzerien und Eisdielen in Nordrhein-Westfalen sollen, so die Staatsanwaltschaft, als logistische Stützpunkte für den Weitertransport – meist nach Italien – gedient haben.

          Immer wieder arbeiteten die italienischen Angeklagten auch mit albanischen und marokkanischen Banden zusammen. Die türkischen und türkischstämmigen Angeklagten, ebenfalls aus dem Raum Köln, sollen sich zunächst vor allem finanziell beteiligt haben. Mindestens 525.000 Euro investierten sie laut Staatsanwaltschaft in die Kokaingeschäfte, wofür sie horrende Zinsen bekommen haben sollen. Zum Teil halfen sie den Italienern demnach auch beim Transport, etwa indem sie Mietwagen zur Verfügung stellten, in die Geheimfächer für das Kokain eingebaut waren.

          Während die italienischen Angeklagten bislang alle schweigen, haben etliche andere im Lauf der Ermittlungen ausführlich ausgesagt. Das ist mit ein Grund, weshalb sechs von ihnen derzeit nicht in Haft sind. Offen ließen aber auch sie bisher, woher oder von wem die großen Geldsummen tatsächlich stammten, die sie in die illegalen Geschäfte investiert haben sollen.

          Die Ermittlungsakten füllen 57 Umzugskartons

          Neben den Rauschgiftgeschäften geht es auch um die Bildung beziehungsweise Unterstützung einer ausländischen kriminellen Vereinigung, Geldwäsche, Betrug, Verstöße gegen das Waffengesetz und nicht zuletzt Steuerhinterziehung, insgesamt 51 Tatkomplexe. Die Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft füllen 57 Umzugskartons. Dazu kommen gut 30 Terabyte Daten: Videoüberwachungen, aufgezeichnete Telefonate, abgehörte Unterhaltungen aus Autos und die Gespräche verdeckter Ermittler. Der Fall zeigt, wie aufwendig der Kampf gegen gut organisierte Kriminelle ist – zeitlich, personell und finanziell.

          Ihren Ursprung hatten die Ermittlungen schon 2014 in den Niederlanden. Als sich von Verdächtigen dort Verbindungen nach Italien und Deutschland ergaben, gründeten die Behörden der drei Länder ein „Joint Investigation Team“. In Deutschland wurden die Ermittlungen von der Staatsanwaltschaft Duisburg geführt, Nebenstränge von den Staatsanwaltschaften Köln und Aachen. Das LKA NRW war dabei und auch das Bundeskriminalamt. Fast 20 Polizeibeamte arbeiteten über Jahre schwerpunktmäßig an dem Fall.

          Doch obwohl ihnen ein italienischer Kronzeuge die Strukturen und Abläufe des Kokaingeschäfts detailliert beschrieb, kamen sie nur schleppend voran. Die Verdächtigen schrieben sich über verschlüsselte Chats oder trafen sich zu Gesprächen. Am Telefon oder im Auto verloren sie kaum ein Wort über kriminelle Geschäfte. Die Ermittler versuchten es wieder und wieder. Insgesamt kamen sie im Lauf der Jahre auf 195 Telefonüberwachungen, die beantragt, genehmigt, vorgenommen und ausgewertet werden mussten. Allein die Übersetzungskosten beliefen sich am Ende auf 1,25 Millionen Euro. Ein verdeckter Ermittler, der auf die türkischen Verdächtigen angesetzt war, trank monatelang vor allem Kaffee. Anderthalb Jahre dauerte es, bis er ihr Vertrauen gewonnen hatte.

          Erst im Dezember 2018 war es schließlich so weit: Im Rahmen der „Operation Pollino“ schlugen Spezialeinheiten in Italien, Deutschland, Belgien und den Niederlanden zu, nahmen mehr als 80 Beschuldigte fest. Auch in den anderen Ländern laufen Prozesse gegen Dutzende Angeklagte. Das Landgericht Duisburg hat seine Verhandlung bis in den Dezember 2021 terminiert. Ob das ausreichen wird, ist unklar – nicht nur wegen Corona.

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