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„Phantom der Mafia“ : Der Capo di tutt’i capi ist nicht mehr

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So sah der Mafiaboss aus, als er 2006 nach 40 Jahren Fahndung verhaftet wurde. Jetzt ist er verstorben. Bild: AFP

Kaum ein Mafioso hat Italien so in Atem gehalten wie Bernardo Provenzano. Vier Jahrzehnte lang suchten ihn Ermittler, vor zehn Jahren fanden sie ihn– jetzt ist er in Haft gestorben.

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          Der „Traktor“ Bernardo Provenzano, vormals der „Boss aller Bosse“ in Siziliens Cosa nostra, ist mit 83 Jahren in der Haft gestorben. Seit dem 11. April 2006 lebte der zu mehrfach lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilte Mörder in einem Gefängnis in Mailand, in verschärfter Einzelhaft. Darüber soll er 2011 schwermütig geworden sein. Haftverschonung konnte seine Anwältin Rosalba Di Gregorio aber nicht durchsetzen, auch nicht, als Parkinson bei ihm diagnostiziert wurde. Seit Monaten litt der Mafioso zudem an Krebs, aber auch sein letzter Antrag auf Hafterleichterung im April wurde abgelehnt. Eigentlich sei Provenzano schon seit vier Jahren „so gut wie tot“ gewesen, gab die Anwältin am Mittwoch zu Protokoll, „seitdem er vor vier Jahren in seinem Gefängnis in Parma stürzte und operiert werden musste.“ Seither habe er kaum noch sprechen können.

          Vor Jahrzehnten noch hätten der italienische Staat und die Justiz wohl Mitleid mit dem Mörder gehabt. Aber mittlerweile gilt auch die sizilianische Mafia nicht mehr als lokale und etwa schrullige Bruderschaft, und so trat niemand für eine Entlassung Provenzanos ein. Seit dem 10. Juli durften seine Frau und Kinder mit einer Sondergenehmigung zu dem Kranken. Jetzt dürfen sie ihn nur im engsten Kreise beerdigen. Aus seinem Heimatort Corleone, der durch den Roman und Film „Der Pate“ bekannt wurde, ließ sich der Bürgermeister Leoluchina Savona mit der Bemerkung zitieren: „Für Corleone ist dieser Tod wie eine Befreiung“. Der katholische Pastor Corleones fügte an: „Die Gemeinde wird mit ihm eine Pest los, an der sich früher viele Bürger ansteckten.“

          Das ist freilich lange her. Das letzte Fahndungsfoto stammt aus dem Jahre 1959. Da hatte der Mafioso, der wegen seiner Art, wie er bis zu 40 Widersacher umbrachte, den Spitznamen „Traktor“ trug, noch volles schwarzes Haar und eiskalte Augen. Dann tauchte er in der Nähe seines Geburtsortes unter und wurde erst mehr als 40 Jahre später, klein und gebückt, aufgespürt und verhaftet. Als Toto Riina 1993 festgenommen wurde, soll Provenzano die Finger im Spiel gehabt haben, jedenfalls stieg dann er in seinem Versteck zum obersten Boss auf. Damals hieß es von ihm: „Er schießt wie ein Gott, schade nur, dass er das Gehirn eines Huhns hat.“ Provenzano gehörte zur alten Generation Mafiosi, die nur Gewalt und Tod kannten. Rauschgifthandel und Geldwäsche waren seine Spezialgebiete.

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