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Märklin-Museumsraub : Rififi in Göppingen

  • -Aktualisiert am

Gestatten, Augusta Victoria: Roland Gaugele (links) und Hans-Georg Grupp präsentieren eines der wertvollsten Modelle aus der wiedergefundenen Märklin-Beute. Bild: Peter Thomas

Ein Fall, der nicht nur die internationale Sammler-Gemeinde bewegte: Vor zehn Jahren wurde das Märklin-Museum ausgeraubt. Mit einer filmreifen Aktion wurde die Beute wiederbeschafft. Ein besonders wertvolles Stück wird nun versteigert.

          Sie kamen mitten in der Nacht und raubten Märklin die Seele der Markengeschichte. Vor zehn Jahren drangen in der Nacht auf den 18. Januar 2005 drei Einbrecher in das Museum des Spielzeugherstellers ein, öffneten brutal die Vitrinen und verschwanden mit den teuersten Stücken der Göppinger Sammlung. Schnell stellte sich heraus, dass der Raub minutiös geplant und vorbereitet worden war. Den Alarmgeber an der Fluchttür hatten die Einbrecher am Tag vorher zerstört, die Sirene auf dem Flachdach füllten sie mit Bauschaum aus.

          Weniger professionell gingen die Gangster beim Abtransport der Beute vor. Roland Gaugele, damals Museumsleiter und Pressesprecher bei Märklin, ist noch heute sichtlich erschüttert, wenn er die Szenerie beschreibt, die sich ihm am nächsten Morgen bot: Zwischen den Splittern des Vitrinenglases lagen noch Fragmente der wertvollen Exponate – das ließ nichts Gutes für deren Zustand erahnen.

          Interpol wurde auf einen Hehler aufmerksam

          Die Liste der gestohlenen Preziosen war lang. Das 1891 gebaute „Storchenbein“, die älteste Modell-Lokomotive der Märklin-Geschichte, war ebenso darunter wie Schiffsmodelle, Dampfmaschinen und Modellbahnfahrzeuge in verschiedenen Spurweiten. Auch das „Krokodil“ in Spur 0 war verschwunden – die Miniatur der Schweizer Gotthard-Lok (Baureihe Ce 6/8II der SBB) gilt als Märklins Wappentier. Insgesamt fehlten rund 200 Stücke. Gesamtwert: 1,7 Millionen Euro.

          Es begann eine intensive Fahndung nach den Einbrechern, auch die internationale Gemeinde der Märklin-Sammler trug mit vermeintlich heißen Tipps dazu bei. „Ich habe jeden Tag bis zu eine Stunde damit verbracht, diese Hinweise zu falsifizieren, die bis aus Australien kamen“, erinnert sich Gaugele an die Tage nach dem Raub. Der entscheidende Hinweis kam dann Wochen später aus Wien.

          In der österreichischen Hauptstadt waren Beamte von Interpol auf einen Hehler aufmerksam geworden, der eine große Sammlung historischen Spielzeugs auf den Markt bringen wollte. Aber waren es die gesuchten Exponate aus dem Göppinger Museum? Im Lauf der Ermittlungen würde die Polizei einen Experten brauchen, der die historischen Spielzeuge einwandfrei identifizieren konnte, und der sich zudem als Lockvogel zur Verfügung stellen würde. Gaugele sagte zu.

          Carabinieri machten Zufallsfund

          Was dann passierte, erinnert an den Plot eines Thrillers: stundenlanges Warten am Wiener Südbahnhof, endlich ein Anruf auf dem Telefon des verdeckten Vermittlers, der Kunde solle zu einer Limousine kommen, die an der nächsten Kreuzung warte. Jetzt war Märklin-Mann Gaugele auf sich gestellt. Er ging zu dem schwarzen Wagen, stieg ein. Drinnen schob ihm ein untersetzter Mann in Lederjacke einen Schuhkarton zu und fragte knapp: „Was ist das wert?“

          Für den Göppinger war auf den ersten Blick klar, dass die Sammelstücke in der Pappkiste aus dem Museum stammten. „Von diesem Moment an lief die Fahndung mit mehr als 100 Beamten auf Hochtouren.“ Es folgte eine aufwendige Ermittlung mit Observierungen und fingierten Übergaben. Gaugele stand in Göppingen stets auf Abruf, um die Polizei-Aktion mit seiner Expertise zu unterstützen. Schließlich schnappte die Falle zu, der Wiener Kripo gingen die Hehler und einer der Einbrecher ins Netz. Auch rund 80 Prozent der gestohlenen Stücke wurden sichergestellt.

          Noch aber fehlten die beiden weiteren Räuber und eine Reihe besonders wertvoller Exponate. Da kamen zwei Tage später der Zufall und die Aufmerksamkeit einer italienischen Polizeistreife den Ermittlern aus Österreich und Deutschland zu Hilfe. Die Carabinieri stoppten auf der Autobahn in Richtung Slowenien einen verdächtigen Wagen, in dem sie Mitglieder einer Schleuserbande vermuteten. Stattdessen tauchten im Kofferraum die fehlenden Märklin-Objekte auf.

          Persönlicher Neuanfang nach der Märklin-Insolvenz

          Auch die beiden großen Blechschiffe wurden in Italien sichergestellt, darunter die „Augusta Victoria“ – damals als Leihgabe eines privaten Sammlers bei Märklin gezeigt und eines der wertvollsten Stücke des Raubes. Während die Exponate in Firmenbesitz nach der Wiederbeschaffung ins Museum zurückkehrten (und teilweise noch heute die Spuren der rauen Behandlung durch die Diebe zeigen), stellte der Sammler sein rares Blechschiff nicht mehr in Göppingen aus.

          Zehn Jahre nach dem Raub hält Gaugele den Dampfer nun doch wieder in Händen – diesmal jedoch als Auktionator, nicht als Museumsleiter. Denn nach der Insolvenz Märklins im Februar 2009 (kurz vor dem 150-Jahr-Jubiläum des Unternehmens) verlor Gaugele nach 30 Jahren seine Stelle. Zunächst wandte der ehemalige Museumsleiter sein Wissen über historisches Spielzeug als Kurator von Ausstellungen und als Gutachter an. 2013 gründete er schließlich gemeinsam mit Hans-Georg Grupp, einem vereidigten Sachverständigen für Blechspielzeug, das Auktionshaus Hohenstaufen in Göppingen.

          Bei der nächsten Auktion des Hauses am Göppinger Rosenplatz kommt nun am 21. Februar die 1,20 Meter lange Miniatur der „Augusta Victoria“ zur Versteigerung. Das Modell wurde von Märklin als schwimmfähiges Antriebsmodell mit Elektromotor gebaut, zudem ließe sich eine Dampfmaschine nachrüsten. Benannt ist das Spielzeugschiff nach einem Schnelldampfer, der 1889 bei der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Actien-Gesellschaft (Hapag) in Dienst gestellt wurde. Eigentlich sollte das Schiff den Namen der deutschen Kaiserin Auguste Victoria tragen. Vor dem Stapellauf hatte sich jedoch ein (im Original erst 1896 korrigierter) Schreibfehler eingeschlichen, den Märklin damals in aller Detailtreue übernahm. Der Schätzpreis für das Schiffsmodell liegt bei mehr als 100.000 Euro.

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